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Rätsel lösen macht Spaß und trainiert nebenbei auch noch die „grauen Zellen“. Egal, ob es ein Kreuzworträtsel oder Sudoku ist. Foto: termis1983

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Im Labyrinth des Denkens

Rätsel

Aus der Printausgabe - UK 05 / 2019

Andreas Öhler | 24. Januar 2019

Seit Menschengedenken lösen wir Rätsel. Sind sie lösbar, nennen wir es Unterhaltung. Sind sie nicht zu knacken, suchen Religion und Philosophie nach Antworten

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Rätsel lösen macht Spaß und trainiert nebenbei auch noch die „grauen Zellen“. Egal, ob es ein Kreuzworträtsel oder Sudoku ist. Foto: termis1983

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Bleigießen oder Kaffeesatz lesen – immer wieder rätseln Menschen, was ihnen die Zukunft wohl bringen wird. Das Rätsel begleitet die Menschheit seit Anbeginn. Womöglich liefert es überhaupt erst den anthropologischen Grundimpuls jeglichen Denkens: Jedwede Wissenschaft und Forschung bauen sich auf dem Rätsel auf.
Im Laufe seiner kulturellen Entwicklung hat der Mensch gelernt, zwischen unlösbaren und lösbaren Rätseln zu differenzieren. Für die unlösbaren Fragen, woher wir kommen und wohin wir gehen werden, sind Philosophie und Theologie zuständig, das große Welträtsel besitzt in nahezu allen Religionen den Rang eines Mysteriums. Nur Eingeweihten wird zugestanden, hinter die letzten Dinge zu blicken, so kann sich über ein – vermeintlich gelöstes – Rätsel eine Gruppe Auserwählter konstituieren, die über ihr Geheimwissen eine Kultgemeinschaft bildet und sich von anderen abhebt. Das Rätsel als Machtfaktor, als Zauberwort.

Lösbare Rätsel und Denksportaufgaben

Die lösbaren Rätsel hatten auch immer schon als „Denksportaufgaben“ Unterhaltungswert. Mit der Lösung eines bewältigbaren Rätsels wurde der Verstand spielerisch vertröstet. Schließlich ist das göttliche Rätsel letztendlich nicht zu knacken.

Aus den frühesten Kulturen sind Bilder, Zeichen und Schriften überliefert, die als Rätsel angelegt waren. Die ältesten dokumentierten Rätsel finden sich auf einer Tontafel aus der alt-sumerischen Stadt Lagasch im damaligen Südmesopotamien um 2350 vor Christus. Aus Ägypten stammt wohl das erste mathematische Rätsel von vor etwa 3800 Jahren, das auch als „Katzen-und-Mäuse-Rätsel“ bekannt ist: eine Wurzelrechnung.

Seit der Frühzeit gibt es in der Literatur das Bestreben, mit Orakelsprüchen, Rätseln die Spannung der Leser zu steigern. Fast wie in einem Computerspiel: Ist die Denkaufgabe gelöst, gelangt der Leser auf ein höheres Level. Homers Ödipus ist ein frühes Beispiel der interaktiven Literatur, in der die Mitarbeit des Lesers mit einbezogen wird. Als Ödipus das Rätsel der Sphinx löst, stürzt sie sich in den Abgrund. Das sagt auch etwas über das Wesen des Rätsels aus: Ist es einmal gelöst, hat es seine Existenz verspielt.

In den Salons des 18. und 19. Jahrhunderts gelangte das Rätsel als beliebtes Gesellschaftsspiel zu neuer Blüte. Besonders beliebt sind literarische Rätsel, wie die Scharade, aber auch Silbenrätsel. Diese poetische Lust am Rätseln spiegelt sich etwa im Schiller-Stück „Turandot“ wieder, später auch in Edgar Allen Poes düsteren Geschichten und nicht zuletzt bei J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“.
Was mit den alten Griechen zu großer Kunst geführt wurde und in der deutschen Klassik einen neuen Höhepunkt erreichte – das sprachlich metaphorisch überfrachtete verklausulierte Rätsel – wich im 20. Jahrhundert einer nüchternen Vorstellung: Mit dem Siegeszug der Kreuzworträtsel in den USA ab 1924 entwickelte sich das schmucklose Ausfüllen in vorgegebene Kästchen zum neuen Zeitvertreib.
Da wurde den Rätsellösern schon weniger Bildung abverlangt als bei den Scharaden im Salon. Noch weniger Bildungsvoraussetzung braucht es bei Sudokus. Da ist nur noch reine Zahlenlogik gefragt. In den letzten Jahrzehnten galt das Ausfüllen von Rätselheften als Inbegriff der Freizeitbeschäftigung für Rentner.

Das 21. Jahrhundert gibt sich mit Sudoku und seinen japanischen Artverwandten eine schnellere Rätselvariante, die dem Lebenstempo der Menschen entspricht. Sie basiert auf Zahlenlogik und könnte genauso gut von einem Computer erledigt werden. Ob uns das auf Dauer gefällt? Schließlich will uns jedes Rätsel überlisten – wir müssen nur listiger sein.

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