hg
Bild vergrößern
Mitgefühl: Das Schönste, was wir Menschen uns schenken können. Wenn sich jemand einfühlt in das, was uns bewegt, ohne Vorbehalte und Urteile, tut das der Seele einfach gut. Der Predigttext beschreibt Jesus als den, der mit uns fühlt; der unsere Schwächen kennt und unsere Schuld vergibt. Darum können wir mit der Sicherheit durchs Leben gehen, dass nicht zählt, was wir leisten, sondern wer wir sind. Foto: ilfotokunst

Anzeige

Zärtlichkeit für die Seele

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 11 / 2019

Katrin Berger | 8. März 2019

Über den Predigttext zum Sonntag Invokavit: Hebräer 4, 14-16

Bild vergrößern
Mitgefühl: Das Schönste, was wir Menschen uns schenken können. Wenn sich jemand einfühlt in das, was uns bewegt, ohne Vorbehalte und Urteile, tut das der Seele einfach gut. Der Predigttext beschreibt Jesus als den, der mit uns fühlt; der unsere Schwächen kennt und unsere Schuld vergibt. Darum können wir mit der Sicherheit durchs Leben gehen, dass nicht zählt, was wir leisten, sondern wer wir sind. Foto: ilfotokunst
Bild vergrößern
Katrin Berger (36) ist Pfarrerin der Jugendkirche Hamm.

Anzeige

Predigttext
14 Da wir nun einen mächtigen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, Gottes Kind, so lasst uns am Bekenntnis festhalten! 15 Wir haben einen Hohenpriester, der über unsere Schwächen Mitleid empfindet. Jesus wurde ja genau wie wir in allem auf die Probe gestellt, aber er entfernte sich nicht von Gott. 16 Deshalb lasst uns mutig vor den Thron treten, an dem unser Unrecht vergeben wird, damit wir – wenn wir Hilfe benötigen – zur richtigen Zeit Barmherzigkeit empfangen und hilfreiche Zuneigung finden.
Bibel in gerechter Sprache

Ich glaube: Alle großen Dingen fangen mit Mitgefühl an. Freundschaft: dass da jemand nachvollziehen kann, warum ich gerade so glücklich bin. Liebe: dass da jemand unbedingt interessiert, wie es mir geht. Trost: dass da jemand verstehen will, warum es mir so schlecht geht. Hoffnung: dass da jemand ähnlich fühlt, und genau das die Rettung ist, weil wir damit schon zwei sind und ich mit meinem Schlamassel nicht mehr alleine bin.

Mitgefühl ist für mich das Schönste, was wir Menschen haben und uns schenken können. Mitgefühl ist Zärtlichkeit für die Seele! Wenn ein Mensch sich mir ganz sanft nähert, und ein Stück mit mir und meinen Gefühlen mitgeht, ohne die Richtung vorzugeben, dann geht meine Seele auf. Am schönsten ist Mitgefühl für mich, wenn kein Gefühl tabu ist.

Niemand wird je fühlen wie ich

Ich schäme mich nun mal, ich bereue, ich beneide, ich verzweifele, ich fühle mich schuldig und ich bin nicht nur etwas wütend, ich hasse auch aus tiefster Seele und verachte abgrundtief. Und ich brauche Mitgefühl, um mit diesen oft gut begründeten Gefühlen leben zu können.

Ich weiß, niemand wird je so fühlen wie ich. Oft verstehe ich mich selber nicht, aber dass es jemand wirklich ernsthaft versucht, berührt mich und verändert alles. Dass mir jemand zuhört und Fragen stellt, um mir und meinen Gefühlen näher zu kommen, ohne den Moment zu verpassen, wo die Grenze des Sagbaren und Verstehbaren erreicht ist, ist eine der schönsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe.
Kurz: Ich finde Mitgefühl unwiderstehlich.

Vor allem das Mitgefühl Gottes, das Jesus Christus verkörpert. Nichts anderes hat meinen Glauben geweckt und mein Vertrauen in Gott durch alle Prüfungen des Lebens lebendig gehalten als die Zusage, dass Gott mit mir fühlt.
Meine Seele und die vieler Menschen in unserer Kirche und Leistungsgesellschaft hat früh gelernt: „Du musst stark sein und es allein für dich schaffen. Du musst die Probe bestehen und beweisen, dass du es wert bist, sonst bekommst du nichts. Keine Barmherzigkeit, keine Hilfe, keine Liebe.“

Eigentlich ist mir völlig klar, einen solchen Beweis zu fordern, ist das Gegenteil von Liebe oder Gott. Ich falle trotzdem oft darauf rein und was zuerst aussieht wie meine Stärke („Ich schaffe das alles alleine!“), ist meine große Schwäche. Denn wenn ich so lebe, verliere ich über kurz oder lang mein Mitgefühl für mich und andere.
In solchen Phasen helfen nur Worte wie aus dem Hebräerbrief, aus dem ich heraushöre: Jesus reagiert mitfühlend auf meine Schwäche. Denn Jesus weiß, wie es ist, wenn die Seele nach Zärtlichkeit hungert und anfällig wird für die Versuchungen derer, die es nicht gut mit uns meinen (das Evangelium des Sonntags erzählt von der Versuchung Jesu, Matthäus 4, 1-11).

Jesus war fähig, 40 Tage ohne Mitgefühl zu leben und mächtiger Hohepriester genug, um zu mir und Ihnen zu sagen: „Wenn es sich anfühlt, als müsstest du deine Seele verkaufen für ein bisschen Hilfe und Zuneigung, dann halt dich daran fest: Ich habe die Probe schon bestanden, du musst da nicht mehr durch.“

Größte Schwäche: Ich schaffe das allein!

Genau dieses Mitgefühl zusammen mit dem Triumph über das Leistungsdenken ist für mich Anfang aller echten Hilfe, Barmherzigkeit, Liebe und auch meines Glaubens geworden. Denn wenn ich das höre, öffnet sich meine Seele und ich bekomme so ein schönes, zärtliches Gefühl für Gott. Ich will dann bei Gott sein, weil bei Gott meine Probezeit schon lange beendet ist, auch wenn sich mein Alltag oft noch durch Leistungsanforderungen auszeichnet.

Und ich nehme mir vor, diesmal nicht ganz so schnell wieder in meine größte Schwäche („Ich schaffe das alles alleine!“) zu verfallen und ein wenig länger als davor an meinem Bekenntnis festzuhalten: dass Gott mit mir mitfühlt.

Gebet: Jesus, ich bin dir dankbar, dass du mit mir fühlst und mir hilfst, Mitgefühl mit mir und anderen zu haben. Danke, dass meine Probezeit bei dir beendet ist und ich bei dir nichts leisten muss, damit du mir Barmherzigkeit, Hilfe und Zuneigung schenkst. Daran will ich mich halten. Amen.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen