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Wer hat mehr? Wer hat mehr – ich oder der andere? Diese Frage und der passende Blick scheinen uns angeboren zu sein. Aber das ständige Vergleichen tut uns nicht gut, wie der Verfasser des Predigttextes im Laufe seines Lebens festgestellt hat. Es macht vielmehr unzufrieden und unglücklich. Was dagegen gut tut, ist der Blick auf Gott. Er ruft uns dazu auf, für Gerechtigkeit zu sorgen in unserer Welt. Aber er gibt auch Gelassenheit, wenn wir nicht weiterwissen: Unser Leben liegt in Gottes Hand. Foto: hbrh

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Neidische Blicke

Andacht

Stephan Zeipelt | 17. Februar 2019

Über den Predigttext zum Sonntag Septuagesimä: Prediger 7, 15-18

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Wer hat mehr? Wer hat mehr – ich oder der andere? Diese Frage und der passende Blick scheinen uns angeboren zu sein. Aber das ständige Vergleichen tut uns nicht gut, wie der Verfasser des Predigttextes im Laufe seines Lebens festgestellt hat. Es macht vielmehr unzufrieden und unglücklich. Was dagegen gut tut, ist der Blick auf Gott. Er ruft uns dazu auf, für Gerechtigkeit zu sorgen in unserer Welt. Aber er gibt auch Gelassenheit, wenn wir nicht weiterwissen: Unser Leben liegt in Gottes Hand. Foto: hbrh
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Stephan Zeipelt (46) ist Pfarrer im Institut für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste der EKvW und Geschäftsführer der von Cansteinschen Bibelanstalt in Westfalen.

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Predigttext
15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Lieben Sie Filme?“, fragt die Werbung für eine Programmzeitschrift. Ja, ich liebe Filme. Und ich liebe ein fast ausgestorbenes Genre: Den Western. Und dann auch noch Western mit John Wayne. Ab und an lege ich gerne eine DVD mit einem solchen Film ein. Was mich seit meiner Kindheit an Western fasziniert und dann auch noch für diesen Schauspieler begeistert, kann ich nicht wirklich erklären. Vielleicht ist es dieses klare Schema von schwarz und weiß, von gerechtem Lohn und verdienter Strafe, das mich in den meisten Filmen erwartet. Nicht viel nachdenken, es ist einer da, der für Gerechtigkeit sorgt, den Schwachen beisteht, die Bösen bestraft und am Ende, wenn alles gut ist, in den Sonnenuntergang reitet…
Kein Alleinstellungsmerkmal des Western, aber selten ausgeprägter praktiziert worden. In dem Film „Chisum“ mit John Wayne kann man das sehr gut beobachten. Am Ende fasst der Schauspieler das mit einem Zitat zusammen: „Den Bösen geht’s gut, den Braven geht’s schlecht, aber am Ende siegt dennoch das Recht.“

Wer Gutes tut, wird dafür belohnt – oder?

Das hätte der Prediger so nicht gesagt. Er lebte in einer Zeit, die von dem so genannten „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ geprägt war. Diese Struktur ist einfach, und sicher hätten wir sie heute auch gerne: Tut jemand etwas Gutes, dann erfährt er Gutes und wird belohnt. Tut jemand etwas Schlechtes, dann bekommt er das zurück und wird bestraft. Eine gerechte überirdische Instanz sorgt dafür, dass jeder Mensch bekommt, was er verdient. Aber: Schon der Prediger stellt fest, das das Leben sich nicht an diese einfache Struktur hält.

Im Predigttext beobachtet er, dass es Gerechte gibt, die leiden, und Ungerechte, die ihr Leben in Saus und Braus führen. Er rät zum Weg der goldenen Mitte: „Sieh zu, dass du dich nicht sklavisch Geboten unterwirfst, nicht Weisheit als letzten Grund allen Handelns suchst.“ Ein wenig höre ich: „Genieße dein Leben, lass einmal fünfe gerade sein.“ Und ich höre Jesu Worte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ (Mk 2,27).

Gleichzeitig rät er auch, nicht über die Stränge zu schlagen: „Sei nicht gottlos und kein Tor. Lerne, wo es was zu lernen gibt, nimm die Gebote ernst, denn letztlich möchten sie das Leben ordnen: Das eigene und das Leben in Gemeinschaft.“ Und ich höre Forrest Gump – auch ein Film – , der seine Mutter zitiert: „Dumm ist, der Dummes tut.“ Das eine tun, das andere nicht lassen. An sich denken, aber auch an andere. Sich um Gerechtigkeit sorgen, aber an der Ungerechtigkeit der Welt nicht zugrunde gehen.

Und dann bringt der Prediger Gott ins Spiel. Erst jetzt? Ist Gott denn nicht der, der die Urteile spricht? Der, der weiß: Das ist gutes Handeln, das ist böses Handeln. Im Leben ist es nicht wie im Western. Schwarz und weiß ergeben oft ein vielschichtiges Grau. Der Prediger macht Mut, Gott als Gegenüber wahrzunehmen, der gefragt werden kann, auf den geschaut werden kann, wenn eben nicht alles so klar ist. Gott ist nicht (nur) Urheber und Ursprung der Gebote, der im Vornherein klare Anweisungen macht, sondern vor allem der, der in den unterschiedlichsten Situationen ansprechbar ist.

Gottesfurcht ist sein Stichwort. Gott fürchten? Furcht meint nicht, Angst zu haben, Furcht meint vielmehr Ehrfurcht: Da ist jemand über mir und allen anderen. Da ist jemand, der über allem steht, auch über Gut und Böse. Und wenn ich mich dem zuwende, kann ich gelassen mein Leben annehmen. Das macht ehrfürchtig, aber nicht ängstlich. Der Sonntag Septuagesimae bedeutet „70 Tage vor Ostern“. An Ostern wird Gottesfurcht greifbar: Da ist jemand, der den Tod besiegte. Und so kann ich auch gut meinen Western mit John Wayne zu Ende sehen. Denn das Zitat war oben nur verkürzt wiedergegeben:

„Den Bösen geht’s gut und den Braven geht’s schlecht, aber am Ende siegt dennoch das Recht. Und ganz zum Schluss stellt man fest: Gott war schon vorher da!“

 

Gebet: Gott, bitte schenke mir Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; Gelassenheit, Dinge zu lassen, die ich nicht ändern kann; schenke mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden und die Gewissheit, dass du in allem an meiner Seite gehst. Amen.

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