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Gott loben? Aus der Tiefe, von ganz unten? Das scheint manchmal unmöglich. Die Stimme stockt; kein Wort will heraus, kein Klang ertönen. So mag es auch Paulus ergangen sein, als er mit Silas zusammen im Gefängnis saß – und doch gelang es den beiden Männern schließlich, sich freizusingen. Und siehe da: Mit dem Gesang kam auch die Befreiung. Wie das Lob Gottes Menschen verändern kann, davon erzählt der Predigttext. Foto: Samuel Jason Knowles

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Sing dich frei!

Andacht

Von Harald Sieger | 19. Mai 2019

Andacht über den Predigttext zum Sonntag Kantate: Apostelgeschichte 16, 23-34

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Gott loben? Aus der Tiefe, von ganz unten? Das scheint manchmal unmöglich. Die Stimme stockt; kein Wort will heraus, kein Klang ertönen. So mag es auch Paulus ergangen sein, als er mit Silas zusammen im Gefängnis saß – und doch gelang es den beiden Männern schließlich, sich freizusingen. Und siehe da: Mit dem Gesang kam auch die Befreiung. Wie das Lob Gottes Menschen verändern kann, davon erzählt der Predigttext. Foto: Samuel Jason Knowles
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Harald Sieger (44) ist Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche von Westfale

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Predigttext (in Auszügen)
23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! (...) 30 Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 (...) Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Du erwachst aus einem traumlosen Schlaf. Als erstes bemerkst du den Schmerz in der Magengegend und erinnerst dich: Einer der Soldaten hat getreten. Immer und immer wieder. Dein Rücken ist klebrig-feucht – ach ja, ausgepeitscht wurden wir ja auch. Ganz vorsichtig öffnest du die Augen. Nein, eigentlich nur ein Auge, denn das andere ist vollkommen zugeschwollen. Und dann siehst du: nichts. Vollkommende Dunkelheit.

Du versuchst dich aufzurichten. Obwohl die Beine schmerzen. Die Beine, die dich getragen haben durch die halbe bekannte Welt bis hierhin – ja wo bist du eigentlich und was ist hier passiert? Aber du kannst dich nicht bewegen, die Beine wurden in einen Holzblock eingezwängt. Hier ist kein Fortkommen. Kein Licht, keine Bewegungsfreiheit, keine Hoffnung.

Stattdessen: Schmerzen, Dunkelheit, verbrauchte Feuchtigkeit in der verbrauchten Luft. Finsternis, Kopfschmerzen. Wahnsinnige Schmerzen. Genau – Wahnsinn. Jetzt erinnerst du: Da war diese wahnsinnige Sklavin. Die lief ständig hinter euch her und rief unaufhörlich: „Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.“ Tagelang. Eine Frau, besessen von einem bösen Geist. Sie konnte Dinge sehen, die sonst niemand erkannte. Damit machte ihr Herr gute Geschäfte. Es ist eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, wenn Krankheit vermarktet wird. Außerdem nervte das. Also hast du sie geheilt.

Und dann ging alles ganz schnell. Ein paar Schläger rückten an und taten das, was sie am besten können. Ganz ohne Prozess und fast schon ohnmächtig wurdet ihr beiden dann in die tiefste Zelle dieses Gefängnisses geschafft.
Keine Chance. Am Nullpunkt des Daseins. Wie würdest du in dieser Situation reagieren? Ich wäre verzweifelt, aber so richtig.
Was macht Paulus? Paulus singt.

Er braucht einige Anläufe. Zuerst ist es ein klägliches Husten. „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir ...“ Ganz langsam lösen sich die Verspannungen im Hals und Nacken. Dann klingt ein trauriges Seufzen: „Aus der Tiefe, rufe ich, Herr, zu dir. Ach Herr, mein Gott, erhör mein Flehen.“ Langsam findet die Stimme ihren Weg, die Anspannung im Oberkörper weicht etwas. „Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, wer wird bestehen?“ Nun stimmt sein Begleiter und Schüler Silas mit ein. Die anderen Gefangenen wundern sich über das Duett aus der Dunkelheit. „Doch bei dir ist die Erlösung, dass man dich fürchte.“ Inzwischen haben sich die Atemwege an die üble Luft gewöhnt und der Psalm schallt herausfordernd durch die scheinbar endlose Nacht. „Ich harre des Herrn, meine Seele harret, ich hoffe auf sein Wort. Ich harre des Herrn, meine Seele harret. Mehr als die Wächter auf den Morgen.“ Plötzlich mischt sich in den Gesang ein kaum hörbares Summen, das stetig stärker wird. Es wächst immer weiter an, bis die Wände die Schwingung aufnehmen. „Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.“ Mit den letzten Worten des Psalm 130 schließlich bebt die Erde, auf wundersame Weise springen die Fesseln, öffnen sich die Zellen und angenehme, kühle Nachtluft strömt in das Innere des Gefängnisses. Das eigentliche Wunder jedoch geschieht erst jetzt: Denn keiner der Gefangenen ergreift die Flucht. Paulus und Silas, die Verfasser des antiken Jailhouse-Rock, verlassen erst am nächsten Morgen – nach vollständiger Rehabilitation – das Gefängnis.

Was für ein Vertrauen in Gottes Kraft, was für eine Stärke verleiht das gesungene Gebet!

Gebet: Du siehst die Dunkelheiten in meinem Leben. Du weißt um die Gefängnisse, in denen ich festsitze. Und du kennst die Verletzungen, die ich mit mir herumtrage. Hilf mir, die rechte Melodie zu finden, wenn es mir mal wieder schwerfällt, ein Gebet über die Lippen zu bekommen. Amen.

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