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Auf eine Stulle ins Museum

Museen

18. Januar 2019

Berufstätigen fehlen oft Zeit und Muße für Ausstellungsbesuche. Immer mehr Museen bieten deshalb Speed-Führungen zu ungewöhnlichen Tageszeiten - dazu gibt es Snacks, Cocktails oder Clubmusik.

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Bundeskunsthalle in Bonn. Foto: epd

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Bonn (epd). Ihre Mittagspause verbringt Sibylle Bliemel im Bonner Bundesversicherungsamt - oder aber im Museum. Denn hin und wieder legt die Beamtin mittags den zehnminütigen Fußweg von ihrem Büro zur Bundeskunsthalle zurück und gönnt sich eine "Kunstpause". Das ist eine halbstündige Mittags-Führung durch eine der Ausstellungen, die zweimal monatlich stattfindet. Dazu gibt es auf Wunsch ein Lunchpaket mit Sandwich und Kaffee. "Für mich ist das eine Erholung im Arbeitsalltag", sagt Bliemel. An diesem Mittwochmittag führt die Kunsthistorikerin Uschi Baetz durch die Ausstellung "Malerfürsten".

An wenigen ausgewählten Bildern verdeutlicht Baetz die Arbeitsweise und Vermarktungsstrategie von sieben Künstlern wie Franz von Lenbach, Hans Makart oder Franz von Stuck, die Ende des 19. Jahrhunderts gefeiert wurden. "Auch wenn es sehr kurz ist. Es ist ein gutes Kontrastprogramm zu meinem Job", sagt Bliemel, bevor sie sich wieder auf den Weg ins Büro macht.

Werben um die Gruppe der Berufstätigen

Das sehen offenbar viele Mitarbeiter der Behörden und Unternehmen im Umkreis der Bundeskunsthalle ähnlich. Seit dem Start der "Kunstpause" vor vier Jahren hätten mehr als 2.700 Kunstinteressierte an den Schnellführungen teilgenommen, sagt Bundeskunsthallen-Sprecher Sven Bergmann.

Die Bundeskunsthalle liegt mit ihrem Angebot im Trend. Immer mehr Museen werben mit speziellen Angeboten um die Gruppe der Berufstätigen. Der Grund: Menschen im Alter zwischen 35 und 45 seien im Museum unterrepräsentiert, sagt Simone Mergen, Sprecherin des Arbeitskreises Bildung und Vermittlung im Deutschen Museumsbund. "Die Museen reagieren mit Angeboten für Berufstätige vor allem auf deren knappe Ressource Zeit." Manche Häuser bieten deshalb auch kurze Betrachtungen eines einzigen Werkes an. So zum Beispiel die Hamburger Kunsthalle, die jeden Mittwoch zur halbstündigen "Mittagspause" lädt.

"Kurze, knackige Führungen"

Noch öfter bemühen sich Museen, Berufstätigen nach Feierabend einen Ausstellungsbesuch schmackhaft zu machen. Die Museumsleute wissen: Wer aus dem Büro kommt, will Entspannung und hat Durst oder Hunger. Immer mehr Kunsttempel stellen sich darauf ein und bieten lockere Unterhaltung sowie Essen und Getränke. Die Kunsthalle Hamburg lockt zum Beispiel einmal im Monat Berufstätige nach Feierabend mit kostenlosen Butterbroten auf die Hand. "Die hole ich selbst bei einem kleinen Kiosk am Jungfernstieg ab - sehr lecker", wirbt die Kunsthistorikerin Rena Wiekhorst. Sie bietet "kurze, knackige Führungen" unter dem Motto "Kunst & Stulle".

Im Kunstmuseum Wolfsburg sollen den Besuchern hingegen Süßigkeiten über das abendliche Konditions-Tief hinweghelfen. "Unsere Candy-Bar hat sich als absoluter Renner entwickelt", sagt Museums-Sprecherin Christiane Heuwinkel. Bei "Art after Work" bekommen die Besucher einen Prosecco und dürfen sich Süßigkeiten und Salzgebäck in einem Tütchen zusammenstellen. "Viele unserer Besucher sind VW-Mitarbeiter. Wir wissen, dass die oft schon einen langen Tag hinter sich haben", sagt Heuwinkel. Deshalb bietet das Haus unter dem Motto "Eat&Art" auch Abendführungen mit anschließendem Drei-Gänge-Menü im Museumsrestaurant an.

Veranstaltungen für Nachtschwärmer

In der Staatsgalerie Stuttgart werden stattdessen Cocktails serviert. Bei "Staatsgalerie after work" gibt es alle zwei Monate eine Feierabend-Führung durch die Sammlung, zu deren Highlights Werke von Künstlern wie Pablo Picasso, Henri Matisse oder Oskar Schlemmer zählen. Dabei gehe es bewusst unkonventionell zu, sagt Anette Frankenberger von der Staatsgalerie. "Die Besucher sollen Gelegenheit haben, sich bei einem Cocktail mit den Kunstvermittlern zu unterhalten." Auf Drinks und eine lockere Atmosphäre mit Musik setzt auch die Kunsthalle München, die einmal im Monat spezielle "Afterwork-Führungen" anbietet.

Eine begehrte Zielgruppe sind für die Museen vor allem jüngere Berufstätige, von denen viele schwer zu einem Ausstellungsbesuch zu animieren sind. "Da muss schon der Genuss-Faktor dazu kommen", weiß Bundeskunsthallen-Sprecher Bergmann. Einmal im Monat macht die Bundeskunsthalle ihr Foyer deshalb zur Lounge. Bei der "Wednesday Late Art" lassen 250 bis 1.000 Besucher den Tag bei Musik von einem DJ und Drinks ausklingen. Dazu gibt es Speed-Führungen durch die Ausstellungen des Hauses.

Zur Party-Location wird auch die Kunsthalle München anlässlich jeder großen Wechselausstellung. Bei der regelmäßigen Veranstaltung "Re-Act! Harry Klein goes Kunsthalle" können die Besucher bis 23 Uhr Kunst anschauen und bis Mitternacht tanzen. Auch Frankfurter Museen bieten regelmäßig Veranstaltungen für Nachtschwärmer. Bei "Schirn at Night" orientieren sich die Partys thematisch an den jeweiligen Ausstellungen. Das Konzept der "Städel Nächte" ist ganz ähnlich. Hier können sich die Besucher bis tief in die Nacht an DJ-Sounds und Kunst berauschen.

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