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Verweile doch, du bist so schön – Momente, die wir festhalten möchten, zerrinnen wie Sand zwischen den Fingern. Und was uns planbar und zuverlässig erscheint, zerrinnt manchmal ganz plötzlich zu Nichts. Hochmut nennt die Bibel das Gefühl, das Leben sicher im Griff zu haben. Demut dagegen ist die Haltung, das Leben aus Gottes Hand zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass er es gut mit uns meint. Übt das ein! – dazu fordert der Predigttext auf. FOTO: SHOWPX

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Alles im Griff?

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 40 / 2019

Von Anke von Legat | 27. September 2019

Über den Predigttext zum 15. Sonntag nach Trinitatis: 1. Petrus 5, 5b-11

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Verweile doch, du bist so schön – Momente, die wir festhalten möchten, zerrinnen wie Sand zwischen den Fingern. Und was uns planbar und zuverlässig erscheint, zerrinnt manchmal ganz plötzlich zu Nichts. Hochmut nennt die Bibel das Gefühl, das Leben sicher im Griff zu haben. Demut dagegen ist die Haltung, das Leben aus Gottes Hand zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass er es gut mit uns meint. Übt das ein! – dazu fordert der Predigttext auf. FOTO: SHOWPX
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Anke von Legat (50) ist Pfarrerin und theologische Redakteurin bei UK.

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Predigttext
5b Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.
10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.

Sie hat den Laden fest im Griff. Im Büro leitet sie eine kleine Abteilung. Die Eigentumswohnung ist fast abbezahlt, die Kinder studieren und gehen ihren Weg. Bis eines Tages das Handy klingelt: „Ich habe Krebs“, sagt ihr Bruder. „Es sieht nicht gut aus.“ Und plötzlich steht sie da – mit leeren Händen.

Für ihn läuft alles rund. Seine Arbeit ist interessant und vielseitig. Seine Familie ist fröhlich, und dann ist da noch sein Engagement in der Flüchtlingsarbeit, das zwar Zeit kostet, aber auch eine große Bereicherung darstellt. Bis eines Tages die Tochter schreit: „Mit euch halte ich es nicht mehr aus. Ich ziehe in eine Wohngruppe.“ Und plötzlich steht er da – mit leeren Händen.

Wenn nicht mehr zählt, was vorher zählte

Sie hatten sich alles so schön ausgemalt. Im Ruhestand wollten sie reisen, sich ganz viel Zeit nehmen und nachholen, was im Alltag von Arbeit und Familie zu kurz kam. Jetzt freuen sie sich auf die erste Wohnmobil-Tour. Bis er eines Tages vergisst, wo das Auto geparkt war und am nächsten die Tür zum Bad nicht mehr findet. Diagnose: Alzheimer. Und plötzlich stehen sie da – mit leeren Händen.

Wenn von jetzt auf gleich nicht mehr zählt, was vorher zählte: dass wir uns doch immer angestrengt haben. Dass wir doch nur das Beste wollten. Dass andere uns ihre Anerkennung gezollt haben für das, was wir erreicht haben, und dass wir stolz darauf waren. Wenn das, worauf wir uns verlassen haben, plötzlich zwischen den Fingern zerrinnt – dann ist sie da, die Stunde der Demut.

„Demut ist das Bewusstsein von der Erbarmungswürdigkeit des Menschen“, hat der Politiker Wolfgang Thierse einmal gesagt. Und Erbarmen brauchen wir – merkwürdigerweise nicht nur für das, was wir schlecht machen im Leben, sondern auch für das, was uns selbst doch so gelungen schien.

Die wenigsten von uns würden sich selbst wohl als hochmütig beschreiben. Aber das Gefühl, das Leben ganz gut im Griff zu haben, das kennen die meisten recht gut. Es wird ja auch von uns erwartet. Selbstbewusst, motiviert, tatkräftig, durchsetzungsfähig sollen wir sein. Und dazu noch freundlich, aufmerksam, zugewandt, achtsam. Mit diesen Eigenschaften bekommen wir Erfolg, Anerkennung und Zuwendung – und damit das Gefühl, eigentlich ganz o.k. zu sein.
Das ist es, was der Predigttext mit Hochmut meint: das Gefühl, aus uns selbst heraus doch recht gut klarzukommen.

Hochmut – das Gefühl, selbst klarzukommen

Aber was, wenn selbst diese guten Erfahrungen ihre Schattenseiten zeigen? Wenn wir feststellen müssen, dass wir den Erfolg im Beruf mit einer Entfremdung von unserem Partner erkauft haben – oder die viele Zeit fürs Ehrenamt mit weniger Zeit für die Kinder oder uns selbst? Was, wenn das Gefühl, das Leben im Griff zu haben, sich gegen uns wendet und wir plötzlich wahrnehmen müssen: Etwas anderes hat uns im Griff?

Dann kommt der Zeitpunkt, den Hochmut des Machens und Könnens aufzugeben und uns unter die gewaltige Hand Gottes zu demütigen, wie es im Predigttext heißt. Das ist nicht als Drohung gemeint; nicht als zähneknirschende Unterwerfung, sondern als Erleichterung.

Mit leeren Händen vor Gott stehen

Wenn wir loslassen, was wir im Griff zu haben meinten, die leeren Hände ausstrecken und beten: „Gott, ich kann nicht mehr – sorg du!“ – dann bekommen wir eine Freiheit geschenkt, die mehr wert ist als Erfolg oder Zufriedenheit. Eine Haltung, die tiefe Sicherheit verspricht; ein Gehaltenwerden im Gelingen wie im Scheitern. Denn es gilt die Verheißung: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Gebet: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm du mir entgegen. Amen. (EG 382)

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