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Worum bitten wir, wenn wir beten? Ist es das eigene Wohlergehen, die ganz persönlichen Ängste und Wünsche, die uns bewegen? Oder haben wir einen weiteren Blick, der unsere Nächsten und auch die Fernen einschließt? Wer vor dem Gekreuzigten die Hände faltet, spürt, wie das seine Bitten verändert. Vertrauen wächst, und damit auch die Liebe. So können aus den Gebeten der Angst und der Selbstbezogenheit Gebete der Verantwortung werden. Foto: epd

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In Jesu Namen

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2019

Walter Schroeder | 24. Mai 2019

Über den Predigttext zum Sonntag Rogate: Johannes 16,23b-28.33

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Worum bitten wir, wenn wir beten? Ist es das eigene Wohlergehen, die ganz persönlichen Ängste und Wünsche, die uns bewegen? Oder haben wir einen weiteren Blick, der unsere Nächsten und auch die Fernen einschließt? Wer vor dem Gekreuzigten die Hände faltet, spürt, wie das seine Bitten verändert. Vertrauen wächst, und damit auch die Liebe. So können aus den Gebeten der Angst und der Selbstbezogenheit Gebete der Verantwortung werden. Foto: epd
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Walter Schroeder (82) ist Pfarrer im Ruhestand und Autor der Bibellese in UK.

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Predigttext
23b Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er‘s euch geben. 24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. 25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. 26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; 27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. (...) 33 Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

Vor mir liegt ein Brief, den mir einmal ein Freund nach schwerer Zeit geschickt hat. Er antwortete auf einen Gruß von mir, auf dem das Psalmwort(118,5) stand: „In der Angst rief ich den Herrn an“: „Ja, ich habe Wochen voller Angstgebete hinter mir. Aber ich will deinen Gedanken noch eins hinzufügen: Für mich ist natürlich ein Unterschied, ob ich Gebete für einen Gottesdienst oder in einer Gemeinschaft formuliere, weil das ja doch Sätze sind, die ich nicht nur allein sprechen will, sondern mir eben Gedanken machen muss, ob andere wohl darin einstimmen können.

Das ist für mich selbst im eigenen Gebet dann anders. Da kommen in der Enge und Dunkelheit der Not auch oft unvollständige Sätze und sehr ungeordnete Gedanken. Was mich aber immer wieder beeindruckt, ist die Tatsache, dass in der Bibel ja Psalmen mit solchen so ganz persönlichen und nicht gerade geschönten Formulierungen überliefert sind, also in ihrer brutalen Bodennähe. Hier sind sie Teil der Bibel geworden!

Ihre mitunter egoistische Grausamkeit gegenüber den Feinden, überhaupt den anderen, ist atemberaubend und schafft doch Nähe zu einem Menschen, der in seiner Zeit in solcher Ehrlichkeit vor Gott trat.“ Und der Freund fügt dann die Frage hinzu: „Was ist beim Gebet in Jesu Namen anders?“

Das Johannesevangelium schildert den Abschied Jesu mit dieser Verheißung: An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen und ihr werdet empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.(16,24) Er bereitet damit die, die an ihn glauben, auf die Zeit vor, in der er selbst eben nicht sichtbar sein wird. In der also Christen damals und heute wieder die Erfahrung der Gottesferne machen würden und des Leides und des schweigenden Gottes.

Betet in meinem Namen! Aber was heißt das dann? Müssen meine Gebete dadurch nicht auf jeden Fall anders werden? So, dass sie nämlich auch vor einem anderen und von einem anderen, und nun vor allem von Jesus, gebetet werden könnten? Welche Bitten, welche Forderung, überhaupt welches Gebet kann ich denn vor Jesus verantworten? Denn als einfache gottesdienstliche und bloße liturgische Floskel war dieser Hinweis im Evangelium jedenfalls nicht gemeint.

In den innerlich und äußerlich waffenstarrenden Kriegszeiten war klar, dass Menschen Gott vor allem für das eigene Überleben anriefen, für die Ihrigen und den Sieg der eigenen Sache. – Das Gebet um den gerechten Frieden, der Freund und Feind übergreift, wurde erst sehr viel später buchstabiert und mitunter nur mühsam gelernt. – Damals sind auch viele Gebete gesprochen, die der Mann aus Nazareth nicht übernommen hätte, auch wenn sie subjektiv in dem jeweiligen Moment und aus der Panik der Einzelnen heraus verständlich waren. Die Worte der Bergpredigt( Mt 5,43) etwa, „Liebet eure Feinde und tut wohl denen, die euch verfolgen!“ sind schwer zu lernen, sehr schwer.

Aber aus den Gebeten der Angst können und dürfen auch endlich Gebete der Verantwortung werden. Auch ganz persönlich gilt: Ich werde als Christ prüfen, ob das, was ich von Gott erbitte und einfordere, vor meinem nahen und fernen Nächsten Bestand hat und vor dem, der das alles vorlebte.

Gott selbst weiß, was wir brauchen. Insofern ist das Gebet fast überflüssig. Aber solange es panische Angst unter uns Menschen gibt und uns immer wieder Netze (Ps 35,7)und Netzwerke gefangen nehmen, solange wird es auch die Gebete im engen Horizont des eigenen Ichs geben. Und das ist auch gut so. Aber dann zeigt sich auch die Kraft dieses Grundelements unseres Glaubens.
Jesus hat nicht die Angst aufgelöst. Aber das Vertrauen in Gott wird erneuert, wenn wir begreifen, dass er diese bedrohte und höchstgerüstete Welt überwunden hat.

Gebet: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem freudigen Geist rüste mich aus. Amen.

(aus Psalm 51)

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