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Kann ich dich mal sprechen?

Glaube

Aus der Printausgabe - UK 46 / 2018

Anke von Legat | 14. November 2018

Mit Gott reden – das gehört zur christlichen Tradition dazu. Aber wie soll das eigentlich funktionieren?

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Wir nehmen es als selbstverständlich, das Reden mit Gott von Du zu Du. Das „Vaterunser“ macht es vor, von Jesus mit den Worten eingeleitet „So sollt ihr beten“: Unser Vater – persönlicher, näher, vertrauter geht es kaum. Wie sollten wir da nicht mit unseren Bitten, Sorgen, Hoffnungen zu Gott kommen und mit ihm ganz menschlich über alles reden?

Die Anrede „Vater“ war zur Zeit Jesu wohl in jüdischen Gemeinden in Einzelfällen üblich. Aber erst Jesus hat sie zur allgemein anerkannten Anrede Gottes gemacht. Darin bringt er auf den Punkt, was auch in seinem Leben und Predigen deutlich wird: In Jesus zeigt Gott sein menschliches Angesicht. Er zeigt, dass wir mit ihm über unsere ganz und gar menschlichen Freuden und Sorgen reden können – wie ein Mensch zum anderen.
Trotzdem beschreibt der oft gehörte Satz „Mit Jesus (und durch ihn mit Gott) reden, ist wie reden mit einem guten Freund“ nur einen Teil der Wahrheit. Denn Gott ist nicht einfach nur Freund und Gegenüber im menschlichen Sinn. Er ist viel größer, viel unfassbarer als alles, was menschliche Worte beschreiben  können. Er kann nah sein, aber auch verborgen; er kann Kraft, Sicherheit und Hoffnung schenken, aber auch Angst machen oder uns hilflos fragend zurücklassen.

Sicher: Die Bilder vom Vater, vom guten Freund, vom nahen, persönlichen Gott sind gut und richtig. Sie beschreiben, wer Gott für uns ist, indem sie menschliche Erfahrungen auf ihn anwenden. Anders können wir Menschen nun einmal nicht von Gott – und mit Gott – reden. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass unsere Bilder nur einen Teil seiner Wirklichkeit erfassen. Denn wenn wir unsere Gottesbilder für ganze Wahrheit halten, wenn Gott also nur noch ein lieber Vater oder guter Freund ist, dann blenden wir einen großen Teil seiner Göttlichkeit aus. Dann machen wir uns unseren Gott selbst. Die Bibel nennt das Götzenbilder.

Wenn uns aber die Heiligkeit und Unfassbarkeit Gottes bewusst bleibt, dann ist das schlichte Du im persönlichen Gebet ganz und gar angemessen. Weil Gott in diesem intimen Du für uns zum lebendigen Gott wird: Er ist der, der uns hört. Er ist der, der uns wahrnimmt und wertschätzt. Er ist der, der mit uns lebt und leidet; der sogar mit in den Tod geht.

Und er ist der, der sich von uns berühren und bewegen lässt. Die Bibel erzählt davon, und viele Menschen können von dieser Glaubenserfahrung berichten: Gott reagiert auf unsere Gebete. Er erfüllt nicht jede Bitte, aber er wendet sich dem Beter zu, trägt und beschützt, hilft und tröstet. Ja, er lässt sogar mit sich handeln: Von Abraham wird erzählt, wie er mit Gott um die Stadt Sodom verhandelt und nicht nachgibt, bis Gott die Rettung der Stadt verspricht, wenn sich zehn Gerechte darin finden (1. Mose 18).
Dass Gott sich von unserem Beten beeinflussen lässt, ist sein Geschenk an uns. Sein Liebesgeschenk. Er muss sich nicht bewegen lassen von unseren Nöten und Bitten – und will es doch müssen. Unser Du im Gebet verändert Gott – und Gott verändert uns.

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