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Angebliche Danziger „Landespolizisten“ und Grenzbeamte stellen den Abriss des polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach. Ein weiteres Beispiel der NS-Propaganda. Foto: Hans Sönnke/Wikipedia

Kennwort: „Großmutter gestorben“

Geschichte

Aus der Printausgabe - UK 36 / 2019

Dirk Baas | 1. September 2019

Vor 80 Jahren steckte Adolf Hitler Europa in Brand. Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit der Invasion in Polen. Als Anlass diente ein fadenscheiniger Trick: Als Polen verkleidete SS-Männer überfielen den deutschen Sender Gleiwitz.

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Angebliche Danziger „Landespolizisten“ und Grenzbeamte stellen den Abriss des polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach. Ein weiteres Beispiel der NS-Propaganda. Foto: Hans Sönnke/Wikipedia
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16. März 1939. Adolf Hitler schaut auf Prag herab. Foto: Wikipedia

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Ein deutscher Vertreter für Landmaschinen ist der erste offizielle Tote des Zweiten Weltkrieges: Franz Honiok, 1898 geboren. SS-Soldaten, verkleidet als polnische Freischärler, erschießen ihn beim inszenierten Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz (Gliwici) – Adolf Hitlers selbst geschaffener Anlass für den Überfall auf Polen am 1. September 1939. „Kaum eine Kriegslüge wurde so aufwendig in Szene gesetzt wie das Schauspiel von Gleiwitz. Es ging nicht allein darum, Informationen zu verfälschen, es war eine Kampf- und Mordaktion“, urteilt der Historiker Ralf Zerback über das „Unternehmen Tannenberg“ vor 80 Jahren.

Im Ausland glaubte man Hitler nicht mehr

Hitler will den Krieg, aber in der Öffentlichkeit nicht als Angreifer gelten. SS-Chef Reinhard Heydrich verspricht deshalb ein geheimdienstliches „Meisterstück, das aller Welt einwandfrei beweist, dass Polen diesen Krieg begann“. Dazu macht er sich die von der NS-Presse systematisch aufgeheizte nationalistische Stimmung im Grenzgebiet zunutze.

„Gleiwitz und die anderen ähnlichen Operationen hatten eine innenpolitische Stoßrichtung“, sagt der Historiker John Zimmermann vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages. „Es ging darum, sich vor der deutschen Bevölkerung zu rechtfertigen. Im Ausland glaubte man Hitler ohnehin längst nicht mehr. Das war spätestens mit dem Bruch des Münchner Abkommens 1938 passé.“

SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks fährt Ende August mit fünf oder sechs Männern nach Gleiwitz. Über Tage warten sie auf das in Berlin vereinbarte Codewort für die Scheinattacke: „Großmutter gestorben“.

Hitler hat bereits eine Woche zuvor seinen führenden Militärs auf dem Obersalzberg erklärt: „Ich werde propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht.“

Am 31. August dann ist es so weit: Naujocks Freischärler-Kommando dringt gegen 20 Uhr in die Sendestation nordwestlich von Gleiwitz an der Tarnowitzer Straße ein. Damit die Aktion glaubwürdig erscheint, muss auch ein toter Deutscher her: Honiok. Am Tag zuvor von zwei Gestapo-Männern festgenommen, wird er vermutlich betäubt und zum Sender gebracht.

Die als Polen verkleideten SS-Leute überwältigen die vier Sendetechniker und sperren sie in den Keller. Ihr Auftrag ist es, das Programm zu unterbrechen und einen Aufruf auf Polnisch zu verlesen. Problem: In der Sendestelle gibt es gar kein Studio. Naujocks berichtete später: „Dann haben wir uns heiß gesucht, damit wir die Sendung durchbekamen.“

Der Sender Gleiwitz hatte nur eine geringe Reichweite

Einer der Techniker wird aus dem Keller nach oben geschafft. Der schließt ein sogenanntes Sturmmikrofon an. Damit kann die Hörfunkleitung mitteilen, wenn eine Sendung – etwa bei Gewitter – gestört ist. Es knackt und knarrt im Äther, dann folgt der Aufruf:
„Achtung! Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand (...) Die Stunde der Freiheit ist gekommen!“ Es folgt eine vierminütige Rede, die mit dem Aufruf „Hoch lebe Polen!“ endet.

Im Gebäude wird Honiok erschossen, von wem, ist unklar. Der Tote bleibt liegen, als das Überfallkommando wieder in der Dunkelheit verschwindet. Was später mit seiner Leiche geschieht, ist nicht bekannt.

Die erhoffte mediale Wirkung der kaum 15-minütigen Provokation bleibt jedoch aus. Denn die Attacke der SS ist miserabel geplant: Sie hat keinen Sender mit großer Reichweite überfallen, sondern nur die Verstärkerstation für den 150 Kilometer entfernten Sender Breslau, dessen Sendungen außerhalb Schlesiens nicht empfangen werden können.

Das bemerkt auch Heydrich, dessen Volksempfänger in der Hauptstadt auf der Gleiwitzer Frequenz stumm bleibt. Deshalb wird vom Berliner Sender aus das Kommuniqué zwei Stunden später noch einmal auf Deutsch verlesen.

In der späteren Nacht verüben SS-Kommandos weitere Scheinattacken an der Grenze: Rund 30 als polnische Soldaten verkleidete Männer überfallen die Zollstation bei Hochlinden, schießen um sich, verwüsten das Gebäude und lassen sechs Tote zurück – es sind zuvor ermordete KZ-Häftlinge. Eine dritte Aktion richtet sich gegen das Forsthaus Pitschen in der Nähe von Kreuzburg.

Dann ist Eile geboten. Die Gestapo muss an den Überfallorten sofort mit ihren Scheinermittlungen beginnen, auch braucht die Berliner Zentrale für die Presse Fotos der Leichen. Anschließend werden die Opfer im Wald verscharrt.

Propaganda spricht von polnischen Überfällen

Die Propagandamaschine ist da längst angelaufen. Schon um 22.30 Uhr berichtet der Rundfunk über sich häufende Zwischenfälle an der Grenze. Hitler erwähnt in seiner vom Radio übertragenen Rede vor dem Reichstag am 1. September die Vorfälle in Gleiwitz und Umgebung namentlich nicht, spricht aber von Gräueltaten: „Nachdem schon neulich in einer einzigen Nacht Grenzzwischenfälle waren, sind es heute Nacht 14 gewesen, darunter drei ganz schwere.“ So manövrierte er Polen in die Rolle des Aggressors, der durch Übergriffe auf Angehörige der deutschen Minderheit den Einmarsch selbst provoziert habe.

Polen habe „heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch durch reguläre Soldaten geschossen. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen“, verkündet der Führer. Auch das stimmt zeitlich nicht: Das Linienschiff „Schleswig-Holstein“ eröffnet das Feuer auf ein Munitionsdepot auf der Westerplatte bei Danzig bereits eine Stunde früher.

An der Schwelle zum Krieg: Das Krisenjahr 1939

Als der britische Premierminister Neville Chamberlain nach der Münchner Konferenz 1938 auf die Insel zurückkehrte, glaubte er, „Frieden für unsere Zeit“ gewonnen zu haben. Eine Fehleinschätzung: Die von den Briten geprägte Appeasement-Politik, Adolf Hitler zum Friedenserhalt weitgehende territoriale Zugeständnisse an der Ostgrenze zu machen, sollte scheitern.

Die Westmächte übersahen, „dass es Hitler nicht um wirtschaftliche Vorteile ging, sondern um Raumeroberung und die Umsetzung seiner Rassenutopie“, urteilt der Historiker Hans-Ulrich Thamer.

Hitler drängte seine Militärs 1939, Angriffsbereitschaft herzustellen. Im März besetzte Deutschland die „Rest-Tschechei“.

Anfang April gab Hitler bereits die Order, den „Fall Weiß“ für den Termin 1. September vorzubereiten – den Angriff auf Polen. „Hitler wollte den Krieg zur Eroberung von ,Lebensraum im Osten‘ führen, musste dafür aufrüsten – und die Rechnung sollten schließlich die überfallenen Länder bezahlen“, erläutert der Historiker John Zimmermann vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages.

Polen wollte keinen Korridor nach Ostpreußen

Polen, das Hitler zunächst als Verbündeten gegen Russland gewinnen wollte, lehnte nicht nur eine Kriegsbeteiligung ab, sondern weigerte sich auch, einem deutschen Korridor nach Ostpreußen zuzustimmen und den Deutschen im Streit um das geteilte Oberschlesien entgegenzukommen. Polen wurde so zum erklärten Feind des Reiches, schon deshalb, weil der östliche Nachbar dem späteren Angriff auf die Sowjetunion schlicht im Weg stand. England und Frankreich gaben im März und Mai 1939 Polen eine Beistandsgarantie für den Fall eines deutschen Angriffs.

Hitler machte nur drei Wochen vor Kriegsbeginn sein weiteres Vorgehen öffentlich. Am 11. August 1939 sagte er zu Carl Jacob Burckhardt, dem Völkerbundkommissar aus der Schweiz: „Alles, was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden.“ Der Publizist Sebastian Haffner sieht darin „den Schlüssel für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges“.

Hitler und Josef Stalin unterzeichneten am 23. August 1939 einen Nichtangriffspakt. Laut Vertrag durfte es keine Unterstützung für den jeweiligen Gegner des Vertragspartners geben. Relevanter waren aber die geheimen Zusatzklauseln. Sie führten zur erneuten Teilung Polens: Den Sowjets sollten alle Teile des Landes im Osten zufallen, die Polen 1921 von Russland übernommen hatte. Geregelt war zudem, dass Stalin seinen Einfluss im Baltikum und in Finnland ausdehnen konnte.
Deutschland sollte Westpolen besetzten – und hätte dann die für das weitere militärische Vorgehen unverzichtbare direkte Grenze mit der Sowjetunion.
Am 22. August 1939 sagte Hitler auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden zur versammelten Spitze seiner Truppen: „Polen ist in die Lage hineinmanövriert worden, die wir zum militärischen Erfolg brauchen.“ Am 1. September begann der Zweite Weltkrieg. epd

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