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Ganz bei der Sache: Hoch konzentriert balanciert das kleine Mädchen einen Stein auf den anderen. Wie schön, wenn auf diese Weise ein buntes Bauwerk entsteht, auch wenn nicht jeder Stein hundertprozentig gerade steht. So sieht der Verfasser des Predigttextes auch die Gemeinde: Auf dem Grundstein Jesus soll und darf jede und jeder ein „lebendiger Stein“ sein, der mit dazu beiträgt, dass Gottes Reich gebaut wird. Die Form ist dabei zweitrangig – auf das Bauen kommt es an. Foto: cicisbeo

Komm, bau mit!

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 31 / 2019

Jens Hoffmann | 26. Juli 2019

Über den Predigttext zum 6. Sonntag nach Trinitatis: 1. Petrus 2, 2-10

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Ganz bei der Sache: Hoch konzentriert balanciert das kleine Mädchen einen Stein auf den anderen. Wie schön, wenn auf diese Weise ein buntes Bauwerk entsteht, auch wenn nicht jeder Stein hundertprozentig gerade steht. So sieht der Verfasser des Predigttextes auch die Gemeinde: Auf dem Grundstein Jesus soll und darf jede und jeder ein „lebendiger Stein“ sein, der mit dazu beiträgt, dass Gottes Reich gebaut wird. Die Form ist dabei zweitrangig – auf das Bauen kommt es an. Foto: cicisbeo
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Jens Hoffmann (37) ist Pfarrer in der Kirchengemeinde Verl und Polizieiseelsorger im Kirchenkreis Gütersloh.

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Predigttext (in Auszügen)
2 Genauso, wie ein neugeborenes Kind auf Muttermilch begierig ist, sollt ihr auf Gottes Wort begierig sein, auf diese unverfälschte Milch, durch die ihr heranwachst, bis das Ziel, eure endgültige Rettung, erreicht ist. 3 Ihr habt von dieser Milch ja schon getrunken und habt erlebt, wie gütig der Herr ist. 4 Kommt zu ihm! Er ist jener lebendige Stein, den die Menschen für unbrauchbar erklärten, aber den Gott selbst ausgewählt hat und der in seinen Augen von unschätzbarem Wert ist. 5 Lasst euch selbst als lebendige Steine in das Haus einfügen, das von Gott erbaut wird und von seinem Geist erfüllt ist. (...) 7 Euch also, die ihr glaubt, kommt der Wert dieses Steins zugute. Doch was ist mit denen, die an ihrem Unglauben festhalten? Es heißt in der Schrift: »Der Stein, den die Bauleute für unbrauchbar erklärten, ist zum Eckstein geworden.« 8 Und an einer anderen Stelle heißt es: »Es ist ein Stein, an dem sich die Menschen stoßen, ein Fels, an dem sie zu Fall kommen.« Sie stoßen sich an diesem Stein, wie es allen bestimmt ist, die nicht bereit sind, Gottes Botschaft Glauben zu schenken. 9 Ihr jedoch seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. (...)

(Neue Genfer Übersetzung)

Meine Söhne sind im allerbesten „Lego-Alter“. Gerade vor ein paar Wochen war es ein Pizza-Lieferwagen, der mit großer Begeisterung zusammengebaut wurde. Und seitdem? Seitdem steht der Wagen herum. Denn was meinen Kindern am meisten Spaß macht, ist das Bauen – die Steine an sich sind dann doch langweilig.
Diese Sehnsucht nach Neuem kenne ich selbst auch, genau wie die Monotonie des immer Gleichen.

Von dieser Sehnsucht nach etwas Neuem, bisher kaum Gekannten, spricht auch der Predigttext. Hier baut Gott mit sich selbst und uns ein Gebäude aus lebendigen Steinen, das von seinem Geist erfüllt ist.

Der Verfasser schreibt mit großem Eifer und fordert seine eigene Sehnsucht auch von seinen Leser*innen. Mit derselben Begierde, wie sich ein Säugling auf die Muttermilch stürzt, sollen wir Gottes Wort in uns aufnehmen. „Kommt zu ihm!“, ruft er, und für einen kurzen Moment erfasst mich seine Begeisterung beim ersten Lesen.
Doch dann beginne ich nachzudenken und zu zweifeln. Er schreibt davon, dass sich die Menschen an diesem kostbaren Eckstein stoßen – an Christus, dem Grund des Glaubens, dem menschgewordenen Wort Gottes. Er schreibt von der Trennung zwischen Gläubigen, die das auserwählte Volk sein sollen und den Ungläubigen, die sich an Christus und seiner Botschaft reiben. Und da frage ich mich, ob dieser Text noch meine Gegenwart trifft. Denn ich erlebe es einfach nicht mehr, dass sich Menschen an der christlichen Botschaft stoßen. Ich erlebe vielmehr, dass die christliche Botschaft den meisten egal geworden ist.

Die alten Gebäude – räumlich wie ideell – strahlen keinen Reiz mehr aus, sie sprechen nicht mehr an. Häufig erlebe ich gar keine Kritik durch Kirchenferne, sondern eher die Botschaft: Das ist gut und nett, aber nicht wichtig für mich.
Und dann sehe ich wieder meine Kinder, die auf das alte Spielzeug schauen, das nun einfach nicht mehr wirkt. Und ich frage mich: Fehlt vielleicht der Reiz des Neuen? Fehlen die lebendigen Steine, die Sehnsucht nach dem, was Gott uns gibt?

Ohne die Sehnsucht nach Gott, nach seinem Wort, das uns rettet, bleibt mein Glaube und auch die Kirche kalt und leer. Sie ist solide und gut gebaut – es hat Generationen bewegt und die Generationen haben sie lebendig gehalten. Aber jetzt wirkt es manchmal auf mich, wie ein Sohn beim Trauergespräch sagte: „Die Wohnung ist ohne Vater so tot, alles ist so kalt.“

Vielleicht müssen wir etwas Neues bauen und den Reiz und die Sehnsucht wecken, die bestimmt in allen Menschen schlummert. Wir müssen dafür nicht bei Null anfangen, denn das Fundament bleibt immer Christus.

Deshalb sind wir auch nun an der Reihe, der Aufforderung des Petrusbriefs zu folgen – nicht im Rückblick, nicht in Verwaltung der Vergangenheit, sondern heute und hier: Wir müssen neue Kirchen bauen – in uns und mit uns, als lebendigen Teil davon. Mit ungestillter Sehnsucht wie ein hungriger Säugling, mit der geistvollen Begeisterung des Verfassers – gegen Beliebigkeit, gegen Gleichgültigkeit und gegen die sehnsuchtslose Leere, die zunehmend um sich greift. Lasst uns Neues bauen – in uns und für alle anderen! Oder lasst uns das Gleiche noch einmal bauen, denn die Form ist nicht entscheidend, sondern auf das Bauen kommt es an, auf die Sehnsucht, die Hoffnung und die Begeisterung.

Gebet:

Guter Gott, mit Dir ist unser Leben reich,  Dein Wort inspiriert uns, Dein Geist führt uns auf neue Wege. Lass uns ablegen, was nicht zum Leben dient. Gib uns Weitsicht und Mut, neue Schritte zu wagen. Gib das Vertrauen, dass wir auf gutem Grund sind, der uns trägt. Sei bei uns an jedem neuen Tag. Amen.

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Leser-Kommentare öffnen

Ulrich Keßler, 26. Juli 2019, 14:04 Uhr


Lieber Jens Hoffmann:
Das ist wieder einmal eine - gut gemeinte - Andacht, in der es dann doch wieder heißt: "Wir müssen". Jeden Tag ist es in der Zeitung zu lesen. Je nach Partei oder Organisation oder (Eigen-)Interesse heißt es da: "Wir müssen". Ist das also wirklich eine "Frohe Botschaft"? Entspricht das der "Rechtfertigung (allein) aus GNADEN"? - Und wer sind "WIR"?
Wenn (ganz allgemein gesagt) jemand damit nicht nur sich, sondern auch seine Leser meint: Wie kommt er dazu, mich zu vereinnahmen, den er doch gar nicht kennt! Von dem er doch gar nicht weiß, ob ICH das AUCH wirklich MUSS! Warum mutet er mir das zu, wo er doch gar nicht weiß, ob ICH (noch) in der Lage dazu bin, z. B. zu bauen! Darf ich (auch als Alt-68-er!) nicht einfach in der Kirche, in der ich lebe, zuhause SEIN und BLEIBEN, ohne Neubau-Interesse? Weil ich in ihr geborgen und zur Ruhe gekommen bin: "Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes...", Hebräer 4,9ff! - Abgesehen davon:
Was mir in unseren Kirchen fehlt, ist das Besondere unserer Religion, und das ist nicht der Glaube an einen immer Neues fordernden Gott, der auf diese Weise schließlich seine eigen Kinder frisst. Was mir zunehmend fehlt, ist die Verkündigung der "alten" Frohen Botschaft von Jesus Christus, gleich:
Dass er und wie er als ein Gekreuzigter in dieser Welt ein Retter der Verlorenen sein und sie aus ihren Gräbern zurück ins Leben holen, ihnen eine neue - oder eine lebendige - Hoffung geben kann! -
Zum guten/gut gemeinten Schluss:
"Kein Mensch muss müssen. Man ist niemandem in der Welt etwas schuldig, als sich selber" (Lessing). - Wieder ganz allgemein gesagt:
Wer meint, er ganz persönlich müsste, der soll bzw. kann es selber tun. Nur zu!
Mit brüderlichen Grüßen
und guten Wünschen für den kommenden Sonntag
Ihr Ulrich Keßler

Jens Hoffmann, 26. Juli 2019, 19:42 Uhr


Sehr geehrter Herr Keßler,
ich freue mich, dass Sie auf meine Andacht reagieren und halte mich grundsätzlich offen für Kritik, sofern sie inhaltlich überzeugend und gut begründet ist. Ich danke Ihnen auch für die guten Wünsche zum kommenden Sonntag - falls Sie ebenfalls Dienst haben sollten: Ebenfalls alles Gute! (Falls nicht, einfach so einen gesegneten Sonntag!)

Als ich Ihren Kommentar las, der mir primär als eine lehrmeisterliche Auseinandersetzung über homiletische Rhetorik erscheint, wurde ich dann aber doch stutzig - gerade wegen der Rhetorik. Sie sprechen mich direkt an - zumindest als Adressaten, doch dann reden Sie allgemein, in dritter Person über das "müssen" in Texten. Es erscheint wie ein Referat für das öffentliche Publikum und nicht als Rückmeldung an mich. Dabei hätte ich mich sehr gefreut, wenn Sie mit mir direkt ins Gespräch gekommen wären, wie die Eröffnung versprach.
Und ich hätte mich noch mehr gefreut, wenn der konkrete, inhaltliche Diskurs nicht zugunsten rhetorischer Stilmittel vernachlässigt worden wäre. Zumal der Eingang, mit spitzen Konnotationen wie "gut gemeint", "wieder einmal" und die grundsätzliche Verallgemeinerung eines konkreten Textes ebenfalls rhetorische Unsitten sind, wenn man sich nicht auf Schopenhauers "Eristische Dialektik" beziehen möchte. Ich persönlich fänd es sehr spannend mit Ihnen in den Dialog über das "Müssen" in Andacht und Predigt und moderne Rhetorik in Zeitung, Politik und Kirche zu treten. Gern können wir das - auch ohne Öffentlichkeit - nachholen.
Zu Ihrem knappen inhaltlichen Kommentar würde ich nämlich auch gern mit Ihnen diskutieren - denn leider verstehe ich Ihren Wunsch nicht "Dass er und wie er als ein Gekreuzigter in dieser Welt ein Retter der Verlorenen sein und sie aus ihren Gräbern zurück ins Leben holen, ihnen eine neue - oder eine lebendige - Hoffung geben kann". Das ist dogmatisch selbstverständlich richtig - aber, was das für Sie konkret bedeutet, erschließt sich mir nicht aus dem Kommentar. Auch das Zitat aus dem Hebräerbrief erstaunte mich, zumal der unmittelbare Kontext des Zitates dem Lessingzitat aus "Nathan der Weise" und auch (durch seinen aufklärerischen Selbstbezug) meiner protestantischen Überzeugung widerspricht: Hebr. 4,13: "sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen."
Zu guter Letzt möchte ich Ihnen aber auch Recht geben: Ja, ich meine, dass ich muss. Meine Kirche, die gute Botschaft, das Evangelium Jesu Christi sind mir so wichtig, dass ich mit dem Impetus des Verfassers des Predigttextes vielleicht zu adhortativ argumentiert habe. Es tut mir leid, wenn ich jemandem damit Unrecht getan habe oder jemandem das Gefühl der rhetorischen Bevormundung vermittelt habe. Vielen Dank für die Erinnerung daran, es wird meiner Predigt am Sonntag gut tun - Sie sind selbstverständlich im Gottesdienst herzlich willkommen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Jens Hoffmann

Ulrich Keßler, 27. Juli 2019, 15:51 Uhr


Sehr geehrter, lieber Jens Hoffmann,

meine Freude über Ihre so prompte Reaktion auf meinen Kommentar ist ebenfalls groß! Es ist gut, dass Unsere Kirche in diesem Forum dazu einen Raum anbietet! Gerne gehe ich, so gut ich kann, auch auf alles ein, was Sie Ihrerseits angemerkt haben! „Lehrmeisterlich“ wollte ich übrigens nicht sein und bedaure sehr, dass ich den Eindruck bei Ihnen hervorgerufen habe!
Zunächst, also heute, will ich mich aber aufs Wesentlichste beschränken:

Sie haben für den vorgeschlagenen Predigttext die Neue Genfer Übersetzung gewählt. In dieser lautet der Vers 5 - ähnlich wie in der Einheitsübersetzung und der Bibel in gerechter Sprache:
„Lasst euch selbst als lebendige Steine in das Haus einfügen, das von Gott erbaut wird und von seinem Geist erfüllt ist.“
Was ich nun nicht verstehe ist dies:

Warum bleiben Sie nicht bei dem, was dieser Vers besagt, nämlich dass wir uns (voll Vertrauen) Gott zur Verfügung stellen und „in das Haus einfügen“ lassen sollen, das von IHM erbaut wird und von SEINEM Geist erfüllt ist?!
Statt dessen schreiben Sie in Ihrer Auslegung, dass wir „nun an der Reihe“ sind, „heute und hier: Wir müssen neue Kirchen bauen“. „Lasst uns Neues bauen – in uns und für alle anderen!“
Was ist mit Gott? Hat er etwas falsch gemacht oder gar völlig versagt bei seinem Hausbau? Hat er uns (danach) im Stich gelassen? Hat er uns vielleicht expressis verbis selbst dazu beauftragt, seine Rolle zu übernehmen? Oder brauchen wir ihn gar nicht mehr, weil wir uns jetzt selbst genug sind? Manchmal kommen mir solche Gedanken – aber geben sie mir auch das Recht, „nun an der Reihe“ zu sein und anstelle Gottes „neue Kirchen (zu) bauen“, nicht nur für mich, sondern auch „für alle anderen“?! - Zum Schluss:

Sie zitieren am Ende des drittletzten Abschnitts, was ein Sohn beim Trauergespräch sagte: „Die Wohnung ist ohne Vater so tot, alles ist so kalt.“ Was für ein bewegender Satz! Nachdem ich nun einmal darüber geschlafen habe, denke ich: Was für ein Anreiz für eine Predigt! Also dazu, vom Vater, und vom Sohn, und vom Heiligen Geist zu reden (oder auch nur von ihm) und davon, was er in dem leeren Haus in uns bewirken kann! In Abwandlung meines Lessing-Zitates möchte ich es einmal so ausdrücken:
Durch Gottes Geist kann mancher können, was er vorher (noch) nicht oder nicht mehr konnte: Leben. Weiterleben. Überleben. Auferstehen. Neu geboren werden (Vers 2). Und in einem neuen wunderbaren Lichte leben (Vers 9).

Jetzt es ist doch mehr geworden, als ich anfangs dachte. Aber Ihre Andacht hat mich innerlich so sehr dazu bewegt!

Ich wünsche Ihnen und Ihren morgigen Predigthörern, zu denen ich mich allerdings nicht zählen kann, einen gesegneten Sonntag!

Auch diesmal mit brüderlichen Grüßen
Ihr Ulrich Keßler

Ulrich Keßler, 29. Juli 2019, 14:41 Uhr


Sehr geehrter, lieber Herr Hoffmann,
gern folge ich (nun) Ihrem Vorschlag zum Dialog "auch ohne Öffentlichkeit" und werde mich, sobald als möglich, per Email mit Ihnen in Verbindung setzen!
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Ulrich Keßler
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