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Dieses Denkmal am Standort der Baracke "Wolfsschanze" erinnert an das missglückte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Foto: epd

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„Vorbild, kein Attentäter“

Annäherung

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2019

Christoph Renzikowski | 20. Juli 2019

Der Titel ist einigermaßen überraschend. In ihrem Buch „Stauffenberg – mein Großvater war kein Attentäter“ befasst sich die Stauffenberg-Enkelin Sophie von Bechtolsheim mit ihrem Großvater.

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Dieses Denkmal am Standort der Baracke "Wolfsschanze" erinnert an das missglückte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Foto: epd
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Sophie von Bechtolsheim, „Stauffenberg – mein Großvater war kein Attentäter“. Herder Verlag, 133 Seiten, 16 Euro.

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Sie wolle keine „Berufshinterbliebene“ sein, hat Claus von Stauffenbergs Witwe Nina einmal gesagt. Sie und ihre Familie hielten sich viele Jahre im öffentlichen Gedenken an den 20. Juli 1944 zurück. Und doch lässt sich manches Erbe einfach nicht ausschlagen, selbst von der dritten Generation nicht. Zum 75. Jahrestag des gescheiterten Umsturzversuchs legt die Stauffenberg-Enkelin Sophie von Bechtolsheim im Herder-Verlag ein Buch über ihren „Opapa“ vor – und überrascht bereits im Titel mit einem Einspruch: „Mein Großvater war kein Attentäter“.

Die gelernte Historikerin und Kommunikationswissenschaftlerin, Jahrgang 1968, beschreibt in ihrem Essay eine höchst persönliche Annäherung an den prominenten Vorfahren, um den in ihrer Familie nie ein „Gewese“ gemacht worden sei. Weder ihr Vater, dessen Geschwister noch die Großmutter hätten je einen „Heldenkranz“ um sein Haupt geflochten, schreibt sie. „Wir mussten nicht andachtsvoll Kopf und Stimme senken, wenn das Gespräch auf ihn kam.“

Sophie von Bechtolsheim nimmt den Leser mit auf Spurensuche, was für ein Mensch dieser Wehrmachtsoffizier war, der den „Führer“ in dessen Hauptquartier mit einer Bombe töten und anschließend von Berlin aus den Umsturz dirigieren wollte. Sie erzählt, wie merkwürdig es für sie war, ihrem Großvater im Schulbuch zu begegnen oder als „Nachkomme“ bei staatlichen Gedenkakten dem Bundeskanzler die Hand zu schütteln. Im Zuge einer Straßenumbenennung wurde sie einmal sogar gefragt, ob sie ihren Großvater noch gekannt habe.

Die wichtigste Quelle der Autorin sind die Erinnerungen ihrer Großmutter, die erst 2006 starb. 1985 zog Sophie von Bechtolsheim in deren Nähe nach Bamberg. Bis zum Abitur ließ sich die Schülerin zwei Jahre lang jeden Donnerstag von ihrer Großmutter bekochen. Bei diesen Gelegenheiten konnte sie ihr „all die Fragen stellen, die ich mich vorher nicht zu fragen getraut hatte“.

Diese mündlichen Überlieferungen bringt die Stauffenberg-Enkelin teils kritisch in Stellung gegen jüngste Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen über Claus von Stauffenberg. So dementiert sie die Darstellung Thomas Karlaufs, der Dichter Stefan George hätte ihren Großvater entscheidend beeinflusst. Eine wichtigere Prägung misst sie dem katholischen Glauben bei. Obwohl ihre Großmutter ihre evangelische Konfession zeitlebens behielt, habe sich das Paar auf eine katholische Trauung und Kindererziehung verständigt. Wenige Tage vor dem Attentat habe sich Stauffenberg von seinem Fahrer zum Gebet in die Rosenkranz-Basilika in Berlin-Steglitz bringen lassen.

Auch die Behauptung, der Soldat sei kein Demokrat gewesen, will die Enkelin nicht gelten lassen. So habe sich Stauffenberg im Erfolgsfall der Erhebung den Sozialdemokraten Julius Leber als Reichskanzler gewünscht, auch wenn im Unklaren bleiben müsse, „welche konkreten gesellschaftspolitischen Visionen mein Großvater tatsächlich hatte“. Früher als andere Autoren datiert von Bechtolsheim erste Äußerungen Stauffenbergs, es gebe keine andere Lösung als den „Führer“ zu töten, nämlich auf den Winter 1941/42.

Warum aber will die Enkelin ihren berühmten Vorfahren nicht als „Attentäter“ etikettiert wissen? Weil es ihm, zusammen mit seinen Mitverschwörern, primär um den Sturz eines verbrecherischen Diktators gegangen sei, hält sie fest. Den Anschlag habe er „notgedrungen“ nur deshalb selbst ausgeführt, weil es ihm in den Wochen vor dem 20. Juli nicht gelungen sei, jemand anderen dafür zu gewinnen.

„Attentäter“ – dieser Begriff ist für die Autorin in erster Linie durch die linksextremistischen RAF-Terroristen belegt, denen sie in den 1970er Jahren auf Fahndungsplakaten begegnete – und durch islamistische Bombenleger der Gegenwart. In einer solchen Reihe möchte Sophie von Bechtolsheim ihren Großvater nicht sehen. Schließlich sei es am 20. Juli 1944 nicht darum gegangen, „Terror in die Welt zu setzen, sondern Tyrannei zu beenden“.

Dresdner Ausstellung zum Hitler-Attentat 1944

DRESDEN – Eine Ausstellung zum Hitler-Attentat 1944 ist jetzt in Dresden zu sehen. Unter dem Titel „Der Führer Adolf Hitler ist tot“ stellt das Militärhistorische Museum der Bundeswehr stellvertretend 14 Personen vor, die hinter dem Attentat standen. Es gebe jedoch viel mehr Akteure als bisher angenommen, sagte Kurator Magnus Pahl in Dresden. Etwa 200 Personen seien aktiv an dem Umsturzversuch am 20. Juli 1944 beteiligt gewesen.

Die Ausstellung zeigt mehr als 20 Plakate sowie Originaldokumente aus dem Militärarchiv. Neben den „Machern“ wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Hans Oster werden auch Diplomaten, Truppenführer, zivile Unterstützer und Vordenker der Demokratie porträtiert. Letztere heißen in der Ausstellung „Visionäre“ und sind durch Carl Friedrich Goerdeler und Helmuth James Graf von Moltke vertreten.
Herausragendes Exponat der Zeitreise, die bis zum 3. Dezember präsentiert wird, ist eine Filmkulisse aus der US-amerikanisch-deutschen Produktion „Operation Walküre“ von 2009.

In dem original nachgebauten Besprechungsraum der Lagebaracke in der „Wolfsschanze“ kann der Besucher die Situation kurz vor der Detonation der Bombe nachvollziehen. Auf dem Boden der Kulisse stehen die Namen der damals an der Besprechung beteiligten 24 Personen – und zwar dort, wo sie gestanden haben sollen.

„Wir erzählen nicht nur einen Tag, sondern wir ordnen das Ereignis auch ein“, sagte Museumsdirektor Armin Wagner. Zum 75. Jahrestag des Attentates wolle die Ausstellung auch dazu beitragen, dass die Regimegegner vom 20. Juli nicht vergessen werden.epd

Die Ausstellung des Militärhistorischen Museums, Olbrichtplatz 2, 01099 Dresden, ist bis zum 3. Dezember zu sehen. Geöffnet ist das Museum täglich außer mittwochs von 10 bis 18 Uhr, montags von 10 bis 21 Uhr.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 23. Juli 2019, 14:06 Uhr


Da ich weder dies noch Thomas Karlaufs Buch las, den 20. Juli 1944 aber als 13jährige erlebte, ist aus eigener Erinnerung die von mir empfundene Einstellung über damalige Führungskräfte, die das Parteiabzeichen nach außen trugen, von innen her jedoch "normal" agierten, mit normal meine ich, dass die Entwicklung aus der Monarchie in die Weimarer Zeit viel zu kurz war, um dem Einfluss des rechten Gedankengutes ganz zu entkommen und daher eine andere war als die jetzt recherchierten Wiedergaben dazu.
Eine Enkelin, die an ihren Großvater in Liebe denkt, kann ihn vermutlich nur so sehen wie sie ihn beschreibt. Das ist für mich völlig verständlich, doch auch die, die sich bis heute durch ihn beschädigt empfinden haben eine Stimme mit dem Recht auf ihre Sicht.
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