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Unheiliger Zorn

Hassrede

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2019

Gerd-Matthias Hoeffchen | 16. Juli 2019

Schimpfen, Abkanzeln, Beleidigen: Der Ton, der sich in den vergangenen Jahren im Internet entwickelt hat, bedroht mittlerweile die Gesellschaft insgesamt. Was tun?

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Der Stammtisch ist tot. Es lebe das Internet. Was sich dort, im weltweiten Netz, in den vergangenen Jahren an Hass entwickelt hat, bestürzt und macht ratlos.

Die Fakten erschüttern. 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland zwischen 18 und 95 Jahren hat Hassrede im Internet erlebt, so eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Bei den 18- bis 20-Jährigen sogar 73 Prozent.
Eine typische Diskussion in einem sozialen Netzwerk des Internets geht etwa so: Jemand fragt „Mein Kater ist weggelaufen – hat den jemand gesehen?“ Die ersten zwei oder drei Antworten gehen noch irgendwie auf die eigentliche Frage ein. Drücken Anteilnahme aus; versprechen, sich nach dem Tier umzusehen. Spätestens die vierte Antwort geht in die Richtung: „Wie kann man nur so blöd sein, auf seine Katze nicht aufzupassen?“ Und schon entbrennt eine heftige Diskussion, die von Tierquälerei über das Versagen der Kommunalpolitik geht, schnell zur vermeintlichen Gefährdung der Nachbarschaft durch Flüchtlinge irrlichtert und irgendwann todsicher bei Angela Merkel landet und fordert, die blutsaugende Politiker-Kaste insgesamt zu verjagen.
Die Katze spielt keine Rolle mehr.

Vorwürfe. Beleidigungen. Drohungen übelster Art: Diese Art der Hassrede existiert mittlerweile auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Längst nicht mehr nur im Internet. Und sie bedroht unser Zusammenleben. Denn sie macht eine auch nur halbwegs sachliche Auseinandersetzung unmöglich. Zielführende Diskussionen, Kompromisse – und davon lebt eine Demokratie – sind nahezu ausgeschlossen. Und: Mehr und mehr Menschen trauen sich kaum noch, eine gemäßigte Meinung vorzutragen, weil sie diese Schlammschlacht fürchten. Laut obiger Studie immerhin 47 Prozent der Befragten. Meinungsfreiheit? Stattdessen verschafft sich Extremismus immer mehr Raum. Bis hin zu echter körperlicher Gewalt.

Aber Vorsicht: Hassrede ist nicht nur das Versagen der Anderen. Jeder möge sich an die eigene Nase fassen. Als Michael Diener, Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, vor zwei Wochen in einem Artikel der Kirchentagszeitung darüber klagte, wie sehr einige konservative Gruppen über den Kirchentag schimpften, bekam er nicht nur heftige Gegenrede. Sondern auch viel Unterstützung. Leider zum Teil genau in dem Ton, den er gerade beklagt hatte.

Und hier liegt das eigentliche Problem: Hassrede schlummert in uns allen. Sie ist nicht nur ein Ausdruck von Übellaunigkeit, Unzufriedenheit, Langeweile und Besserwisserei. Das alles zwar auch. Aber dazu kommt: das Bewusstsein, im Recht zu sein. Heiliger Zorn. Wohl nicht zufällig enthält – Gott sei‘s geklagt – auch die Bibel eine bemerkenswerte Menge solcher Hassrede.

Es hilft nichts: Wir müssen standhalten. Gerade, wenn wir meinen,  im Recht zu sein. Hass kann man nicht mit Hass austreiben, sagte Martin Luther King.
Also: Position beziehen. Standpunkte vorbringen. Klar in der Haltung. Aber ohne Gewalt in Worten und Stimme.

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