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Am Sonntag endet die Sommerzeit und die Uhren werden umgestellt - vielleicht zum letzten Mal. Foto: epd

«Wir haben es übertrieben mit den Uhren»

Zeitumstellung

25. Oktober 2018

Zeitforscher Karlheinz Geißler über Alltagshektik und Zeitgefühl

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Am Sonntag endet die Sommerzeit und die Uhren werden umgestellt - vielleicht zum letzten Mal. Foto: epd

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München (epd). Nie hatten Menschen so viel Zeit, nie fühlten sie sich so gehetzt. Woher kommt unsere Not mit der Zeit? Gabriele Ingenthron sprach mit dem Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler. Der 73-Jährige beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Zeit und lebt seitdem ohne Uhr.

 

Herr Geißler, was haben Sie gegen Uhren?

Karlheinz Geißler: Ich habe nichts gegen Uhren, ich muss nur keine tragen. Uhren kann man tragen und ertragen. Ich kann sie nicht ertragen.

Wie kommen Sie ohne Uhr im Alltag zurecht?

Geißler: Die Uhrzeit ist eine fremdbestimmte Zeit. Ich merke selbst, was ich brauche und nötig habe. Das kann ich besonders gut, seit ich pensioniert bin. Das ist natürlich im Arbeitsleben schwieriger.

Gab es einmal eine peinliche Situation, weil Sie zu spät gekommen sind?

Geißler: Zuspätkommen ist nicht peinlich. Außerdem komme ich nie zu spät, weil ich nie Zeitpunkt-Planungen, sondern nur Zeitraum-Planungen mache.

Die Uhr dient der Absprache zwischen Menschen. Wer sich nicht daran hält, ist ein Zeit-Dieb.

Geißler: In Situationen, in denen ich gemeinsam etwas machen muss, brauche ich die Uhr auch. Die Uhr ist keine blödsinnige Erfindung. Nur: Wir haben es übertrieben mit den Uhren. Auch wenn wir nichts koordinieren, schauen wir andauernd auf die Uhr. Das ist völlig überflüssig.

Viele Menschen haben den Eindruck, dass alles immer schneller geht. Woher kommt das?

Geißler: Die Zeit wird nicht beschleunigt, sondern die Menschen sind beschleunigt. Die Zeit lässt sich nicht beschleunigen, sondern wir tun das mit uns selbst und schieben es der Zeit in die Schuhe. In New York zum Beispiel werden die Leute immer schneller, weil da mehr Geld verdient wird. Das heißt, die Verrechnung von Zeit in Geld macht die Zeit schnell. Je schneller die Menschen sind, desto mehr Geld können sie verdienen. Wenn sie mehr Geld verdienen wollen, müssen sie schneller werden.

Demnach war die Erfindung der Uhr eine Sache des Kapitalismus?

Geißler: Ohne Uhr kein Kapitalismus. Bevor der Kapitalismus Fahrt aufgenommen hat, bis zum Ende des Mittelalters, war die Zeit das, was die Natur an Signalen angeboten hat, also das Werden und Vergehen in der Natur. Daran hat sich der Mensch orientiert, er war Teil der Natur. Erst als man die abstrakte Zeit erfunden hat, die Natur aus der Zeit gelöst hat, konnte man sie mit Neuem füllen - mit Geld. Seitdem kann man Zeit mit Geld verrechnen.

Gibt es einen Ausweg aus der Beschleunigung?

Geißler: Der Mensch ist mit einem eigenen Zeitsystem geboren, dem eigenen Rhythmus. Mit diesem Rhythmus zu leben ist ganz wichtig, damit er gesund bleibt und sich wohlfühlt. Das Geld kennt diesen Rhythmus nicht. Das Geld kennt nur den Takt, und das Geld gibt die Uhr vor. Deshalb ist meine Macke, keine Uhr zu tragen, gleichzeitig ein Hinweis darauf, dass ich meinen Rhythmus leben möchte und nicht den Takt, weil der Rhythmus meiner Natur entspricht.

Die stressigste Zeit im Jahr ist die Zeit vor dem Urlaub oder vor Weihnachten. Was sagen Sie zu diesem Phänomen?

Geißler: Der Mensch ist ein Übergangswesen, er muss allmählich in den Urlaubsstatus hineinrutschen. Wenn Sie gehetzt in Urlaub fahren, brauchen Sie drei Tage, bis Sie im Urlaubsmodus sind. Diese Übergänge werden wegrationalisiert in unserer Gesellschaft: Man klotzt bis zum letzten Moment ran und meint dann, den Urlaub vernünftig begehen zu können. Das geht eben nicht.

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