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Einen Kaffee kaufen, zwei bezahlen. Der zweite wird an einen mittellosen Menschen ausgeschenkt – eine ganz praktische Möglichkeit, anderen Menschen etwas Gutes zu tun. Und ein kleines Beispiel dafür, wie Paulus‘ Forderungen nach Liebe, Aufmerksamkeit und gegenseitiger Ehrerbietung umgesetzt werden können. Im Zentrum steht die Gewissheit: Gott sieht Würde in jedem Menschen. Darum: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen! Foto: epd

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In Liebe klug

Andacht

Von Sara Schäfer | 20. Januar 2019

Andacht über den Predigttext zum 2. Sonntag nach Epiphanias: Römer 12, 9-16

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Einen Kaffee kaufen, zwei bezahlen. Der zweite wird an einen mittellosen Menschen ausgeschenkt – eine ganz praktische Möglichkeit, anderen Menschen etwas Gutes zu tun. Und ein kleines Beispiel dafür, wie Paulus‘ Forderungen nach Liebe, Aufmerksamkeit und gegenseitiger Ehrerbietung umgesetzt werden können. Im Zentrum steht die Gewissheit: Gott sieht Würde in jedem Menschen. Darum: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen! Foto: epd
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Sara Schäfer (33) ist Pfarrerin im Probedienst in Haan. Sie ist zudem zuständig für die Pflege der UK-Internetseite.

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Predigttext
9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. 11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. 14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. 15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

In der Kita. Eine Mutter bringt ihr Kind seit einigen Tagen mit immer tieferen Augenringen, ungeschminkt, die Haare fettig und strubbelig, die Jogginghose hat auch schon länger keine Waschmaschine mehr von innen gesehen. „Die Beziehung ist sowas von am Ende, guck sie dir doch an“ mutmaßen die einen. „Die Weinflasche ist gerade ihr bester Freund“ ergänzen andere. „Das arme Kind, es muss sich ja für seine Mutter schämen.“
Besuch bei den Großeltern. Das einjährige Enkelkind kuschelt sich immer wieder bei den Eltern an, will nicht so recht mit Opa oder Oma spielen. „Das ist bestimmt krank, so schmusebedürftig, wie das gerade ist“ mutmaßen diese. „Wer weiß, was das Kind wieder ausbrütet. Gerade geht ja die Grippe um, die hat es sich bestimmt irgendwo eingefangen.“

Wissen wir, was beim andern los ist?

„Haltet euch nicht selbst für klug“ – so sagt Paulus es am Ende des Predigttextes für diesen Sonntag. „Haltet euch nicht selbst für klug“. Das meint: Glaubt nicht zu wissen, was bei euren Mitmenschen los ist, ohne sie gefragt zu haben. Vielleicht sogar, ohne sie wirklich zu kennen.

Es gibt diese Menschen, die daraus, dass sie einen Menschen sehen, sofort Rückschlüsse darauf ziehen, was bei ihm wohl los ist. Für sie ist klar: Es liegt ja auf der Hand, dass eine Mutter, die so ihr Kind zur Kita bringt, gerade eine schlimme Trennung durchmacht und deshalb dem Alkohol sehr zugetan ist, wenn sie nicht sogar schon eine Sucht entwickelt hat. Dass bei ihr vielleicht andere Dinge im Argen liegen, hinterfragt kaum einer, der den anderen Eltern bei ihren Überlegungen zugehört hat. Geschweige denn, dass einer die Frau selbst fragt, wie es ihr geht und ob man ihr etwas Gutes tun könnte.

Und auch das Enkelkind, das man in halbwegs regelmäßigen Abständen sieht und das sich mit seinem Alter auch noch nicht mitteilen kann, muss einfach krank sein. Ein anstrengender Tag in der Kita oder mit den Eltern, dem vielleicht auch eine schlechte Nacht vorangegangen ist, wäre als Erklärung ja zu einfach. Wie soll so ein Kind denn schon Stress haben?

Haltet euch nicht selbst für klug. Schaut eurem Mitmenschen in die Augen: Wie geht es dir? Geht es dir gut? Was kann ich tun, damit es dir besser geht? Ich bin nicht allwissend. Ich kann keine Gedanken lesen. Vielleicht kenne ich dich gar nicht. Vielleicht muss ich mich zügeln, um nicht sofort über dich zu urteilen. Aber ich gebe mein Bestes. Auch hier weist mir der Predigttext die Richtung: „Die Liebe sei ohne Falsch“, und: „Nehmt euch der Nöte der Heiligen an“.

Zum Beispiel Kaffee für schräge Vögel

Praktisch wird es in dem Vers „Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.“ Darin schwingt mit: Seht in dem andern und der andern die Würde, die Gott jedem Menschen verliehen hat. Ein alltagstaugliches Beispiel dafür sind die Cafés, die in den letzten Jahren mehr und mehr aufgekommen sind und die die Möglichkeit anbieten, Kaffee zu spenden. Ich kaufe einen Kaffee für mich und zahle einen zweiten, den jemand haben kann, der sich eigentlich gerade keinen leisten kann. Und es sind oft alternative Cafés, die so etwas anbieten. Cafés, in denen eher die mehr oder weniger schrägen Vögel verkehren, in die jeder so kommt, wie er ist. In denen auch jemand, der gerade kein Dach überm Kopf und also vielleicht auch nicht die Möglichkeit hat, täglich zu duschen, nicht sofort mit Blicken verfolgt und am Tresen schief gemustert wird. Wo das Bedürfnis nach Kaffee, Tee und Behaglichkeit über der Frage steht, wer seine Rechnung selbst bezahlen kann.

Haltet euch nicht selbst für klug. Und: Rühme dich nicht des morgigen Tages, denn du weißt nicht, was der Tag bringt. (Sprüche 27,1).

Gebet: Guter Gott, deine Liebe soll über allem stehen. Das ist mein Anspruch, dem ich oft nicht genüge. Viel zu schnell verurteile ich andere, glaube zu wissen, dass mein Weg der einzig wahre ist. Sei du mir ein Licht, das mich immer wieder auf deinen Weg zurückführt. Bleib mit deiner Liebe bei mir. Amen.

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