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Die Prekmurje liegt im Nordosten Sloweniens. Die nächste größere Stadt ist Maribor (Foto) mit über 110 000 Einwohnern und ist rund 60 Kilometer entfernt. Foto: esvetleishaya

Tiefe Verbundenheit zur Heimat

Weltgebetstag

Aus der Printausgabe - UK 09 / 2019

Petra Ziegler | 26. Februar 2019

Aus Slowenien kommt in diesem Jahr die Liturgie für den Weltgebetstag. Er steht unter dem Motto „...alles ist bereit“ und wird am 1. März in aller Welt begangen. Die meisten Protestanten leben im Nordosten Sloweniens. Dort ist die Arbeitslosigkeit am höchsten.

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Die Prekmurje liegt im Nordosten Sloweniens. Die nächste größere Stadt ist Maribor (Foto) mit über 110 000 Einwohnern und ist rund 60 Kilometer entfernt. Foto: esvetleishaya
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Suzanna Nemec geht gerne in den Frauenkreis. Fotos: Wolfgang Ziegler
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Pfarrerin Simona Prosi Filip liebt ihre Arbeit mit den Frauen.

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Suzanna Nemec (48) ist Zuckerbäckerin. In Deutschland heißen Zuckerbäckerinnen heute Konditorinnen. Nur drei Jahre hat Suzanna in einer Konditorei in Maribor im Nordosten Sloweniens gearbeitet. Dann musste sie ihren Traumberuf wegen einer Hautkrankheit aufgeben.

Aufgewachsen ist Suzanna in Selo, einem 300 Einwohner kleinen Ort in der Prekmurje, auf Deutsch „Übermurgebiet“, im Nordosten Sloweniens. Dort wohnen die meisten der 15 000 protestantischen Slowenen. Suzanna hat später in einer Näherei gearbeitet wie viele Frauen in der Gegend. Doch mit dem Zerfall von Jugoslawien in den 90er Jahren verlor die Textilindustrie einen Großteil ihres Binnenmarktes und stellte auf den Export ins Ausland um.

Viele Frauen haben ihre Arbeit verloren

Im vergangenen Jahrzehnt ging es dann endgültig mit der Textilindustrie bergab. Slowenien war Billiglohnland. Aber plötzlich gab es billigere Billiglohnländer. 2009 verloren auf einen Schlag 2600 Mitarbeiter der Bekleidungsfabrik Mura ihren Job. Der Niedergang von Mura zog auch andere Nähereien mit in den Abgrund. Auch Suzanna hatte keine Arbeit mehr. Doch ein Umzug in den Westen der Republik oder gar ins Ausland kam für sie nie in Frage. Sie ist in der Prekmurje aufgewachsen, hier haben sie und ihr Mann ein Haus gebaut, hier sind ihre beiden Söhne geboren. Hier ist ihre Kirche.

Die Arbeitslosigkeit in Slowenien ist längst nicht mehr so hoch wie vor zehn Jahren. Vor knapp einem Jahr lag sie bei 5,6 Prozent. Aber in der Prekmurje war es schon immer schwieriger, eine Arbeit zu finden. Im Herbst 2017 waren dort 14 Prozent ohne Job. Suzanna hat inzwischen wieder Arbeit gefunden in einer Lebensmittelmanufaktur. Sie kocht Paprika, Tomaten und Auberginen ein. In ihrer Freizeit geht sie gerne in den Frauenkreis der Kirche.

Simona Prosi Filip (45) bringt die evangelischen Frauen Sloweniens zusammen. Sie ist die Frauenpfarrerin der Evangelischen Kirche A. B. in der Republik Slowenien. In Deutschland wäre sie das im Hauptberuf. Doch dafür ist die Kirche zu klein. In Slowenien ist die Frauenpfarrerin auch noch Gemeindepfarrerin.
Simona Prosi Filip liebt ihre Arbeit. Sie ist von den Frauen, die zu ihren Veranstaltungen kommen, begeistert, weil sie so zuverlässig sind. Wenn es darum geht, einen Basar auf die Beine zu stellen, heißt es oft: „Die Frauen von der Simona werden es schon machen.“

In der Frauenarbeit geht sie neue Wege. Sie macht auch mal ein Bibliodrama. Nicht weil es modern ist. Die Pfarrerin möchte, dass die Frauen sich selber mehr wertschätzen. Im Bibliodrama versetzen sich die Frauen in die Rolle der Figuren hinein: in Petrus, Marta, Maria oder Mirjam.

Die Frauen in Übermurgebiet haben alle hart gearbeitet. Viele waren Gastarbeiterinnen in Vorarlberg oder in der Steiermark. Im Ruhestand kommen sie in ihre Heimat und damit oft auch in die Kirche zurück. Dort treffen Gastarbeiterinnen auf Gastarbeiterinnen.

Die Pfarrerin spricht fließend Deutsch. „Ich bin in Süddeutschland geboren, in Ludwigsburg  – als Kind von Gastarbeitern.“ Aber zu Hause ist sie in der Prekmurje. Auf ihre Kirche ist sie stolz. Gute Leute und gute Projekte habe sie. Obwohl sie klein ist, habe die Kirche eine sehr gute Position im Land. „Es liegt an uns, dass wir das auch nutzen.“

Slowenien ist übrigens das einzige Land in Europa, in dem der Reformationstag, der 31. Oktober, ein staatlicher Feiertag ist. Jedes Jahr gibt es dazu einen Staatsakt im Parlament. Schließlich hat die Reformation in Slowenien eine große kulturelle Bedeutung. Der Reformator Primus Truber hat entscheidend mit zur Entwicklung der slowenischen Sprache beigetragen.

Die Frauen sorgen füreinander

Zur Simonas Veranstaltungen kommen bis zu 150 Frauen. Die beliebtesten Veranstaltungen sind die, bei denen die Gelegenheit zum Gespräch und zur Begegnung besteht. Manchmal bereiten die Frauen auch Basare vor. Sie legen selber fest, für wen der Erlös des Basars gedacht ist. Etwa für eine behinderte Frau, die neue Beinprothesen brauchte. Die Krankenkasse bezahlte die Prothesen nicht. Also sorgen Simonas Frauen für das Geld.

Unterstützt werden die Frauen vom Gustav-Adolf-Werk und seiner Frauenarbeit. Einmal jährlich gibt es ein Wochenendseminar und ein Picknick mit Gottesdienst für Frauen aus ganz Slowenien. Seit 2017 treffen sich evangelische Frauen aus den verschiedenen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Das Ziel: in Begegnungsseminaren zu einer Versöhnung zu kommen.

Sidoniya Šinkec (72) ist in der Prekmurje aufgewachsen, war dann aber lange im Ausland. Sie ist eine Dame. Sie geht auf einen unerschrocken und offen zu, sie ist verbindlich. Der Begriff „Gastarbeiterin“ passt nicht zu ihr. Zu Gast war sie weder in Deutschland noch in Österreich, sie lebte die deutsche und die österreichische Kultur. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester arbeitete Sidoniya 13 Jahre in Slowenien. Doch dann wollte sie andere Länder und Kulturen kennenlernen.

Sidoniya hatte Glück. Krankenschwestern wurden auch in den 1980er Jahren händeringend gesucht. Deutsche wie österreichische Krankenhäuser suchten im Ausland nach Fachkräften. Auch in Slowenien wurde um die gut ausgebildeten Krankenschwestern geworben. Zwischen 10 und 20 Frauen seien sie damals gewesen, die mit ihr den Sprung in ein fremdes Land wagten.
Viele Frauen – vor allem ungelernte – mussten Slowenien aus purer Not verlassen. In Österreich und Deutschland gab es in den Fabriken genug Arbeit, so konnten sie sich ihren Lebensunterhalt sichern.

Bei Sidoniya war es anders. Sie hätte in der Prekmurje bleiben können, doch sie wollte die Welt entdecken. Sie ging damals nach Heidelberg. Deutsch konnte sie zunächst nicht. lernte es aber schnell. Ihr Erfolgsrezept: „Ich habe viel gelesen und viel gesprochen.“ Deutschland ist für Sidoniya zu einem zweiten Zuhause geworden. Sie kann es nicht erklären, aber sie habe sich in Deutschland nie als Ausländerin gefühlt. Die Arbeit als Krankenschwester gefiel ihr, rasch wurde sie Pflegedienstleiterin. Später dann Hausdame in einer Seniorenresidenz.
16 Jahre später folgte ein Ruf nach Wien. Dort hat sie für den Träger der Seniorenresidenz die Pflege in einer neuen Einrichtung aufgebaut. Sidoniya hat immer gearbeitet. Aber nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch aus Berufung. In der Rente ist sie wieder in ihre erste Heimat gezogen – in die Prekmurje. Hier kommt sie mit anderen Frauen zusammen, die wie sie Jahrzehnte im Ausland gearbeitet haben.

Nie die Verbindung zur Heimat verloren

Sidoniya lebte in drei Ländern und kennt drei Kulturen. Was hat sie aus diesen drei Ländern mitgenommen? An Deutschland schätzt sie die Pünktlichkeit, „die fehlt mir hier“. An den Österreichern mag sie die Lebensfreude. Und was ist mit Slowenien? „Das ist meine Heimat.“ Ihr erstes Zuhause. „Ich habe in all den Jahrzehnten im Ausland nie die Verbindung zu meiner Heimat verloren.“ Glaube und Kirche spielen für sie jetzt eine ganz andere Rolle als früher. Eine wichtige Rolle. „Wenn ich sonntags nicht in die Kirche gehe, dann fehlt mir etwas.“ Sie liest viel in der Bibel, und besucht mit Freude die Seminare mit Simona, der Frauenpfarrerin.

Zum Schluss aber will Sidoniya Šinkec nicht von sich reden, sondern will ein Lob loswerden. Noch nie sei die Frauenarbeit so gut gewesen wie unter Simona. Sidoniya sagt das von Herzen. Es ist gute alte Schule, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Sidoniya ist eben eine Dame.

Die Evangelische Kirche A. B. in der Republik Slowenien hat etwa 15 000 Mitglieder. Das ist knapp ein Prozent der Bevölkerung Sloweniens. Die meisten von ihnen leben im Nordosten des Landes, in der Prekmurje (Übermurgebiet). Die kleinste evangelische Gemeinde ist die in der Hauptstadt Ljubljana.

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