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Ein Arbeitsplatz in Ghana: Hier suchen Menschen in unserem Wohlstandsmüll nach verwertbaren Resten, die sie weiterverkaufen können. Gefahren wie giftige Gase nehmen sie dabei in Kauf, um ein paar Cent am Tag zu verdienen. Ein Kreislauf, bei dem die reichen Länder die Kosten ihres verschwenderischen Lebens in ärmere Länder exportieren: Aus den Augen, aus dem Sinn. Dagegen hält der Predigttext: Entzieh dich nicht deiner Verantwortung! Foto: Heinrich Mühlenmeier

Gefährlicher Überfluss

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 40 / 2019

Heinrich Mühlenmeier | 4. Oktober 2019

Über den Predigttext zum Erntedankfest: : Jesaja 58, 7-12

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Ein Arbeitsplatz in Ghana: Hier suchen Menschen in unserem Wohlstandsmüll nach verwertbaren Resten, die sie weiterverkaufen können. Gefahren wie giftige Gase nehmen sie dabei in Kauf, um ein paar Cent am Tag zu verdienen. Ein Kreislauf, bei dem die reichen Länder die Kosten ihres verschwenderischen Lebens in ärmere Länder exportieren: Aus den Augen, aus dem Sinn. Dagegen hält der Predigttext: Entzieh dich nicht deiner Verantwortung! Foto: Heinrich Mühlenmeier
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Heinrich Mühlenmeier (57) ist ehrenamtlicher Umweltbeauftragter in der Lippischen Landeskirche, Diplom-Ingenieur und Mitarbeiter der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel

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Predigttext (im Auszug)
7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Erntedank 1979. Es ist Herbst. Meine Eltern und ich blicken zurück auf die diesjährige Ernte unseres landwirtschaftlichen Betriebes. Das Getreide hat reichlich auf den Feldern gestanden, das Heu ist gelungen. In anderen Jahren gab es Grund zur Sorge: Während der Heuernte hatte es geregnet und ein Teil war verdorben, oder das Gras während einer Trockenheit nicht ausreichend gewachsen. Würde also das Futter für die Kühe im Winter ausreichen? Seit Generationen lebten wir von und mit dem Jahreslauf. Vieles kam direkt aus dem Garten, vom Feld oder aus dem Stall bei uns auf den Tisch.

Heute, 2019, sieht mein Leben anders aus: Die Wochen reihen sich aneinander, ein Monat folgt dem nächsten. Erntedank ist auch für mich nur zum Fest des Kirchenjahres geworden.

Unser Tisch ist mehr als reichlich gedeckt

Die Ernte meines Gartens besteht aus einigen Äpfeln und Johannis- und Brombeeren. Dennoch ist unser Tisch mehr als reichlich gedeckt. Vieles andere kann ich mir inzwischen leisten. Ein neuer Laptop? Jetzt oder im nächsten Jahr? Meine Wünsche kann ich mir erfüllen. Die Frage ist nur: Wann?

Ich möchte Sie mitnehmen auf eine Reise: Vor einigen Jahren wurde ich als Umweltbeauftragter meiner Landeskirche zu einem Besuch unserer Partnerkirche in Ghana eingeladen. Gerade erlebte ich noch das moderne Accra, eine pulsierende Metropole Westafrikas. Jetzt stehe ich auf einer riesigen Müllhalde. Beißender Qualm umgibt mich und meine Begleiter. Wo bin ich hier? Was ist hier los? Entsorgt so die Stadt Accra ihren Müll? Doch was ist das: Da liegt eine Plastiktüte mit dem Namen eines Discounters, den ich doch so gut von zu Hause aus Deutschland kenne. Da noch mehrere! Wie kommen die hierher? Sollte das etwa unser deutscher Müll sein, die Reste unseres Überflusses?

Vom Kleinbauern zum Müllarbeiter

Ich bin verwirrt. Warum bewacht ein Mann sein Feuer? Er geht ein paar Schritte weiter. Suchend schaut er sich um. Er findet einen Laptop und wirft ihn ins Feuer. Jetzt erkenne ich: Da brennen Kabel, Computerplatinen, Bruchstücke von Elektrogeräten. Das Feuer brennt nicht zufällig. Es ist sein Arbeitsplatz. Er hustet immer wieder. Er versucht, die Metalle aus dem Müll herauszuschmelzen und riskiert dabei seine Gesundheit. Kleine, herausgelöste Metallstücke wird er später verkaufen.

Meine Begleiter erklären mir: Dieser Mann war ursprünglich ein Kleinbauer. Die Ernte seines Feldes und eine kleine Hühnerzucht reichten für ein auskömmliches Leben seiner Familie im Heimatdorf. Seit billige, gefrorene Geflügelabfälle aus Deutschland den ghanaischen Markt überschwemmten, konnte er seine Masthähnchen nicht mehr absetzen. Ihm blieb nur der Weg nach Accra und sich den Müllsammlern anzuschließen. Die neue Heimat seiner Familie ist nun die Müllhalde.

Unser Verhalten bestimmt über anderes Leben

Nachdenklich fliege ich nach Hause. So direkt war mir nicht klar, wie zerstörend unser Konsumverhalten für unsere ökumenischen Geschwister ist. Der Mann hungert, weil wir keine ganzen Hühner mehr kaufen und unseren Abfall als Wertstoff exportieren. Die Mann kann keine Rücksicht auf seine Gesundheit nehmen, denn unser Elektroschrott birgt für ihn eine kleine Überlebenshoffnung. Unser Verhalten bestimmt über die Chancen anderer!

Diesen Mann und mich verbindet, dass wir beide Geschwister in der weltweiten Familie Gottes sind. Gott fordert mich heraus. Ich soll mich meiner Verantwortung nicht entziehen und meine täglichen Konsumentscheidungen noch sorgfältiger treffen. So kann mein Lebensstil ein Beitrag für eine gerechtere Welt werden. Und einen neuen Laptop, brauche ich den wirklich?

Gebet

Ewiger Gott, du schenkst uns alles, was wir zum Leben brauchen. Doch es fällt uns schwer zu entscheiden, wann genug genug ist. Hilf uns, die Folgen unseres Konsumverhaltens zu erkennen. Lass dein Licht hervorbrechen und unsere Heilung schnell voranschreiten. Danke! Amen.

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