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Schau genau hin – auch wenn unsere Welt gerade kälter und brutaler zu werden scheint, gibt es das: Menschen, die auf andere achten, sich ihnen zuwenden in ihrer Not, Barmherzigkeit üben. Das überrascht, weil wir es anders gewöhnt sind. Aber es motiviert auch: Das, was Jesus im Predigttext fordert, ist möglich, auch wenn der Zeitgeist in eine andere Richtung weist. Weil Gott uns zuvorkommt mit seiner Barmherzigkeit. Von dieser Haltung können und sollen wir weitergeben. Foto: pitipat

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Überraschung!

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2019

Bettina Roth-Tyburski | 12. Juli 2019

Über den Predigttext zum 4. Sonntag nach Trinitatis: Lukas 6, 36-42.

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Schau genau hin – auch wenn unsere Welt gerade kälter und brutaler zu werden scheint, gibt es das: Menschen, die auf andere achten, sich ihnen zuwenden in ihrer Not, Barmherzigkeit üben. Das überrascht, weil wir es anders gewöhnt sind. Aber es motiviert auch: Das, was Jesus im Predigttext fordert, ist möglich, auch wenn der Zeitgeist in eine andere Richtung weist. Weil Gott uns zuvorkommt mit seiner Barmherzigkeit. Von dieser Haltung können und sollen wir weitergeben. Foto: pitipat
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Bettina Roth-Tyburski (50) ist Pfarrerin in der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Tokyo/Yokohama.

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Predigttext
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. 39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. 41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Zu schon vorgerückter Stunde stehe ich auf dem Bahnsteig der Station Ebisu, mitten in Tokio. Erst auf den zweiten Blick fällt er mir auf. Zusammengekauert sitzt er da. Seine Tasche hält er mit beiden Händen fest, sein Oberkörper beugt sich darüber. Offensichtlich ist er eingeschlafen, beim Warten auf seinen Zug. Vermutlich war er zuvor noch mit Kollegen zum Bier trinken in einer Bar, so wie es viele Japaner nach der Arbeit tun.

Ein uniformierter Bahnangestellter nähert sich dem zusammengekrümmten Mann. Vorsichtig klopft er ihm auf die Schulter. Der Mann am Boden reagiert nur leicht. Schließlich fährt der Zug ein und der Bahnbeamte hilft ihm aufzustehen. Er führt ihn behutsam in den sich öffnenden Bahnwaggon und passt auf, dass er bis zu einem Sitzplatz im Abteil gelangt.

Ich hätte anderes erwartet. Zum Beispiel, dass der Bahnbeamte den am Boden sitzenden Mann mit lauter Stimme und einem ruppigen Rütteln dazu ermahnt, vom Boden aufzustehen. Dass er den betrunkenen Mann schimpfend zurechtweist. Doch passiert ist etwas, womit ich als Zusehende nicht unbedingt gerechnet hätte.
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Dazu ruft Jesus seine Zuhörer in seiner Feldrede auf. Diese Worte sind so etwas wie ein Motto, das über seiner Rede vom Zusammenleben und dem Umgang mit Gott, mit den Mitmenschen und mit uns selbst steht. Die kurz zuvor von Jesus beschriebene Goldene Regel mag uns helfen, diese Aufforderung besser zu verstehen und umzusetzen.

Jesus überrascht so oft mit seinem Verhalten die Erwartungen und Gewohnheiten seiner Zeitgenossen. Denken wir nur an die Zachäusgeschichte, wo Jesus seine Mitstreiter und andere verblüfft zurücklässt. Und das ist es, was mich beim Anblick der Szene auf dem Bahnsteig in Tokio an Jesus denken lässt. Auch mich verblüfft die Reaktion des Beamten und lässt mich nachdenklich zurück.

Wie schnell sind wir dazu geneigt, über andere zu urteilen und sie in eine bestimmte Schublade zu stecken. Mein Urteil schränkt so aber mein Handeln ein. Ich mache es dadurch vom Verhalten meines Gegenübers abhängig und es gelingt mir nicht, aus freiem Herzen barmherzig zu sein. Der Bahnangestellte jedoch urteilt nicht, sondern er erfasst die momentane Situation und greift ein. Ohne seine Hilfe hätte der junge Mann seine Bahn verpasst und wäre vielleicht zumindest an diesem Abend nicht mehr zu Hause angekommen.

Wenn Jesus sagt „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“, dann will er nichts anderes sagen, als dass ein gutes und geregeltes Zusammenleben nur auf der Basis der Barmherzigkeit möglich ist.

Manchmal werden wir enttäuscht, ausgenutzt oder vielleicht sogar ausgelacht. Solche Erfahrungen lassen uns vorsichtig werden. Zuerst möchten wir uns lieber ein Urteil bilden, bevor wir geraderaus barmherzig sind. Jesus führt seinen Satz aber weiter. Er sagt „wie auch euer Vater barmherzig ist“. Es ist eine ungemein tröstliche und vertrauensvolle Zusage, die er da macht. Ich darf mich ganz auf die Barmherzigkeit Gottes verlassen. Dieses Wissen stärkt mich, so zu handeln wie Jesus es in seiner Rede empfiehlt. Als Mensch habe ich immer nur eine eingeschränkte Wahrnehmung, weil ich niemandem ins Herz sehen kann. Gott aber sieht direkt in unser Herz. Seine Barmherzigkeit lässt auch uns barmherzig sein. Und es gibt so viele Möglichkeiten in unserem Leben, barmherzig zu sein. Im Großen und im Kleinen –  so wie die des Bahnangestellten in Tokio.

Gebet:

Barmherziger Gott, schenke uns deine Barmherzigkeit, deine Menschenliebe und Güte für unsere Mitmenschen. Öffne du unsere Augen, damit wir wach durchs Leben gehen können. Gib uns den Mut, auch Unerwartetes zu wagen. Erfülle du uns mit deiner Gnade. Amen.

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