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Manchmal wird alles zu viel. Als würde ein Unglück nicht reichen, kommt immer noch mehr dazu. Auch wenn ich Gott nicht verstehe, warum das alles geschehen muss – ich kann nicht einfach aufhören, an ihn zu glauben. Also lade ich meine Klagen, Fragen und meine Wut bei ihm ab. Gott hält alles aus. Er bleibt bei mir. Ich flehe ihn an, die Krise durchzustehen und nicht daran zu zerbrechen. Ich hoffe auf seine Kraft. Für mich. Irgendwann. Foto: hikrcn

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Klage und Kraft

Andacht

Karin Ilgenfritz | 11. November 2018

Andacht über den Predigttext zum drittletzten Sonntag des Kirchenjahres: Hiob 14, 1-6

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Manchmal wird alles zu viel. Als würde ein Unglück nicht reichen, kommt immer noch mehr dazu. Auch wenn ich Gott nicht verstehe, warum das alles geschehen muss – ich kann nicht einfach aufhören, an ihn zu glauben. Also lade ich meine Klagen, Fragen und meine Wut bei ihm ab. Gott hält alles aus. Er bleibt bei mir. Ich flehe ihn an, die Krise durchzustehen und nicht daran zu zerbrechen. Ich hoffe auf seine Kraft. Für mich. Irgendwann. Foto: hikrcn
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Predigttext
1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Als ich Jugendliche war, kam ich mit der Geschichte von Hiob gar nicht klar. Ich fand sie geradezu zynisch.
Der fromme Mann hatte eine Familie, es ging ihm gut. Zehn Kinder, 11 000 Tiere, jede Menge Angestellte und Land. Gesund war er auch. Innerhalb kürzester Zeit ist alles dahin. Erst ist der Besitz weg, dann kommen alle Kinder um. Immerhin: Seine Frau bleibt ihm. Sonst nichts. Nicht einmal seine Gesundheit. Und warum? Es heißt, weil Gott dem Satan beweisen wollte, welch einen treuen Nachfolger er in Hiob hat. Der auch dann noch ihm die Treue hielt, wenn er ihm alles genommen hätte.
Na, toll.
Im Jugendkreis haben wir früher oft darüber diskutiert. Gestritten.
Als der Vater einer guten Freundin ganz plötzlich starb und kurz darauf ihr Bruder tödlich verunglückte, weil er anderen Menschen zur Hilfe eilte, verstand ich die Welt nicht mehr.

Von einem Moment zum nächsten alles anders

Schließlich fing ihre Mutter an zu trinken und meine Freundin wurde mit Verdacht auf Tuberkulose in die Klinik eingeliefert. Dort musste sie fast ein Jahr bleiben. Ich musste an Hiob denken.

Wie schnell kann von einem Moment auf den anderen alles anders sein. Wie schnell nimmt manchmal das Unglück seinen Lauf. Warum müssen manche Menschen so viel aushalten? Warum so viel Leid ertragen? Wozu gibt es das überhaupt? Hat Gott mal wieder einen Wettbewerb mit Satan laufen?
Darauf habe ich in meiner Jugend keine Antwort gefunden. Auch heute verstehe ich es nicht. Zu dem Bild des „lieben Gottes“ meiner Kindheit passt das alles nicht.
Was ich aber an Hiob beeindruckend finde: Er lässt Gott nicht los. Er beschwert sich und klagt Gott an. Er erlebt sein Elend als Bestrafung, als Gericht. Hiob macht Gott für sein Unglück verantwortlich und schreit heraus, was er Gott gegenüber empfindet. Er nimmt kein Blatt vor den Mund.
Hiob fragt Gott: Wäre es nicht schon genug, dass ein Menschenleben ohnehin flüchtig ist und nicht viel von ihm bleibt?
Hiob versteht Gott nicht. Er kann nicht begreifen, was das alles soll. Aber in all seinem Leid und Elend wendet er sich nicht von Gott ab. Er bittet ihn zwar, Gott möge ihn in Ruhe lassen: „Blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt“. Aber Hiob wirft seinen Glauben nicht hin. Auch dann nicht, als ihn seine Frau dazu auffordert. Er hält an Gott fest.
Vielleicht, weil das alles sonst noch schwerer zu ertragen wäre? So kann er mit Gott hadern, hat ein Gegenüber. Denn seine Freunde sind ihm keine Hilfe. Sie beschwichtigen, ermahnen und suchen nach Erklärungen.
Hiob hätte Gott vielleicht gerne den Laufpass gegeben, aber er konnte nicht. Irgendetwas in ihm hat ihn davon abgehalten. Vielleicht auch Gott selbst? Wer weiß.
Meine Freundin ist heute auch nach wie vor gläubig. Sie sagt, dass Gott sie durch all das Leid hindurch getragen hat.
Aber es gab eine Zeit, da hätte sie ihren Glauben am liebsten über den Haufen geschmissen. Aber sie konnte nicht, selbst als sie es wollte. Sie hat sogar gebetet, Gott soll sie doch einfach in Ruhe lassen. Aber Gott hat sie nicht losgelassen. Ihr Glaube wurde auf eine harte Probe gestellt. „Aber ich konnte auch nicht nicht an ihn glauben.“

Gestärkt aus der Krise herausgehen

Letztlich hat sie in dieser Zeit viel gelernt. Sie hat diese Lebenskrise gut überstanden und ist gestärkt daraus hervorgegangen. Dafür ist sie dankbar. Denn selbstverständlich ist das nicht.
Von Hiob wissen wir, dass er diese enorme Krise ebenfalls gut überstanden hat. Er wurde wieder gesund, bekam mit seiner Frau noch einmal zehn Kinder und auch materiell wurde er reicht beschenkt.
Dennoch übersteigt es meinen Horizont, dass Menschen so viel Leid ertragen müssen. Aber Gott ist eben Gott. Er hat andere Maßstäbe als wir. Aber er hält uns aus, auch unsere Wut und Anklagen. Und er lässt uns nicht im Stich.

 

 Karin Ilgenfritz (50) ist Prädikantin und Redakteurin bei UK.

Gebet: Gott, es gibt vieles, was wir nicht verstehen. Manchmal scheinst Du wunderbar und furchtbar zugleich zu sein. Aber du lässt dir alles aufbürden, keine Klage ist dir zu viel, und auch unsere Wut hältst du aus. Danke, dass wir dir alles sagen können und du mit uns durch schwere Zeiten gehst. Amen

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