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Nur wenn wir anderen die Hand reichen und das, was wir selbst als Geschenk bekommen haben, mit ihnen teilen – nur dann wächst Segen. Das erfährt Jakob, nachdem er mit allen möglichen Tricksereien versucht hat, Gottes Segen für sich ganz allein zu beanspruchen. Bis er versteht, dass Segen mehr ist, als das, was er in Händen hält, vergehen allerdings viele Jahre. Gut, dass Gott geduldig ist und ihm ab und zu einen Gedankenanstoß schickt – siehe Predigttext. Foto: paulaphoto

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Wo Segen wächst

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 39 / 2019

Thomas Lunkenheimer | 20. September 2019

Über den Predigttext zum 14. Sonntag nach Trinitatis: 2. Mose 28,10-22

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Nur wenn wir anderen die Hand reichen und das, was wir selbst als Geschenk bekommen haben, mit ihnen teilen – nur dann wächst Segen. Das erfährt Jakob, nachdem er mit allen möglichen Tricksereien versucht hat, Gottes Segen für sich ganz allein zu beanspruchen. Bis er versteht, dass Segen mehr ist, als das, was er in Händen hält, vergehen allerdings viele Jahre. Gut, dass Gott geduldig ist und ihm ab und zu einen Gedankenanstoß schickt – siehe Predigttext. Foto: paulaphoto
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Thomas Lunkenheimer (53) ist Theologischer Vorstand der Diakonie Stiftung Salem in Minden/Westfalen.

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Predigttext (in Auszügen)
10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 (...) Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. (...) 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. 16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. (...)20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen 21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein. 22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

Jakob hat viel vor. Dazu ist ihm fast jedes Mittel recht. Seinen Bruder Esau trickst er geschickt aus. Seinen Vater Isaak führt er hinters Licht. Und in einem günstigen Augenblick holt er sich, was ihm nicht zusteht.

Ist nicht jeder seines Glückes Schmied? Auf dem Weg nach oben muss man halt seine Ellenbogen gebrauchen. Wer da zu zimperlich ist, kommt auf der Leiter des Erfolgs nicht voran. So denkt Jakob. Doch dann hat er diesen Traum.
Eine Leiter verbindet Himmel und Erde. Niemand muss sich da nach oben kämpfen. Im Gegenteil. Engel steigen daran auf und nieder. Gottes Boten stehen in ständigem Kontakt zwischen Gott und den Menschen.

Wäre die ganze Betrügerei nicht nötig gewesen? Hätte Gott ihn auch so gesegnet – ohne das ergaunerte Vorrecht des Erstgeborenen? Jakob kommt ins Grübeln. Doch ganz sicher ist er sich noch nicht. Darum schlägt er Gott einen Handel vor: Wenn du für mich sorgst und mich behütest, dann sollst du mein Gott sein. Wenn du mir das Lebensglück schenkst, hinter dem ich so her bin, dann will auch ich mich erkenntlich zeigen.

Was für ein eigenartiges Gebet. Im Grunde ist das unverschämt. Und doch hört Gott zu. Er lässt sogar wahr werden, wovon Jakob träumt. Doch erst nach vielen Jahren begreift Jakob, dass Gottes Segen mehr ist als Wohlergehen und Erfolg. Als er nach Jahren im Exil heimkehrt, haben sich nicht nur die Zeiten geändert. Jakob ist ein anderer geworden. Er hat am eigenen Leib erfahren, wie sich das anfühlt, betrogen zu werden. Er kehrt zurück als ein gemachter Mann. Doch erst als sein Bruder Esau bereit ist, sich mit Jakob zu versöhnen, findet er Frieden. Erst mit den Jahren begreift er, dass Segen mehr ist als das, was er in seinen Händen hält.

Da, wo Menschen sich Hände reichen, wächst Segen. Wo Hände sich öffnen und mit anderen teilen, wächst Segen. Wo eine für die andere die Hände faltet, wird Segen weitergegeben.

Wie schnell verwechseln wir Wohlstand mit Segen? In unseren Gebeten schlagen wir Gott gerne alles Mögliche vor, was er doch tun oder lassen möge. Und viel zu selten fragen wir danach, worauf Gottes Segen ruht. Der besondere Traum ließ Jakob ins Nachdenken kommen. Nehmen wir Gottes Hinweise wahr und ernst?

Noch nie ging es so vielen Menschen in unserem Land so gut wie heute. Doch unsere Fähigkeit zum Teilen hat mit dem Wohlstand nicht immer Schritt gehalten. Noch nie hat unser Land in den vergangenen Jahrhunderten eine so lange Zeit des Friedens erlebt. Doch viele wollen nicht mehr wahrhaben, wie sehr wir Deutschen nach dem Krieg von der Vergebungs- und Opferbereitschaft anderer profitiert haben.

Jakob hatte einen eigenartigen Traum. Dieser hat nicht gleich alles zurechtgerückt. Aber er hat Jakob zum Nachdenken gebracht. Jahre später begreift er, was Gottes Segen wirklich ausmacht: Er ist Geschenk. Er dient nicht dazu, es besser zu haben als andere. Oder auf Kosten anderer zu leben. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen. Schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn. So singen wir oft am Ende des Gottesdienstes.

Nicht die Ellenbogen verschaffen uns bleibenden Erfolg. Auf diese Weise wird man schnell einsam. Segen wird gerade dort spürbar, wo wir für andere einsetzen, was unser eigenes Leben reich macht. Wo wir mit dazu beitragen, dass Gottes Menschenfreundlichkeit für alle spürbar wird.

Gebet

Heiliger Gott, wenn wir um deinen Segen bitten, denken wir oft zuerst an uns. Wir bitten für die Menschen, die uns wichtig sind. Du hast ein großes liebendes Herz für alle Menschen. Hilf uns, deine Gaben miteinander zu teilen. Lass uns so zum Segen werden für andere. Amen.

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