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Der Stammbaum Christi geht eindeutig aus dem Alten Testament hervor, wie hier in der Handschrift „Hortus Deliciarum“ von 1180 dargestellt wird. Foto: Dnalor_01/wikipedia.de

Das alte Buch der Christen

Bibel

Von Georg Magirius | 15. Januar 2019

Psalmen und alttestamentliche Texte spielen verstärkt eine Rolle in der neuen Perikopenordnung. Der Blick auf die Bedeutung des Alten Testaments hat sich in den letzten Jahren stark verändert

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Der Stammbaum Christi geht eindeutig aus dem Alten Testament hervor, wie hier in der Handschrift „Hortus Deliciarum“ von 1180 dargestellt wird. Foto: Dnalor_01/wikipedia.de

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Was hat Jesus Neues gebracht? Die Nächstenliebe, antworten viele. Der Mainzer Alttestamentler Thomas Hieke hält das für falsch: „Das Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, hat Jesus aus dem Buch Leviticus, dem 3. Buch Mose, aufgegriffen.“ Und das gehört zum Alten Testament. Noch bemerkenswerter ist, dass sich kurz nach dem Liebesgebot die Aufforderung findet, auch den Fremden zu lieben wie sich selbst. Begründet wird das damit, dass Israel selbst in Ägypten fremd gewesen sei, ausgenutzt und ohne Rechte. Deshalb soll es Fremden in Israel gerade so nicht ergehen. Laut Hieke ist das ein Grundmotiv des Alten Testaments: „Gott will, dass Menschen miteinander in Freiheit leben.“

Nächstenliebe gibt es schon im Alten Testament

Viele finden das Alte Testament allerdings alles andere als liberal. Da sei doch viel zu viel von Krieg, Blut und Opfern die Rede. Und das Gottesbild sei finster. So sieht der populäre Theologe Eugen Drewermann zwischen der Barmherzigkeit Jesu und dem Gott des Alten Testaments einen Gegensatz. Und vor einigen Jahren empfahl der Berliner Theologe Notger Slenczka, das Alte Testament aus der Bibel zu streichen. Aus Respekt gegenüber den Juden, wie er betont, dürfe man ihnen dieses Buch nicht wegnehmen. Allerdings habe es auch nicht den Rang des Neuen Testaments, weil Sprache und Kultur der hebräischen Bibel uns heute fremd seien.

„Das gilt genauso für das Neue Testament“, wendet Alttestamentler Hieke ein. „Auch die griechische Kultur, in der das Neue Testament geschrieben wurde, ist uns heute nicht wirklich geläufig.“

Den Durst nach schnell greifbaren Antworten können beide Teile der Bibel nicht stillen. Die Kraft insbesondere des Alten Testaments entfalte sich jedoch in Geschichten, die tief berühren und immerwährende Menschheitsfragen behandeln – etwa woher das Böse kommt und warum man es tut. „Da sind wir mitten in der Geschichte von Kain und Abel, die gleich am Anfang der Bibel steht und eines der stärksten Bilder ist, die wir dazu haben. Denn was kann es Schlimmeres geben als den eigenen Bruder umzubringen?“ Wenn die Bibel also einsteigt, dann geht sie in die Vollen. „Sie spannt den Bogen, bis es kaum noch geht, bis es knallt.“

Das Alte Testament kann erhellen, was den Menschen in seiner Tiefe ausmacht. Doch damit ist noch nicht das finstere Gottesbild erhellt, das viele kritisieren. Tatsächlich ist das in der hebräischen Bibel sperrig, es gebe nur Andeutungen und Fragmente, sagt Hieke. Gerade das aber kann stärker sein als das Bild eines immerzu netten Gottes, das beim erstbesten Schrecken, den man erleben muss, zerbricht. „Da spürt jemand die Nähe Gottes, wenn er selbst in tiefer Verzweiflung sagt: Gott ist als Hirte bei mir. Genauso gibt es die Erfahrung, dass man völlig allein ist, verlassen, ohne Gott und ohne Freunde, weil Gott einem die eigenen Freunde entfremdet hat.“

Christen haben eine „zweieine“ Bibel

Altes und Neues Testament sind für den Alttestamentler Hieke unauflösbar verbunden: „So ähnlich wie wir an einen dreieinen Gott glauben, haben wir als Christen die zweieine Bibel. Eine Einheit aus zwei Teilen, die ich nicht auseinanderreißen kann.“ Das zeigten bereits die ersten Worte des Neuen Testaments, nämlich: „Buch der Geschichte Jesu Christi des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Wer diese Leute und auch die Texte nicht kennt, auf die das Neue Testament immer wieder anspielt, kann mit dem Neuen Testament nichts anfangen, sagt Hieke. „Ich brauche diesen größeren Resonanzraum oder Wahrheitsraum.“

Auch dunkle Stellen wie Hiobs Verzweiflung oder die Wut der Psalmen gehören zur christlichen Bibel, gerade sie. Sie verneinen nicht die Hoffnung auf einen mitfühlenden Gott, sondern erzählen von der Sehnsucht, dass Gott sich zeige und helfe. „Als Begriff kommt die Liebe relativ spät in der Bibel vor und auch dann eher verhalten“, sagt Hieke. „Aber von der Sache her muss man sich fragen, warum Gott diese Welt überhaupt erschafft, Menschen und Tiere, den Kosmos und die Pflanzenwelt. Wenn ich aufs Ganze schaue, dann ist die Triebfeder, die ich in Gott sehe, die Liebe.“

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