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Die Weisheit: eine Frau, die seit Anbeginn der Welt zu Füßen Gottes saß. So stellt sich die Verfasserin oder der Verfasser des alttestamentlichen „Sprüche“-Buches die Kraft vor, die uns zu klugen, vorausschauenden, einfühlsamen Entscheidungen befähigt. Diese Kraft soll der Mensch suchen, ihr soll er folgen. Nur: Wie realistisch ist das? Schauen wir auf unsere Welt, so scheinen nicht Weisheit, sondern Torheit, Egoismus, kurzfristiges Erfolgsdenken zu regieren. Oder gibt es doch Hoffnung? Foto: hanapon1002

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Das Spiel der Weisheit

Andacht

Von Anne Kampf | 12. Mai 2019

Andacht über den Predigttext zum Sonntag Jubilate: Sprüche 8, 22-36

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Die Weisheit: eine Frau, die seit Anbeginn der Welt zu Füßen Gottes saß. So stellt sich die Verfasserin oder der Verfasser des alttestamentlichen „Sprüche“-Buches die Kraft vor, die uns zu klugen, vorausschauenden, einfühlsamen Entscheidungen befähigt. Diese Kraft soll der Mensch suchen, ihr soll er folgen. Nur: Wie realistisch ist das? Schauen wir auf unsere Welt, so scheinen nicht Weisheit, sondern Torheit, Egoismus, kurzfristiges Erfolgsdenken zu regieren. Oder gibt es doch Hoffnung? Foto: hanapon1002
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Anne Kampf (41) ist Journalistin und angehende Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN).

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Predigttext
22 Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. 23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 24 Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. 25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, 26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. 27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, 28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, 29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30 da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern. 32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! 33 Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! 34 Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! 35 Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom Herrn. 36 Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Ich sehe das Meer – und erschrecke! Große Flächen sind rot eingefärbt auf dem Bildschirm vor mir. An wenigen Stellen ist das Wasser grün, nur vereinzelte Flecken sind hellblau. Die Animation im Ozeaneum-Museum zeigt deutlich, wie weit es gekommen ist: Kohlendioxid lässt die Meere versauern. Die Menschheit ist dabei, Wasser, Luft und Erde zu zerstören – und damit ihre eigenen Lebensgrundlagen. Alarmstufe rot!

Im Ozeaneum denke ich über den Predigttext nach. „Ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern“, so erzählt die personifizierte Weisheit von einer vergangenen Zeit, in der wohl die Meere noch blau waren und die Luft klar. Sie erzählt es mit einer Fröhlichkeit, die ich gerade nicht in mir spüre. „Wer mich verfehlt, zerstört sein Leben“, lässt der biblische Sprüche-Schreiber die Weisheit sagen. Nicht nur sein eigenes Leben, denke ich, auch das der Kinder und Enkel. Homo „sapiens“ – der „vernünftige“, „weise“ Mensch?!

„Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.“ Die Weisheit ist Gottes erstes Schöpfungswerk, sie war vor aller Zeit da und ist in allem – und wird doch hoffentlich bleiben? Ich fürchte, dass sie ihre „Lust an den Menschenkindern“ zwischenzeitlich verloren hat. Und wir haben die Weisheit verloren... Ob es wohl noch nicht zu spät ist? Ob sie sich gegenseitig wiederfinden können, die Weisheit und die Menschen? „Wer mich findet, der findet das Leben“, sagt die Weisheit.  

Im Ozeaneum komme ich zu den Meeren der Südhalbkugel. Durch die Aquarien schwimmen kleine Fische in den abenteuerlichsten Farbkombinationen: oben pink und unten orange, leuchtend blau mit gelben Flossen, längs oder quer gestreift… Ich kann mich kaum satt sehen an den Farben und Formen. Und wie weise sie alle zusammenleben in diesem Ökosystem! Das altgriechische Verb „kosmeo“ kommt mir in den Sinn: „Kosmos“ ist daraus abgeleitet und es bedeutet nicht nur „ordnen“, sondern auch „schmücken“. Hier vor den Südsee-Aquarien verstehe ich, warum.
Ich kann mir vorstellen, welchen Spaß sie hatten bei der Erschaffung des Paradieses auf dem Meeresgrund – Gott und die Weisheit. „Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis.“ Die Schöpfung als ein großes Spiel: Hier das Wasser, dort das Land, Himmel und Luft, hohe Berge und tiefe Tiefen. Mikroorganismen, Sonnenstrahlen, Tiere, Pollen, Gase, Elemente. Alles passt wundersam zusammen und hält sich selbst im Gleichgewicht. Sie ist doch noch da, die Weisheit, sie spielt weiter. In diesem Moment macht es mir Freude, ihr dabei zuzusehen!

Der letzte Raum im Ozeaneum ist für die Kinder bestimmt. Hier gibt es Spiele zum Lernen: Was müssen die Menschen tun und vor allem lassen, damit die letzten Paradiese erhalten bleiben? Meine Resignation weicht ein bisschen der Hoffnung, denn ich glaube, es gibt Menschen, die die Weisheit wiederfinden werden, vielleicht schon gefunden haben. Junge Menschen, die den Ernst der Lage erkennen, ohne Freude und Spiel zu verlernen: die Jugendlichen, die freitags auf die Straße gehen anstatt in die Schule, mit selbstgemalten Plakaten von der Erde, die große rote Meerwassertränen weint. Mit Nachdruck rufen sie uns Erwachsene auf, endlich aus der Erfahrung zu lernen, endlich sorgsamer mit den Ressourcen umzugehen, Maß zu halten, uns einzuschränken. „Werdet weise!“, rufen sie uns zu.

Gebet: Gott, du hast die Welt mit Weisheit erschaffen! Doch manchmal bleibt uns der Jubel über die Schöpfung im Hals stecken. Wir schämen uns für unseren zerstörerischen Lebensstil. Öffne unsere Ohren, damit wir die mahnenden Stimmen der Jugendlichen hören. Lass uns die Weisheit wiederfinden! Amen.

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