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Vor Gott und den Menschen

Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 21 / 2019

Gerd-Matthias Hoeffchen | 24. Mai 2019

Das Grundgesetz beruft sich in seiner Einleitung ausdrücklich auf Gott – in einer Gesellschaft, die Staat und Religion eigentlich trennen will. Warum das durchaus Sinn ergibt.

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Das Grundgesetz wird 70. Das ist für eine deutsche Verfassung eine bemerkenswert lange Zeit. Schon alleine daran mag man erkennen, dass die vergangenen Jahrzehnte für die Menschen hierzulande so schlecht nicht gewesen sein können: Es gab keine Revolutionen, keine Umstürze. Keine Kriege.

Und trotzdem: Der Wert dieses Grundgesetzes wird oft verkannt. In 70 Jahren hat sich das „GG“ als solide Grundlage für das Miteinander erwiesen. Friede, Aufbau und Wohlstand, alles als Folge einer funktionierenden Grundordnung – das sollten genügend Gründe sein für Dankbarkeit.

Statt Dank aber ist das Herummäkeln schick geworden. Das Grundgesetz sei gar keine richtige Verfassung, heißt es. Damals, bei der Wiedervereinigung Deutschlands 1990, hätte man das Grundgesetz durch eine ordentliche und gemeinsame Verfassung ersetzen müssen, ist oft zu hören (Seite 5).

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Präambel des Grundgesetzes, die Einleitung. „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“, heißt es da. „Vor Gott“ – die Macher des Grundgesetzes wollten damit deutlich machen: Es gibt eine Instanz außerhalb der menschlichen Verfügbarkeit, der wir verantwortlich sind. Dahinter steckt die Erfahrung des Dritten Reiches: Auch Mehrheiten können irren. Selbst wenn noch so viele Menschen einer Meinung wären – diese Meinung muss nicht notwendigerweise richtig sein.

Diese Erfahrung steht in einer starken Spannung zum Grundgedanken der Demokratie. Die Organisation des gesamten politischen Systems in der Nachkriegszeit in Deutschland zeugt von diesem Misstrauen: repräsentative Demokratie und Parteiensystem statt direkter Entscheidungen der Bürgerinnen und Bürger. Hohe Hürden für wichtige Entscheidungen, etwas in Form von Zweidrittel-Mehrheiten. Oder die große Abneigung gegen alles, was als „Populismus“ die Menschenmassen mobilisieren könnte.

Deshalb der Gottesbezug im Grundgesetz – bemerkenswerterweise in einer Gesellschaft, die ja eigentlich Staat und Religion trennen will. Damit soll das Bewusstsein wachgehalten werden, dass grundlegende Entscheidungen nicht einfach eine Frage von Mehrheiten sind, sondern ethisch verantwortet werden müssen.
Natürlich ist das ein Eiertanz, ein ewiges Hin und Her. Was will denn Gott? Und was nicht? Auch darüber müssen sich letztlich Menschen verständigen. Und natürlich kann man fragen: Warum sollten jene, die vor 70 Jahren das Grundgesetz formuliert haben, quasi in einer historischen Sternstunde die Dinge so gut erkannt und benannt haben, dass man das Ergebnis kaum noch besser machen könnte?

Die Antwort ist: Weil es damals tatsächlich eine Sternstunde war. Nach zwei Weltkriegen, in der Erkenntnis von Schuld und missratener Verantwortung, ist mit dem Grundgesetz ein herausragender Wurf gelungen. Einer, den man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte. Das Grundgesetz und sein Gottesbezug: Sie sind es wert, sich immer wieder neu von ihnen herausfordern zu lassen.

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