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Wenn schon Kirchenschlaf, dann richtig: In der Michaeliskirche in Neustadt am Rennsteig kann man übernachten. Foto: René Zieger

Bis neun nicht stören

Kirchentourismus

Aus der Printausgabe - UK 31 / 2019

Uta Schäfer | 30. Juli 2019

Der „mutwillige Kirchenschlaf“ sollte vermieden werden – gilt aber dennoch als gesund und erholsam. Am Rennsteig öffnete nun eine Gemeinde ihre Kirche zum Selbstversuch.

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Wenn schon Kirchenschlaf, dann richtig: In der Michaeliskirche in Neustadt am Rennsteig kann man übernachten. Foto: René Zieger

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Es ist ein Bilderbuchmorgen auf dem Kamm des Thüringer Waldes: Klare Luft, blauer Himmel, Vogelgezwitscher und blühende Wiesen. Vom Kirchturm der Neustädter Michaeliskirche läutet es acht Uhr. Gemächlich erwacht das Leben. Das im neuromanischen Stil erbaute Gotteshaus gehört seit über zwölf Jahren zu den verlässlich geöffneten Kirchen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Doch um diese Uhrzeit ist die Tür noch verschlossen und ein Schild informiert: „Achtung Schlafgäste! Bitte bis 9 Uhr nicht stören!“

Begeistert vom surrealen Licht der Glasfenster

Ein junges Pärchen blinzelt in die Morgensonne. Monica und Meno aus den Niederlanden sind auf der Rückreise von Slowenien, wo sie ihren Urlaub verbrachten. Sie entdeckten im Internet dieses ungewöhnliche Übernachtungsangebot und machten dafür einen großen Umweg, was sie nicht bereuen. Begeistert schwärmen sie vom Rot der farbigen Glasfenster im Chor, dessen surreales Licht sie heute weckte. Geschlafen hätten sie gut, obgleich der große Bau auch ungewohnte Geräusche bereithielt. Die Organisation habe bestens geklappt – Zufriedenheit in jeder Hinsicht.

Horst Brettel, Kirchenherbergsvater im Ehrenamt, freut es. Meistens berichten die Gäste begeistert von ihrem Kirchenschlaf. „Dieser Ort macht etwas mit den Menschen. Das spüre ich immer wieder. Da kommen ganz andere Gedanken als im Pensionsbett.“ Dass es trotzdem einen gewissen Komfort gibt, ist Christel Trauts Sache. Sie bezieht die beiden Betten frisch, legt Handtücher bereit und kümmert sich um die Sauberkeit im Schlafbereich und drüben im Pfarrhaus, wo das moderne Bad genutzt werden darf. Fünfeinhalb Jahre war die Pfarrstelle vakant und gehört seit Anfang 2019 zum Pfarrbereich Großbreitenbach. Etwa 350 Gemeindeglieder zählt der Ort mit knapp 1000 Einwohnern, jeden zweiten Sonntag ist Gottesdienst.

„Wir müssen unsere Kirchen doch mit Leben erfüllen, und ohne Mut wird nichts. Hier passiert kein Vandalismus, und die Einträge ins Gästebuch bestärken uns, einen richtigen Weg gewählt zu haben“, so Horst Brettel. Vor 23 Jahren kam der Oberfranke an den Rennsteig, wurde 2001 in den Gemeindekirchenrat gewählt, gehört seitdem der Kreissynode Arnstadt-Ilmenau an.

Im Ideenwettbewerb „Querdenker 2017“ der EKM und der Internationalen Bauausstellung Thüringen sah er im Projekt „Her(r)bergskirche“ eine Chance und warb unermüdlich dafür. Während eines Workshops wurde eine erste Schlafmöglichkeit im Bereich der Kirchenbänke installiert. Schon in der Testphase kamen 40 Leute. Doch die Betten mitten im Kirchenschiff störten bei Gottesdiensten, Trauerfeiern und anderen Veranstaltungen. 2018 zogen die beiden Matratzen auf einem Holzgestell in den hinteren Kirchenbereich um und können nun mit einem Vorhang abgetrennt werden. In den folgenden drei Monaten nächtigten 93 Touristen, und auch die Neustädter arrangierten sich zunehmend mit der ungewöhnlichen Situation.

Die Schlafgäste kommen aus ganz Europa und kürzlich sogar aus Australien. 15 Euro kostet die Nacht pro Person, und bis zu drei Nächte darf man bleiben. Nach Abzug von Tourismusabgabe und Wäschebehandlung bleibt für die Kirchgemeinde noch etwas übrig, um kleinere Reparaturen zu finanzieren oder kulturelle Angebote für die Region zu organisieren.

„Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu den üblichen Übernachtungsangeboten, sondern als sinnvolle Ergänzung. Menschen werden neugierig, kommen in eine ihnen unbekannte Region, gehen hier essen, kaufen ein und planen wegen der Schönheit der Landschaft vielleicht auch einen längeren Aufenthalt. Davon haben doch alle etwas.“

Buchungen per E-Mail an horst.brettel@t-online.de oder über den Online-Marktplatz „Airbnb“.

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