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Da nimmt einer seinen Hut. Dreht Gott den Rücken und geht. Vielleicht sucht er seine Freiheit. Vielleicht möchte er sich selbst verwirklichen. Oder er ist enttäuscht, weil Gott seine Erwartungen nicht erfüllt hat. Aber diese Richtung – weg von Gott – ist es, was die Bibel mit Sünde bezeichnet. Sie führt dazu, dass der Mensch sich von dem entfernt, was ihn zum wahren Menschen macht. Darum ruft der Predigttext zur Umkehr – direkt in Gottes Barmherzigkeit. Foto: lettas

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Falsche Richtung

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 28 / 2019

Matthias Mengel | 5. Juli 2019

Über den Predigttext zum 3. Sonntag nach Trinitatis: 1. Timotheus 1, 12-17

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Da nimmt einer seinen Hut. Dreht Gott den Rücken und geht. Vielleicht sucht er seine Freiheit. Vielleicht möchte er sich selbst verwirklichen. Oder er ist enttäuscht, weil Gott seine Erwartungen nicht erfüllt hat. Aber diese Richtung – weg von Gott – ist es, was die Bibel mit Sünde bezeichnet. Sie führt dazu, dass der Mensch sich von dem entfernt, was ihn zum wahren Menschen macht. Darum ruft der Predigttext zur Umkehr – direkt in Gottes Barmherzigkeit. Foto: lettas
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Matthias Mengel (56) ist Gemeindepfarrer in Bad Oeynhausen.

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Predigttext
12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, 13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. 14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. 15 Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. 16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. 17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

Eines der großen und für uns Christen bedeutsamen Worte der Bibel steht mitten in unserem Textabschnitt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen. In einer modernen Textübertragung von Fred Ritzhaupt heißt es: „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um alle zu retten, die sich weit von Gott entfernt hatten.“

Es ist eine gute Sache, wenn moderne Bibelübertragungen versuchen, uns die alten Worte Martin Luthers verständlicher zu machen. Wer weiß denn noch, dass des Menschen Sünde immer mit Gott und unserem Nächsten zu tun hat?

„Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“, verspricht die Schlange der Eva. Also essen Adam und Eva Früchte vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Das hatte ihnen Gott verboten. Sie tun es trotzdem und müssen das Paradies verlassen und unter dem Fluch weiterleben.

Das Böse ist nun in der Welt und tritt uns in vielfältiger Gestalt entgegen. Als Lüge, die nicht nur Vertrauen zerstört, sondern die die Lügner selbst isoliert, sie misstrauisch und unsicher macht. Als Schwäche: Das eigene Versprechen wird nicht gehalten, die Treue wird gebrochen, weil man sich selbst und den anderen nicht mehr ernst nehmen kann. Schon im überschaubaren zwischenmenschlichen Bereich sind Auswirkungen des Bösen offenkundig: Es zerstört Familien, verletzt Biographien, verbiegt Menschen von der Wurzel her. Letztlich ist es der Mensch, der von sich selbst nicht mehr absehen kann. Dem nicht bewusst ist, dass er in einem größeren Lebenszusammenhang steht, dass er sorgfältig behütet und aufgehoben ist, dass er also nicht immer ängstlich für sein eigenes Wohl sorgen muss.

Viel zu spät, wenn überhaupt, bemerken wir, wie die Sünde unser Denken und Empfinden verdreht, denn keiner dieser Nachkommen von Adam und Eva will ja das Böse, sondern sie alle wollen nur das Gute. Sie wollen ganz Mensch sein, ganz sie selbst. Sie wollen recht tun und niemanden scheuen, aber auch niemandem gegenüber verantwortlich sein. Sie wollen nicht in ihren Plänen gestört werden oder gar durch Vorschriften belehrt werden und seien es auch die Gebote Gottes!

Und so mahnt nun der Verfasser des 1. Timotheusbriefes vor diesem Weg, der uns mehr und mehr von Gott entfernen will: Mir, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war, ist Barmherzigkeit widerfahren. Denn um alle zu retten, die sich weit von Gott entfernt hatten, ist Jesus Christus in die Welt gekommen. Er hat auch zu uns sein „Folge mir nach“ gesprochen und gezeigt, was es bedeuten kann, in der Nähe Gottes zu leben und wie ein Leben aussehen kann, das nicht zuerst an das eigene Wohlergehen denkt, sondern an den anderen in seiner Not und in seiner Einsamkeit. Er hat uns die Liebe Gottes vor Augen gestellt und seine Barmherzigkeit und seine Geduld, mit der er nicht aufhört, gottferne Menschen vor Tod und Unheil zu bewahren.

Alles was bis dahin „Oben“ und „Unten“ und „Gelingen“ und „Scheitern“ hieß, ist durch die Stimme des auferstandenen Christus völlig neu interpretiert. Plötzlich sieht sich Paulus in die erste Reihe der gottfernen Menschen gestellt! Er spürt die Ohnmacht der Mächtigen und die Macht der Ohnmächtigen und erlebt eine wiedergewonnene Verbindung mit Gott – nicht durch eigene Anstrengung und Eifer – sondern als ein Gottesgeschenk mit einer ungeheuer befreienden Wirkung!

Der Glaube an Gott, der seinen Sohn Mensch werden ließ, und ihn auch die Sünde und den Tod auf sich nehmen ließ, um all denen nahe zu sein, die meinten, Gott habe sie verlassen, befreit von den schwankenden Bewertungen und Einschätzungen anderer und errettet uns von dem Hang, nur um uns selbst zu kreisen. Erlöst von Zwängen der Selbstoptimierung und frei von jedem Hochmut kann ich Gott Dank sagen für seine Barmherzigkeit, mit der er Sünder zu seinen Kindern macht.

Gebet:

Gott, du schenkst uns, was wir zum Leben brauchen. Doch manchmal packt uns der Gedanke, du seist uns fern und wir müssten alles selbst regeln. Hilf uns, Probleme vertrauensvoll in deine Hände zu legen und führe uns in heilende Gemeinschaft mit dir und untereinander. Amen.

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