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Photo by Louis Moncouyoux on Unsplash

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Als die Erde erbebte

Passion

Aus der Printausgabe - UK 16 / 2019

Anke von Legat | 19. April 2019

Mitten im qualvollen Todeskampf Jesu erkennt ein römischer Hauptmann: „Dieser ist Gottes Sohn gewesen.“ Ein Glaubenssatz, der den Weg in Gottes Wirklichkeit weist.

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Es passiert jeden Tag, überall auf der Welt: Ein Mensch gerät in die Fänge eines Unrechtsstaates. Intrigen werden gesponnen, andere gegen ihn aufgehetzt; es ergeht ein Willkürurteil, und schließlich wird er hingerichtet.
Die Bibel erzählt diese Geschichte als die Leidensgeschichte Jesu. Nur: Scheitern, Leiden, Sterben  – um davon zu hören, brauchen wir nicht in die Kirche zu gehen. Das spielt sich tausendfach vor unseren Augen ab. In jeder Zeitung können wir davon lesen, in allen Fernsehnachrichten die Bilder sehen. Vielleicht kennen wir sogar Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Denn für Millionen ist das, was die Bibel über die Passion Jesu erzählt, keine Geschichte, sondern bittere Wirklichkeit. Auch das Ende seines Leidens – „Aber Jesus schrie laut und verschied“ – ist nichts Besonderes. So wie er enden viele.

Oder doch nicht? Die Geschichte geht weiter: Im Moment des Todes, urmenschlich, ohne jede sichtbare Göttlichkeit, ohne irgendeine Ahnung von Auferstehungshoffnung, bekennt ein römischer Hauptmann unter dem Kreuz: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.“
Plötzlich ist es ausgesprochen: Da ist noch mehr. Etwas scheint durch, auch durch die grausamste, dunkelste Wirklichkeit. Etwas, das lange vor dem Karfreitag beginnt und weit über ihn hinausreicht.

Es ist Gottes Sohn, der am Kreuz stirbt. Es ist Gottes Wirklichkeit, die dieses ganze Jammerszenario umfasst und überstrahlt. Irgendwie muss der römische Hauptmann das erfasst haben, während er Jesu Todeskampf beobachtete, seine Schreie hörte und wahrnahm, wie die Erde erbebte: Was hier geschieht, geschieht in der irdischen und der göttlichen Wirklichkeit gleichzeitig. Und damit wird die irdische Wirklichkeit verändert.

Was der Hauptmann ausspricht, ist eine Erfahrung, die viele Christinnen und Christen kennen: Das, was wir als objektive Wirklichkeit in unserer Welt wahrnehmen, reicht nicht, um das Leben in Gänze zu erfassen und zu erklären. Um es zu verstehen und leben zu können, braucht es mehr. Das Wissen: Da ist Gott. Und er sagt Ja zu uns. Ein Ja, das sich im Leben Jesu niederschlägt, in seinen Handlungen, seinen Worten, seiner Menschenfreundlichkeit. Das sich durch Jesu Tod und Leiden zieht, so unbegreiflich das auch scheinen mag – und das in der Auferweckung über den Tod triumphiert.

Weil Gottes Wirklichkeit unsere Wirklichkeit umschließt und durchleuchtet, kann die Leidensgeschichte Jesu tröstlich sein: Sie erzählt von Gott, der mit uns ist, auch, gerade auch im Leid. Sie kann Hoffnung machen: Sie erzählt von Gott, der den Tod auf sich nimmt. Und sie kann aufrütteln: Sie erzählt von Gott, der gegen Ungerechtigkeit und Gewalt ist; also sollen wir uns für Gerechtigkeit einsetzen, wo wir nur können.
Und schließlich: Die Geschichte Jesu hört an Karfreitag nicht auf. Sie geht weiter, in die Auferstehung hinein. Aber dieses Kapitel soll ein andermal erzählt werden – am Ostersonntag.

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