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Das Wunder von Dortmund

30 Jahre Mauerfall

Aus der Printausgabe - UK 39 / 2019

Gerd-Matthias Hoeffchen | 26. September 2019

Die Wende ist auch eine Geschichte beiderseitiger Enttäuschungen. Aber diese Geschichte trägt einen Funken Hoffnung in sich: Wunder sind möglich.

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Es ist jetzt fast 30 Jahre her. Da setzte sich mein Onkel Horst ins Auto, neben sich die Tante, und fuhr los. Gerade war die Mauer gefallen, und endlich bestand die Möglichkeit, den Westen mit eigenen Augen zu sehen. Also stiegen die beiden in ihren Wartburg. Straßenkarte, Ergriffenheit und Wechselwäsche im Reisegepäck. Und fuhren von Leipzig zur Verwandtschaft ins Ruhrgebiet.
Was für ein Wiedersehen. Nicht nur die Familie feierte, auch Nachbarn, Freunde, zufällig Vorbeikommende.

Welche Ausnahmestimmung herrschte, damals, im Herbst 1989, wird deutlich an einer Szene im Kaufhaus. Tante und Onkel waren mit dem Neffen in die Dortmunder Innenstadt gefahren. Wie staunten sie über Hemden, Blusen und Rasierapparate im Überfluss.

Und plötzlich standen da die Verkäuferinnen und Verkäufer um sie herum.  Kundschaft drängte dazu. „Ihr seid von drüben? Herzlich willkommen!“ Alle waren froh, glücklich, stolz. Sogar die Geschäftsleitung eilte herbei.

Ja, so fühlten wir damals: Jetzt kommt zusammen, was zusammengehört.
Sehr lange hat dieses Gefühl nicht gehalten. Die Ernüchterung kam bald.
30 Jahre Wende – das ist auch eine Geschichte der Enttäuschungen. Auf beiden Seiten. Auf der einen Seite jene, die sich als „Ossis“ abgestempelt sehen. Quasi als Beutegut eines verlorenen Systemkampfes zwischen Ost und West. Nicht nur mein Onkel hat sein späteres Leben darunter gelitten, dass er sich als Staatsbürger zweiter Klasse fühlte. „Wir werden wie unmündige Kinder behandelt“, sagte er. „Alles, was wir erlebt, gedacht und auf die Beine gestellt haben, ist aus eurer Sicht minderwertig und schlecht.“

Auf der anderen Seite wir, die Besser-„Wessis“. Noch heute – seien wir ehrlich – kommen uns Begriffe wie „Undankbarkeit“ und „Anspruchsdenken“ in den Kopf, wenn wir an die Menschen im Osten denken. Milliarden wurden in den Aufbau Ost gepumpt. Auch wenn das nicht überall blühende Landschaften ergab, so doch immerhin Freiheit und Demokratie.

Und nun erleben wir, wie Freiheit und Demokratie in eine Richtung abdriften, die einem Angst und Bange macht. Nicht nur im Osten. Aber da besonders. Der Erfolg der AfD hat viele Gründe. Ein entscheidender ist, dass diese Partei auch ein Sammelbecken für die Enttäuschten, Unzufriedenen und Verunsicherten darstellt. Wenn heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, auf den Straßen von Leipzig und Dresden wieder die Rufe „Wir sind das Volk“ skandiert werden, so kann man das zu Recht als Geschichtsvergessenheit und Verrat an der damaligen Protestbewegung sehen. Es zeigt aber auch, wie gewaltig noch immer die Aufgaben sind, die sich durch die Wiedervereinigung ergeben haben.

Eine der zentralen Herausforderungen dabei wird sein, sich nicht durch die Enttäuschungen leiten zu lassen. Sondern durch etwas, das vielleicht Gottvertrauen erfordert, aber eben auch zur gemeinsamen Geschichte zählt und an deren Anfang stand: Wunder sind möglich.

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