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«Eleonore, bis du das?»

epd | 23. März 2019

Außenstehende wundern sich, wie es immer noch möglich ist, dass Senioren auf den sogenannten Enkeltrick hereinfallen. Doch Spott und Vorwürfe sind fehl am Platz, warnt die Opferschutzorganisation "Weißer Ring".

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Mainz (epd). Arnold M. hatte eine Operation hinter sich und war gerade dabei, ein Nickerchen zu machen, als das Telefon klingelte. Die Frauenstimme kam ihm gleich vertraut vor. "Eleonore, bis du das?" fragte der pensionierte Lehrer. Die vermeintliche gute Bekannte hielt sich nicht lange mit Freundlichkeiten auf und sagte, sie brauche dringend eine größere Summe Geld. Die benötigten 15.000 Euro hatte der Rheinland-Pfälzer nicht, aber er machte sich sofort auf den Weg zur Sparkasse, um "Eleonore" zu helfen, hob 8.000 Euro in bar ab, die kurze Zeit später ein Kurier gegen Quittung entgegennahm. "Ich war wie in Hypnose", erzählt der 77-Jährige.

Seit Jahrzehnten bringen Trickbetrüger meist ältere Menschen auf diese oder ähnliche Weise um ihr Erspartes. Der sogenannte Enkeltrick bleibt für Kriminelle bis heute eine äußerst lukrative Einnahmequelle - und das, obwohl Behörden und Medien potenzielle Opfer unermüdlich warnen und an Bankmitarbeiter appellieren, sie sollten nachhaken, wenn ältere Leute plötzlich ihre Konten leerräumen.

Abwandlungen der Masche

Zum diesjährigen Tag der Kriminalitätsopfer hat die Opferschutz-Organisation "Weißer Ring" nochmals speziell auf die Tricks hingewiesen, mit denen ältere Menschen hereingelegt und ausgenommen werden. Längst gibt es Abwandlungen der Masche, etwa vermeintliche Polizisten, die Wertgegenstände wegen einer gefährlichen Einbrecherbande in der Region in Sicherheitsverwahrung nehmen wollen. An Angehörige und Freunde der Betrugsopfer appellierten die Opferschützer, auf Vorwürfe zu verzichten. Oft seien die Schamgefühle und Vorhaltungen für die Opfer fast noch schlimmer als der materielle Verlust.

"Diese Leute sind so geschult, dass es völlig normal ist, dass man darauf hereinfällt", sagt Eberhard Brennholt von der Koblenzer Außenstelle des "Weißen Rings" über die Täter. Sogar in seinem eigenen familiären Umfeld hätten Betrüger vor einiger Zeit mit ihrer Geschichte fast Erfolg gehabt - bei einer Verwandten, die selbst ehrenamtlich im "Weißen Ring" engagiert ist.

Nach der Geldübergabe wuchsen Zweifel

Auch Arnold M. hatte vor der Geldübergabe zwar kurz Verdacht geschöpft, aber er war den Bitten dann doch nachgekommen. Dabei hatte "Eleonore" nicht einmal wirklich begründet, warum sie plötzlich so eine hohe Summe brauchte. Kurz nach der Geldübergabe wuchsen die Zweifel: "Dann kam mir der Gedanke: Ruf sie doch mal an." Minuten später sei ihm alles klargeworden, als die vermeintlich in Not geratene Bekannte unter ihrer normalen Nummer ans Telefon ging. Der um 8.000 Euro erleichterte Rheinland-Pfälzer, ging zur Polizei. "Dement sind Sie ja gar nicht", kommentierte der Polizeibeamte die Strafanzeige.

Bei Gewalt- oder Sexualstraftaten kann der "Weiße Ring" mit seinen bundesweit rund 3.000 ehrenamtlichen Mitarbeitern Betroffenen oft Unterstützung leisten, in dem er Gutscheine für Anwaltskosten bereitstellt, bei der Beantragung von Entschädigungen berät und durch den Behördendschungel von Ämtern und Krankenkassen lotst. All das ging im Fall des betrogenen Rheinland-Pfälzers nicht, denn Täter und Geld blieben verschwunden. Helfen können habe er trotzdem, sagt Eberhard Brennholt - durch die simple Feststellung, dass Opfer niemals schuld an einem Verbrechen seien.

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