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Es gibt Dinge, die muss man einfach tun. Auch wenn es wehtut, hinzusehen; auch wenn es unglaublich schwer ist, etwas zu verändern. Das hat der Prophet Jeremia am eigenen Leib erfahren. Und wie er erfahren das Menschen, die sich gegen Hass, Gewalt und Ungerechtigkeit einsetzen. Dazu gehört die Prostitution von Kindern, die in Deutschland und überall auf der Welt stattfindet. „Hier gilt besonders: Schaut nicht weg! Schaut hin!“, schreibt der Autor unserer Andacht. Grafik: naeblys

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Schaut hin!

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 13 / 2019

Martin Domke | 22. März 2019

Über den Predigttext zum Sonntag Okuli: Jeremia 20, 7–11a (11b–13)

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Es gibt Dinge, die muss man einfach tun. Auch wenn es wehtut, hinzusehen; auch wenn es unglaublich schwer ist, etwas zu verändern. Das hat der Prophet Jeremia am eigenen Leib erfahren. Und wie er erfahren das Menschen, die sich gegen Hass, Gewalt und Ungerechtigkeit einsetzen. Dazu gehört die Prostitution von Kindern, die in Deutschland und überall auf der Welt stattfindet. „Hier gilt besonders: Schaut nicht weg! Schaut hin!“, schreibt der Autor unserer Andacht. Grafik: naeblys
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Martin Domke (61) ist Leiter des Eine Welt Zentrums Herne und MÖWe-Regionalpfarrer für Bochum.

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Predigttext
7 Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; „Frevel und Gewalt!“ muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. 9 Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. 10 (...) Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: „Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.“ 11 Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. (...) 13 Singet dem Herrn, rühmet den Herrn, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!

Der Prophet ist am Ende, verzweifelt. Alles, was er sagt und tut, richtet sich gegen ihn. Er ist nicht nur unbeliebt, selbst unter Freunden wird er als gefährlich eingestuft. Und wozu das Ganze? „Du hast mich verführt, Gott.“ So redet ein Irrer. Oder eben ein Verzweifelter. Manchmal ist der Unterschied schwer zu erkennen. Wir blicken in menschliche Abgründe, ohne eine Lösung.

Oft habe ich bei Leuten, die in den letzten Jahren Geflüchtete begleitet haben, den Satz gehört: „Ich muss das einfach tun.“ Es gibt offenbar innere Verpflichtungen, die stärker sind als alle anderen Beweggründe. Nun sind wir nicht Jeremia, wir leben nicht in seiner Zeit. Aber seine Worte beleuchten doch so manches, was auch unter uns geschieht.

Menschen, die sich entgegen dem Trend um andere gesorgt und gekümmert haben, sind dabei nicht selten in Konflikte geraten. Sie wurden belächelt, nicht ernstgenommen und so-gar angegriffen, mit Worten und körperlich. Ich bewundere viele, die dabei nicht den Mut verloren haben. Aber es gibt auch die, die am Ende ihrer Kräfte waren.

Die 16-jährige Schülerin Greta aus Schweden fordert laut, was alle denken: Tut endlich was, damit unsere Generation den Klimawandel überlebt! Ihr Charisma löst breite Proteste aus, auch bei uns. Die Angesprochenen reagieren hilflos. „Schulschwänzen muss Konsequenzen haben.“ Ja, muss es, aber ansonsten nur: unerträgliches Schweigen bei den Überlebensthemen Klima- und Generationengerechtigkeit. Da soll man nicht zum Zyniker werden.

Der Arzt und Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege hat als Gynäkologe derart unvorstellbare Gewalt gesehen, dass er anfing, die politische Dimension dieser systematischen Zerstörung von Frauen zu begreifen und ihre Rechte einzufordern. Zwei Attentate überlebten seine Familie und er. Noch immer operiert er täglich und sucht nach Lösungen.

Um es richtig einzuordnen: Diese Menschen waren und sind nicht nur Heldinnen und Helden oder gar fehlerfrei. Wenn wir genau hinsehen – der Sonntag Okuli heißt „Augen“ –, dann sehen wir auch ihre innere und äußere Zerrissenheit. Der unbedingte Auftrag, Gewalt und Unrecht anzuprangern, führt einen schnell an die Grenzen und darüber hinaus. Jeremia geht daran schier zugrunde. Er verflucht ausführlich den Tag, an dem er geboren wurde. Es wird ihm alles zu schwer.

Ein Arbeitsfeld unserer westfälischen Kirche, für das wir Sonntag die Kollekte sammeln, sei in diesem Zusammenhang ausdrücklich erwähnt: Der Arbeitskreis gegen Kinderprostitution setzt sich dafür ein, dass diese Verbrechen an Kindern aufhören. Hier gilt besonders: Schaut nicht weg, schaut hin! Denn nicht nur in Lügde, sondern auch in den Bordellen von Minden bis Siegen geschieht Unfassbares. Hinschauen kann sehr wehtun und sehr wütend machen. Man blickt in gebrochene Kinderaugen, denen das Leben geraubt wurde, bevor es begann. Man sieht auch, wie viel kriminelle Energie dahintersteckt.

Gott sei Dank gibt es Menschen, die auch dort ihre Augen aufmachen, ja selbst gepackt werden, und bereit sind, etwas zu ändern. Sie werden Gott genauso wie Jeremia anklagen, verzweifelt sein, weil sich oft so wenig tut. Können sie auch die Hoffnung Jeremias teilen, dass dieser Gott nicht ruhen wird, bis ihre Verfolger fallen und es ihnen am Ende nicht gelingt? Es ist Leben an der äußersten Grenze, zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Jeremia bleibt ein Zeichen dafür, dass wir zwischen diesen Extremen leben, weltweit. Ende offen – aber ein Ende zu dem Gott hin, der ohne Zweifel sich denen zuwendet, die selbst am Ende sind.

Gebet: Öffne uns die Augen, treuer Gott, damit wir erkennen, was du siehst: Die in Not sind, ver-zweifelt und missbraucht, warten auf unsere Herzen, Mund und Hände; du aber lass uns nicht in unseren Zweifeln und Ängsten allein. Segne, die heute das Leben und deine Erde bewahren. Amen.

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