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Die Bibel lesen

Aus der Printausgabe - UK 34 / 2019

Michael Schneider | 16. August 2019

Woche vom 18. bis 24. August

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Sonntag:    Psalm 70
Montag:     Matthäus 10, 16-26a
Dienstag:     Matthäus 10, 26b-33
Mittwoch:     Matthäus 10, 34-425
Donnerstag:     Matthäus 11, 1-19
Freitag:     Matthäus 11, 20-24
Samstag:     Matthäus 11, 25-30

Was habt ihr erwartet zu sehen? Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. Am Ende des elften Kapitels entwirft das Matthäusevangelium dieses sanftmütige, demütige, vorbildliche Bild von Jesus. Was wir sehen, entspricht den Erwartungen – wie in einem Film, in dem der Jesus-Darsteller diese Verse spricht, mit unendlich sanfter Stimme und Geigenmusik im Hintergrund. Der Text malt ein Bild nahe an idyllischen Weihnachtsszenen: „Wie könnt es doch sein freundlicher das herze Jesulein“. Alles ist gut.

Matthäus benötigt einige Zeit, um uns diesen Jesus zu zeigen. Die wenigen Verse am Ende des Abschnitts zur Bibellese beschreiben die Ruhe nach dem Sturm. Jesus ist nicht immer lieb, ist nicht immer sanft, ist nicht immer demütig. Bist du es? Schwert, Hölle, Unterwelt. Ich will euch entzweien. Ihr seid es nicht wert. Wehe euch! Jesus spricht in die Gegenwart und in die Zukunft hinein. Das offensichtlich Gegenwärtige und das angekündigte Zukünftige sind schwer zu ertragen, auch für Jesus selbst. Bis Matthäus 11,24 geht die Aneinanderreihung der Unerträglichkeiten, eine Beschreibung der Welt, die vielleicht realistisch ist, die man aber einfach nicht hören möchte.

Und dann? Dann fängt Jesus an zu beten, ein Dankgebet. „Zu dieser Zeit fing Jesus an und sprach“ – „Danach rief Jesus aus“ – „In jener Zeit sprach Jesus“… So leiten weit verbreitete Bibelübersetzungen (Lutherbibel, Basisbibel, Einheitsübersetzung) das Gebet Jesu ein und übergehen dabei ein Wort, das dem ganzen Abschnitt eine neue Perspektive gibt. Das Verb, das sich im griechischen Text findet, bedeutet „antworten, reagieren, Angriffen entgegnen, auswählen, entscheiden“. Nicht einfach nur eine Rede, ein Sprechen, ein Ausrufen; das Gebet, das Jesus hier spricht, ist viel mehr: Antwort, Reaktion, Entgegnung, Entscheidung. Matthäus lässt seinen Jesus die ganze Welt, Himmel und Hölle sehen und beschreiben. Die Brüchigkeit im Hier und Jetzt und das Beunruhigende in der Zukunft.

Und dann fängt Jesus an zu beten, nicht einfach so, sondern als Antwort, als Entgegnung, als Reaktion auf all das. Und am Ende ist Jesus sanftmütig, demütig, vorbildlich. Am Ende ist nicht alles gut, aber das Gebet hat etwas bewirkt, den Betenden in eine neue Welt versetzt. Eine Welt, die nicht besser ist, für die es sich aber lohnt, sich auf den Weg zu machen, es noch einmal zu versuchen, andere mitzunehmen, trotz alledem. Und so macht sich Jesus nach dem Gebet wieder auf den Weg – und davon erzählt das nächste Kapitel des Matthäusevangeliums.

Dr. Michael Schneider ist Leiter/Geschäftsführer des Dekanats und Dozent für Neues Testament am Fachbereich Evangelische Theologie Universität Frankfurt am Main.

Wochenlied
Herzlich lieb hab ich dich, o Herr
EG 397

Wochenspruch
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. Lukas 12, 48

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