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Es muss nicht immer Alkohol sein. Es gibt leckere Alternativen. Foto: Brian Jackson

„Verniedlicht und unterschätzt“

Alkohol

Aus der Printausgabe - UK 33 / 2019

Angelika Prauß | 10. August 2019

In Deutschland wird Alkohol oft verharmlost. So mancher bezeichnet ihn als Kulturgut. Doch Wein, Bier und Co. ist weder gesund noch unschädlich. Der Alkoholforscher Helmut Seitz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Folgen der Volksdroge.

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Es muss nicht immer Alkohol sein. Es gibt leckere Alternativen. Foto: Brian Jackson

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Nicht nur beim gemütlichen Grill­abend in einer lauschigen Sommernacht greifen die Deutschen gerne zu alkoholischen Getränken. Das Feierabendbier, der Cocktail in geselliger Runde und der Verdauungsschnaps gehören für viele zum Alltag und guten Leben dazu. Der Mediziner und Buchautor Helmut Seitz untersucht seit Jahren die Folgen. Im Interview mit Angelika Prauß spricht der Direktor des Alkoholforschungszentrums der Universität Heidelberg über die Volks­droge.

Herr Seitz, wie kommt es, dass Sie sich seit über 40 Jahren mit riskantem Alkoholkonsum beschäftigen?
Ich komme aus der Molekularbiologie und bin eigentlich Grundlagenforscher. Im Studium war für mich das Molekül Alkohol von besonderem Interesse. Dieses winzige Molekül greift in den Stoffwechsel der Menschen so ein wie kein anderes – das hat mich fasziniert. Später habe ich mich zum Thema Alkohol und Krebs habilitiert und war langte Präsident der Europäischen Alkoholforschungsgesellschaft. Deswegen bin ich in die Problematik sehr eingebunden.

Warum sind die Deutschen dem Alkohol so zugetan?
In Deutschland wurde immer schon viel getrunken. Politiker sprechen oft von einem Kulturgut. Alkohol wird gerne verniedlicht und verharmlost. Noch immer glauben viele, dass Alkohol gesund ist und nicht schadet.
Außer in den skandinavischen Ländern mit ihrer restriktiven Alkoholpolitik werden in Europa überhaupt viel Bier, Wein und Spirituosen getrunken – so viel wie auf keinem anderen Kontinent. Mit dramatischen Folgen: Eine halbe Million Europäer sterben an einer alkoholbedingen Leberzirrhose. Und allein in Deutschland kommen jedes Jahr 10 000 Babys mit einem Alkoholschaden zur Welt.

Neben Babys im Mutterleib – für wen ist Alkohol besonders gefährlich?
Auch Heranwachsende können sich nicht wirklich frei entscheiden – sie lassen sich stark von der Werbung beeinflussen. Sie beginnen dann mit 13, 14 Jahren, sich zu betrinken. So ein frühes Einstiegsalter geht gar nicht. Denn damit haben sie ein hohes Risiko, abhängig zu werden, Gehirnzellen zu verlieren und später an Krebs zu erkranken.
Auch bei alten Menschen ist der Konsum riskant. Sie nehmen zahlreiche Medikamente ein, bei vielen kommt es dann zu fatalen Wechselwirkungen. Außerdem ist der Stoffwechsel von alten Menschen langsamer, Alkohol wird schlechter verstoffwechselt.

Wie wirkt Alkohol auf den menschlichen Körper?
Beim Abbau von Alkohol entsteht Acetaldehyd, ein sehr giftiges Produkt. Es schädigt die Erbsubstanz und ist eine Ursache von Krebs. Außerdem entstehen bei der Oxidation von Alkohol sehr giftige, radikale Substanzen, die ebenfalls die Zellen schädigen. Aber nicht nur die Leber – nach jüngsten Daten der Weltgesundheitsorganisation werden über 200 Erkrankungen durch Alkohol verursacht oder verschlechtert.
Zudem ist Alkohol nicht nur ein Nervengift, sondern auch ein Suchtmittel. Zwei Millionen Menschen sind derzeit allein in Deutschland alkoholabhängig.

Ein „Gläschen in Ehren“ gilt als vertretbar. Was sagt der Mediziner?
Wenn man den allgemeinen Empfehlungen für Alkoholkonsum folgt, ist bei gesunden Menschen nichts gegen ein Glas Wein am Tag einzuwenden. Wenn Sie es dabei belassen und zwei Tag in der Woche Pause machen, dann haben Sie eine risikoarme Situation – keine risikofreie. Die meisten belassen es aber nicht bei einem Gläschen, sondern trinken drei, vier – und dann wird‘s halt gefährlich. Das Problem: Wie gut jemand Alkohol verträgt, ist sehr individuell. Nicht jeder bekommt Gesundheitsprobleme. Es hängt auch von genetischen und von weiteren Umweltfaktoren ab. Wer etwa zusätzlich raucht, hat ein höheres Krebsrisiko. Stark übergewichtige Alkoholkonsumenten bekommen verstärkt Leberzirrhose. Die gesundheitlichen Risiken werden durch Alkohol also nochmal verstärkt.

Das hält aber kaum jemanden vom Konsum ab … Warum?
Alkohol ist ein soziales Schmiermittel, es euphorisiert, die Leute verlieren die Hemmungen. Das gefällt vielen. Die meisten Menschen glauben, dass sie ohne Alkohol keinen Spaß haben können – überall wird getrunken, um entspannt und gut drauf zu sein, Viele Teenager betrinken sich einfach aus Jux. Aber auch Senioren greifen verstärkt zur Flasche, etwa nach dem Tod des Partners aus Einsamkeit. Es gibt also viele Gründe, warum man trinkt.

Nach allem, was Sie über Alkohol und seine Folgen wissen – trinken Sie selbst überhaupt noch Alkohol?
Durchaus, aber sehr bewusst. Wenn ich ein Glas Wein trinke, dann genieße ich das Glas und freue mich über seinen wunderbaren Geschmack. Ich möchte nicht missionieren, und ich sage nicht, man soll keinen Wein trinken. Wenn man das in Maßen und in der entsprechenden Dosis macht und nach einem Glas aufhört, dann ist das für viele Menschen in Ordnung. Voraussetzung ist, dass man ganz gesund ist und keine Erkrankungen hat, die auch durch kleine Mengen Alkohol schlechter werden.
Nachdem ich mich über 40 Jahre mit dem Thema beschäftigt habe, möchte ich einfach nur auf die Fakten hinweisen. Jeder Mensch kann dann frei entscheiden, was er macht und welches Risiko er eingeht. Er sollte aber wissen, worauf er sich einlässt.

Haben Sie konkrete Tipps für Menschen, die ihren Alkoholkonsum einschränken möchten?
Wenn man es nicht schafft, ein paar Wochen keinen Alkohol zu trinken, ist das ein Alarmzeichen. Dann sollte man sich Hilfe holen, etwa beim Hausarzt. Die meisten werden aber abstinent bleiben können. Wenn man vier bis sechs Wochen durchhält, dann tut das zunächst der Leben gut, sie wird entfetten. Und auch die anderen Organe können sich wieder regenerieren.
Viele trinken bei Stress und Frust zur Entspannung. Alkohol ist ein bequemer „Ausschalter“. Dabei gibt es viel gesündere Alternativen, nicht nur in der Fastenzeit: Für mich persönlich ist Bewegung ein guter Weg, mit Stress umzugehen. Ich treibe dann abends ein wenig Sport. Der Kopf ist wieder frei, und man ist wohltuend müde und entspannt.

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 14. August 2019, 23:36 Uhr


Als 3. Dimension darf bei der Diskussion um Alkohol nicht vergessen werden, daß auch der Staat am Alkohol - Konsum und Umsatz kräftig durch die Bier - und Branntweinsteuern beteiligt ist. Diese Bier- und Branntweinsteuern werden nur durch Beamte der Hauptzollämter akribisch und Liter genau berechnet. Durch die hohen Steuern auf Alkohol. Getränke ist gleichzeitig gewährleistet , daß Alkohol nicht zu billig auf den Mark kommt um nicht noch mehr Alkoholkranke Menschen auf die Gesellschaft los zu lassen. Daher wäre es viel besser und würde vom Alkohol Konsum weg führen, wenn genau so wie auf Zigarettenpackungen , vielleicht Trinker-Sucht-Bilder oder auf den Etiketten die Höhe der " Schnapssteuern " aufgedruckt wäre ! Aber welch große Brennerei- und Brauerei Dynastien mit zig tausenden Arbeitsplätzen und die gesamte Bannbreite der übergroßen festgefahrenen " Feiergesellschaft " hängt als "Rattenschwanz" hinten dran, so daß nicht nur der Alkohol-Konsum sondern auch Arbeitsplätze weniger würden.
So muß als letzter Punkt darüber diskutiert werden, daß als Alternative zum Erhalt der Arbeitsplätze und gleichzeitig als gar nicht neuer Gedanke zum Umweltschutz und saubere Verbrennung , Alkohol als Treibstoff anstatt Diesel und Benzin oder zum Heizen umgenutzt wird.
So sieht man schnell das Alkohol zu sehr unterschätzt wird und hier auch besonders der Teufel, der auch schon in der Bibel damit in Zusammenhang gebracht wird.

Alwite, 15. August 2019, 2:50 Uhr


Verbotene Drogen werden und das nicht einmal knapp, trotzdem konsumiert, bitte wer verdient da nun kräftig ?




Matthäus53, 16. August 2019, 11:39 Uhr


Seit den 70er Jahren verdienen nur die Dealer an dem STOFF. Ab diesem Zeitpunkt brach irgend jemand einen Rechtsstreit vom "§§ Zaun" , so daß Rauschgift (RG) bei der Einfuhr nach D. nicht mehr versteuert werden durfte. ( Was Einfuhr verboten ist kann auch nicht versteuert werden, so der grobe Wortlaut ! ") Jedoch wäre es grundsätzlich besser, wenn RG grundsätzlich versteuert würde, weil dadurch die Steuern beim Versender, Einführer, Händler oder letztendlich auch beim Konsumenten erhoben werden könnten ! Aber, warum mußte der Rechtsstreit überhaupt entstehen, vielleicht wegen dem grundsätzlichen im 1.Satz ?

Alwite, 18. August 2019, 19:49 Uhr


Drogen wie bei Rauchwaren zu verteuern, und sie öffentlich zu verbannen, hat auch nicht genützt, die Menschen rauchen weiter.

Der Appell, Drogen aller Art grundsätzlich nicht zu verniedlichen, sondern sie mit Bedacht zu konsumieren ist von Frau Angelika Prauß ein guter Weg.

Wir können nur immer wieder an die Mündigkeit appellieren. Auf Stärke und Schwäche aufmerksam machen. Die Sucht der Menschen wird sich niemals ausschließen lassen.

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