hg
Bild vergrößern
Jahrhundertelang hat der Bergbau das Land stark gemacht. Jetzt ist Schluss: Die letzte Steinkohle wurde gefördert. Und die Braunkohle steht auch vor dem Aus. Bild: Bergmannsfenster der Evangelischen St.-Vinzentius-Kirche in bochum Harpen. Foto: TSEW

Anzeige

Schicht im Schacht

Ende Bergbau 

Aus der Printausgabe - UK 51 / 2018

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 20. Dezember 2018

Die letzte Steinkohle ist gefördert. Eine 250-jährige Ära ist zu Ende. Und auch auf die Braunkohle wartet das Ende. Was geschehen muss, damit stabile Ordnungen nicht ins Chaos fallen

Bild vergrößern
Jahrhundertelang hat der Bergbau das Land stark gemacht. Jetzt ist Schluss: Die letzte Steinkohle wurde gefördert. Und die Braunkohle steht auch vor dem Aus. Bild: Bergmannsfenster der Evangelischen St.-Vinzentius-Kirche in bochum Harpen. Foto: TSEW

Anzeige

Jetzt ist es soweit: Schicht im Schacht. Endgültig. Am Freitag vor dem 4. Advent endet die Geschichte des deutschen Steinkohlebergbaus. Dann werden in Bottrop Bergleute dem Bundespräsidenten in einem symbolischen Akt das letzte Stück Steinkohle übergeben, das in Deutschland gefördert wurde.

Damit geht eine 250-jährige Ära zu Ende. Was das bedeutet, kann in voller Tragweite wohl nur verstehen, wer in irgendeiner Weise dabei war. Als Bergmann. Oder als Teil „der Familie“ – und zwar auch im weiteren Sinne.

Die Kohle gab ganzen Landstrichen ein neues Leben. Besonders eindrucksvoll war das im Ruhrgebiet zu sehen. Aus einer Handvoll Dörfern entstand das größte Industrierevier Deutschlands. Der Bergbau sorgte für Brot und Bier, ein Dach über dem Kopf und die Möglichkeit, eine Familie zu gründen – und mit ihr in den Urlaub zu fahren. Er sorgte für Halt und soziale Sicherheit. Er schuf eine Gemeinschaft, in der Menschen instinktiv miteinander umgehen konnten, weil sie aufeinander angewiesen waren. Und weil fast alle von ihnen zugezogen waren aus irgendeinem fremden Teil Deutschlands, Europas oder der Welt. Bei allen Ecken und Kanten: Es herrschte sozialer Friede, jedenfalls im Großen und Ganzen.
Diese Zeit ist vorbei. Unwiderruflich.

Und hier liegt die Herausforderung: Das, was danach kommt, muss gut bedacht und gestaltet sein. Denn was geschehen kann, wenn eine stabile soziale Ordnung zusammenbricht, zeigt das Beispiel Großbritanniens: Als dort Mitte der 80er Jahre der Bergbau aufgegeben wurde, verarmten ganze Regionen. Sie wurden zu dauernden Orten von Depression und Hoffnungslosigkeit. Und oft genug auch Enttäuschung und Hass.

Das lief im Ruhrgebiet besser. Auch hier ist die Arbeitslosigkeit zwar hoch. Auch hier gibt es Enttäuschung. Aber es gibt eben auch seit Jahrzehnten die Bemühungen um einen Strukturwandel, der, zumindest teilweise, gelingt, und so – in aller Unvollkommenheit – Perspektiven schafft und die Menschen nicht komplett in Hoffnungslosigkeit zurücklässt (siehe Seite 9). Die Kirchen leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Es geht um Jobs. Soziale Sicherheit. Und um Wertschätzung: Die Industrie- und Erinnerungskultur, die im Ruhrgebiet geschaffen wurde, ehrt die Identität der Menschen. Sie sagt: Auch wenn wir den Bergbau nicht mehr halten konnten – für lange Zeit hat er das Land mit Leben versorgt. Danke dafür.

Lässt sich das Modell Ruhrgebiet auf andere Regionen übertragen? Im Saarland, wo seit sechs Jahren ebenfalls die Zechen stillstehen, kämpft man darum. Und die nächsten Herausforderungen stehen an. Denn nach der Steinkohle zeichnet sich auch das Ende der Braunkohle ab. Im Rheinland, in Sachsen-Anhalt und in der Lausitz. Hier lauert gesellschaftlicher Sprengstoff. Das Ende des Bergbaus ist ohne Alternative. Aber er muss mit Gottvertrauen gestaltet werden, wenn man bei den nächsten Wahlen nicht weitere böse Überraschungen erleben will.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen