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Wer einen geliebten Menschen hergeben musste, der weiß: Das Leben geht weiter – aber es wird nie mehr wie zuvor. Die Welt ist wie in Scherben und das Weiterleben voller Bruchstellen. Im Predigttext heißt es von Gott, dass auch er einen geliebten Menschen, seinen eigenen Sohn, hergeben musste. Was er dabei gefühlt hat ...? Das werden wir Menschen nie wissen. Aber wir dürfen erfahren, dass Gott mit uns durch Abschied und Trauer geht und uns dabei liebevoll hält. Foto: energyy

Bruchstellen

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 12 / 2019

Willi Wohlfeil | 15. März 2019

Über den Predigttext zum Sonntag Reminiscere: Johannes 3, 14-21

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Wer einen geliebten Menschen hergeben musste, der weiß: Das Leben geht weiter – aber es wird nie mehr wie zuvor. Die Welt ist wie in Scherben und das Weiterleben voller Bruchstellen. Im Predigttext heißt es von Gott, dass auch er einen geliebten Menschen, seinen eigenen Sohn, hergeben musste. Was er dabei gefühlt hat ...? Das werden wir Menschen nie wissen. Aber wir dürfen erfahren, dass Gott mit uns durch Abschied und Trauer geht und uns dabei liebevoll hält. Foto: energyy
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Willi Wohlfeil (58) ist Pfarrer und zuständig für die Notfallseelsorge und Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst im Kreis Unna.

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Predigttext
14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. 19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. 21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Seinen Sohn hergeben müssen. Sein Kind sterben lassen müssen. Katastrophe, Notfall des Lebens, ein Loch tut sich auf und man fällt. Unvorstellbar und doch geschieht es.
Eine 80-jährige, pflegebedürftige Mutter findet ihren 50-jährigen Sohn tot im Bett. Er wohnte bei ihr, ging einkaufen und half ihr, wo er konnte.
Eine Familie geht mit ihren drei Kindern einkaufen. Jan, sechs Monate jung, schläft endlich im Kinderwagen. Im Parkhaus wollen die Eltern ihren Sohn in den Kindersitz setzen. Da bemerken sie, dass Jan nicht mehr atmet.
Katja musste ihren 28-jährigen jüngeren Bruder hergeben. Er kam nicht zum Frühstück. Als sie in seiner Wohnung nachschaute, lag er tot im Bett. Alle Versuche, ihn ins Leben zurückzuholen, blieben ohne Erfolg. Auch der sofort herbeigerufene Notarzt und die Notfallsanitäter konnten nichts mehr für ihn tun. Damals, nach dem Tod der Mutter, hatte Katja als ältere Schwester die Mutterrolle für ihn übernommen. Nun musste sie ihn hergeben.

Wenn der Boden unter den Füßen weicht

Erfahrungen von Menschen, die heute leben. Der Boden unter ihren Füßen ist weggerissen. Ihre Welt steht auf dem Kopf. Alles scheint zerbrochen. Man will es nicht glauben. Kann es nicht wahrhaben. Fühlt, wie ein Teil von sich selbst fehlt.
Die Mutter, Jans Eltern, Katja haben eine Ahnung davon, was es bedeutet, den Sohn herzugeben. Wie meine Welt in tausende Scherben zerspringt, wenn ein Kind stirbt.
So sehr liebt Gott die Welt, dass er seinen Sohn hergab. Wie mag Gott getrauert haben? Was hat er gefühlt? War er hilflos wie Jans Eltern? War er fassungslos wie die Mutter? Fragt er, wie Katja, was soll werden? Warum darf ich weiterleben?
Tausende Splitter, alles zerbrochen. Was gestern noch selbstverständlich war, ist heute anders. Wie soll es weitergehen? Warum lässt Gott das zu? Warum unser Kind? Warum nicht ich? Fragen über Fragen stellen sich, bleiben ohne Antworten. Gott lässt den Tod seines Sohnes zu. Damit wir Leben haben. Wie wichtig sind wir Menschen, Gott?

Er gibt seinen Sohn, damit wir leben dürfen. Gott ist der Klebstoff, der die Scherben zusammenfügt, wie ein Mosaik. Und wer schon mal versucht hat, eine zerbrochene Tasse wieder zusammenzuflicken, der merkt, wie es Zeit braucht. Jedes noch so kleine Teil neu einzufügen. Mit Geduld Stück für Stück zueinander ordnen. Aufpassen, dass nichts weiter abbricht.
Und wenn es glückt, Schritt für Schritt, mit der Zeit, dann wird es eine andere Tasse sein. Denn zum Teetrinken eignet sie sich nicht mehr. Sie hilft aber beim Festhalten der Erinnerungen. Erinnerungen an gemeinsame Stunden. Erinnerungen an gemeinsam erlebtes und bestandenes Glück. Aber sie erinnert auch an Schmerzen und Leid. Sie zeigt die Wunden und Bruchstellen. Ich vertraue darauf, dass unsere Lieben bei Gott gut aufgehoben sind. Und doch vermisse ich sie hier in meinem Leben.

Leben nach dem Tod eines geliebten Menschen ist ein anderes Leben. Für wen soll ich kochen? Wer nimmt mich in den Arm? Wem erzähle ich von meinen Freuden und Erfolgen? Wer geht mit mir einkaufen? Wem kann ich meinen Garten anvertrauen?
Leben lerne ich neu durch die Trauer hindurch. Auch wenn ich mir das im Moment nicht vorstellen kann. Es wird sein. Denn Gott selbst hat seinen Sohn hergegeben damit wir Leben haben. Gott hat es selbst durchlebt und lässt uns nicht allein.

Gebet: Gott, du Vater weißt: Einen Sohn hergeben zu müssen, tut weh. Du hast uns unser zerbrochenes Leben geschenkt. Wir wollen es bestehen, Schritt für Schritt. Wir danken dir, dass du uns begleitest durch andere Menschen. Nimm unsere Kinder in deine liebenden Arme. Amen.

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Leser-Kommentare öffnen

ellybe, 16. März 2019, 17:12 Uhr


Ich bin nicht nur erschrocken, ich bin entsetzt über das, was ich in dieser Andacht lese. Ich bin entsetzt nicht nur darüber, dass der Verfasser sich, als Theologe, auf das Gebiet der reinen Spekulation begibt, sondern vor allem darüber, dass er Unvergleichbares miteinander vergleicht, und dabei nicht merkt, in welche Rolle er Gott bringt - ganz zu schweigen davon, wie sich Trauernde dadurch fühlen müssen:
In den Beispielen, die Herr Wohlfeil anführt, werden die Trauernden durch den überraschenden Todesfall, ohne eigenes Zutun und gegen ihren Willen eines Angehörigen beraubt! Im Falle Jesu ist Gott jedoch, was den Tod seines Sohnes anbetrifft, der aktive Part: "Er gibt seinen Sohn"! Die vorher Genannten sind jedoch passiv, sie "müssen" einen Angehörigen hergeben! Gott MUSS nicht: Der Tod seines Sohnes kommt also für Gott keineswegs überraschend, er ist von ihm beabsichtigt bzw. geplant - oder wie man es nennen will: "Denn Gott selbst hat seinen Sohn hergegeben". Jesu Tod entspricht also Gottes Willen und Plan (siehe Predigttext, Vers 16 und 17)! Wenn es aber so ist, ist es geradezu abwegig, darüber rein psychologisch zu spekulieren, wie "Gott getrauert haben" mag - zumal er ihn ja von den Toten auferwecken und nach drei Tagen lebendig wiederhaben würde (spätestens aber nach seiner Himmelfahrt)! Da war er doch wohl keineswegs "hilflos wie Jans Eltern" oder "fassungslos wie die Mutter"! - Weiter:
Wie würde man wohl, mit psychologischen (Fach-) Begriffen, das Verhalten von jemand bezeichnen, der als Vater seinen Sohn mit voller Absicht in den Tod gibt; der dabei weiß, dass dieser schon bald wieder unter den Lebendigen weilen wird, weil er ihn selbst - am dritten Tage - von den Toten aufzuerwecken gedenkt; der aber seinen Tod so betrauert, als hätte er von allem nichts gewusst, als wäre er eine "Katastrophe" und "unvorstellbar" gewesen!? Nur zur Erinnerung: Im Falle von Katjas Bruder schreibt der Verfasser: "Alle Versuche, ihn ins Leben zurückzuholen, blieben ohne Erfolg"! Also bitte!
Und dann wird Gott vom Verfasser auch noch von einer handelnden Person zu einer Sache, der Produzent zugleich zum Produkt gemacht: "Gott ist der Klebstoff, der die Scherben zusammenfügt"! Was für eine Vorstellung: Ein sich selbst klebender Gott! Da will ich dann auch mal spekulieren: Wie mag er sich als Klebstoff fühlen? - Ach, es ist einfach schrecklich, was ich da lesen muss(te)! -
PS:
Wenn schon, dann könnte man Gottes Wort bzw. dem Evangelium von Jesus Christus die Aufgabe eines Klebstoffs zuschreiben - das wäre vielleicht sogar kein schlechter Vergleich...
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Mannybart, 19. März 2019, 14:01 Uhr


Was hat Jesus je geschrieben ? Nichts ! - - Geschrieben haben Andere vom Hören Sagen !! - - Aramäisch oder Hebräisch ?
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