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Wo geht es jetzt lang? Nicht immer ist das so einfach zu entscheiden. Am Lebensweg gibt es viel zu viele Wegweiser und viel zu viele Stimmen, die uns in die vermeintlich richtige Richtung locken wollen. Wie grauenhaft falsch diese Stimmen sein können, haben wir in unserer Geschichte bitter zu spüren bekommen – und erleben es auch jetzt gerade wieder. Darum ist es gut, einen Kompass zu haben, auf den wir uns verlassen können: das Wort vom Kreuz. Foto: sergio léon

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Die Richtung halten

Andacht

Walter Schroeder | 16. November 2018

Andacht über den Predigttext zum vorletzten Sonntag im Kirchenjahr: Offenbarung 2, 8-11

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Wo geht es jetzt lang? Nicht immer ist das so einfach zu entscheiden. Am Lebensweg gibt es viel zu viele Wegweiser und viel zu viele Stimmen, die uns in die vermeintlich richtige Richtung locken wollen. Wie grauenhaft falsch diese Stimmen sein können, haben wir in unserer Geschichte bitter zu spüren bekommen – und erleben es auch jetzt gerade wieder. Darum ist es gut, einen Kompass zu haben, auf den wir uns verlassen können: das Wort vom Kreuz. Foto: sergio léon
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Predigttext
8 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: 9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind‘s nicht, sondern sind die Versammlung des Satans. 10 Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. 11 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode
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Wenn man in der Mitte der Dreißiger des vergangenen Jahrhunderts geboren wurde, dann kann man sich an die Zeit des Zweiten Weltkrieges noch lebendig erinnern – an vieles mit einer Klarheit, als ob es erst gestern passiert wäre. Tagsüber kann man das verdrängen in der Helligkeit des alltäglichen Lebens. Aber nachts sind diese Erinnerungen oft wie ein Fluch.
Am Volkstrauertag laufen Rituale ab auf den Friedhöfen und an den Gedenkstätten. Es wird wieder deutlich, dass im Krieg nicht nur Häuser zu Ruinen wurden, sondern dass er verheerende Schäden im Inneren der Menschen angerichtet hat, die nicht so einfach wieder aufzubauen waren wie die Gebäude der Städte und Dörfer. Und es bleibt die Frage: Was war denn alles vorher passiert, dass es soweit kommen konnte?

Stichwort Treue - die einen Kompass braucht

Der heutige Bibeltext gibt ein Stichwort: Treue! Sei getreu bis in den Tod, dann wartet die Krone des Lebens. Wie oft ist dieses Wort damals benutzt worden! Als unser Vater im Rumänienfeldzug vermisst wurde, überbrachten die örtlichen Parteiführer diese schlimme Nachricht und kaschierten das Entsetzliche durch ein paar Orden. Die hielten sie der Ehefrau vor die Nase und sagten: Für die Treue, die Ihr Mann unserem Führer und unserem deutschen Volke erwiesen hat! Und dann gingen sie ganz schnell wieder, um nicht ansehen zu müssen, wie die Welt einer jungen Familie einstürzte. Die Krönung des Lebens war das bestimmt nicht.
Ja, die Kämpfer waren treu. Das stand sogar auf Koppelschlössern: „In Treue fest!“ Das Schlimme hatte so langsam, so schleichend begonnen und hatte sich zuerst so begeisternd angefühlt, dass die meisten erst – wenn überhaupt – viel zu spät wach wurden. Und begriffen: Lange bevor ein Krieg ausbricht, hat er in den Herzen und Gedanken der Menschen bereits begonnen. Lange vorher ist der Kompassnadel des Gewissens das Magnetfeld abhanden gekommen. Die Nadel zeigt dann nicht mehr auf den Richtpunkt, nach dem jeder seinen Kurs finden und halten kann. Der ist hier in der Bibel klar benannt: Das ist der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden, der gekreuzigte und auferstandene Friedensbote Gottes!
Treue ist Verlässlichkeit und braucht klare Augen und einen klaren Verstand und – wie es im Text heißt – Ohren zum Hören, um gegen die Blindheit und Dummheit gewappnet zu sein, die der Treue oftmals droht. Treue muss darum immer wieder justiert werden.

Kann es sein, dass diese Zeit wiederkehrt...?

Dazu bedarf es des Gedenkens, durchaus im Sinne von Erich Kästner: Wer das Schöne vergisst, wird böse, aber wer vergisst, was schlimm war, der wird dumm. Auch heute müssen wir an das Fazit erinnern, das betroffene Kirchenmänner 1945 im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ gezogen haben: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
Der Blick in die Vergangenheit hilft zu neuer Treue, zu neuem Vertrauen in die Zukunft Gottes und führt in den verlässlichen Frieden, schenkt die ehrliche Krönung des Lebens! Kann es denn sein, dass noch einmal eine Zeit kommt, in der sich Menschen vor dieser Verheißung mit billigen Orden oder Parolen abspeisen lassen?

- Walter Schroeder (82) ist Pfarrer im Ruhestand und Autor der Bibellese in UK.

Gebet: Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse, Vater, vergib. Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge, Vater, vergib. Den Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott! Vater, vergib. (Aus Coventry)

 

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