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Sitz gerade! Gib die rechte Hand! Rede nicht mit vollem Mund! Die Regeln der Höflichkeit sind in unserer Gesellschaft genau festgelegt. Zu ihnen gehört auch das ungeschriebene Gesetz, dass reiche Menschen bevorzugt werden und Arme hintangestellt. Jesus hatte diese Regeln auf den Kopf gestellt: Bei Gott gilt nicht Arm oder Reich, sondern Vertrauen und Nächstenliebe, so seine Botschaft. Mit diesem Kopfstand taten sich schon die Gemeinden der Frühzeit schwer, wie der Predigttext zeigt. Foto: Prostock-Studio

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Normal ist anders

Andacht

Von Traugott Jähnichen | 30. September 2018

Andacht über den Predigttext zum 18. Sonntag nach Trinitatis: Jakobus 2, 1-13

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Sitz gerade! Gib die rechte Hand! Rede nicht mit vollem Mund! Die Regeln der Höflichkeit sind in unserer Gesellschaft genau festgelegt. Zu ihnen gehört auch das ungeschriebene Gesetz, dass reiche Menschen bevorzugt werden und Arme hintangestellt. Jesus hatte diese Regeln auf den Kopf gestellt: Bei Gott gilt nicht Arm oder Reich, sondern Vertrauen und Nächstenliebe, so seine Botschaft. Mit diesem Kopfstand taten sich schon die Gemeinden der Frühzeit schwer, wie der Predigttext zeigt. Foto: Prostock-Studio
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Traugott Jähnichen (59) ist Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum

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Predigttext (in Auszügen)
1 Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. 2 Denn wenn in eure Versammlung ein Mann kommt mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es kommt aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, 3 und ihr seht auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprecht zu ihm: Setz du dich hierher auf den guten Platz!, und sprecht zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setz dich unten zu meinen Füßen!, 4 macht ihr dann nicht Unterschiede unter euch und urteilt mit bösen Gedanken? 5 Hört zu, meine Lieben! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben? 6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. (...) 8 Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift (3. Mose 19,18): „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, so tut ihr recht; 9 wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. (...) 12 Redet so und handelt so als Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. 13 Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit getan hat; Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.

Wer gehört zu den Ehrengästen? Eine heikle Frage, wenn es bei einer Familienfeier oder einem kirchlichen Empfang darum geht, die Gäste angemessen zu platzieren. Schon unter den Jüngern Jesu gab es darüber Streit: Jakobus und Johannes baten Jesus, er solle ihnen einen Ehrenplatz beim Anbruch seines Reiches einräumen (Markus 10,37). Die anderen Jünger waren über diese Bitte natürlich empört. Jesus entschärfte den Streit, indem er zum Dienen aufrief: Nur der darf sich als Erster fühlen, welcher der Knecht von allen anderen wird. (Markus 10,43f).

Jedoch hat man dies in der Kirche sehr bald vergessen. Schnell haben sich die allzu menschlichen Maßstäbe wieder eingeschlichen: Wer wichtig ist und groß daherkommt, dem hat man einen Ehrenplatz zugewiesen. Die einfachen Leute hingegen, vor allem die Armen, wurden im wahrsten Sinne des Wortes an den Rand gestellt. Jakobus tadelt diese Praxis scharf: Wer die Reichen, Mächtigen und Schönen mehr ehrt als die Armen, der hat das Gebot der Nächstenliebe gebrochen. Jakobus geht sogar darüber hinaus: Es geht nicht darum, alle in gleicher Weise zu ehren, sondern gerade die Armen sollen in der Gemeinde im Mittelpunkt stehen, weil sie von Gott besonders erwählt sind.

In der christlichen Gemeinde sind daher die alltäglichen Regeln auf den Kopf gestellt: Die Armen werden von Jesus seliggepriesen, sie sollen im Mittelpunkt seiner Gemeinde stehen. Arme erleben jedoch immer wieder Zurückweisungen und Ausgrenzung, ihnen wird oft durch nur kleine Gesten deutlich gemacht, dass sie nicht wirklich dazugehören. Doch die Armen sind das Zentrum, der Schatz der Kirche. Dies ist ein Wort des Diakons Laurentius im 3. Jahrhundert zum römischen Kaiser, als der die kirchlichen Reichtümer an sich reißen wollte. Die Armen sind der Schatz der Kirche, dies muss unsere kirchliche Wirklichkeit bestimmen.

Vermutlich fällt uns zuerst die Diakonie ein, wenn wir überlegen, ob und wie die Bedeutung der Armen unser Kirche-Sein bestimmt. Aber damit dürfen wir uns nicht beruhigen. Jakobus meint mehr, wenn er fragt, wie es in unseren Versammlungen aussieht? Kommen die Armen dort vor? Wir müssen uns fragen, warum sie diakonische Angebote in Anspruch nehmen, aber nicht so oft in den Gottesdienst kommen? Weshalb fühlen sie sich dort oft nicht akzeptiert, warum erwarten sie von unseren Gottesdiensten kaum Ermutigung und „Empowerment“?

Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Vielleicht müssen wir sie einfach aushalten. Sie machen deutlich, dass uns die für Gott wichtigsten Menschen in der Kirche häufig fehlen: Die Armen. Wenn sie fehlen, müssten dann nicht wenigstens die Ehrenplätze bei unseren Empfängen frei bleiben? Es wäre gut, wenn uns dadurch deutlich wird, dass wir als Kirche oft unvollständig sind. Ohne die Armen, ohne diesen Schatz der Kirche sind wir eine „defekte“ Kirche.

Dagegen hilft nach Jakobus nur eins: Barmherzigkeit! Das ist die Grundhaltung, die radikal vom anderen her denkt, die den anderen, vor allem die Armen, in den Mittelpunkt des eigenen Denkens und Handelns stellt. Unsere Gemeinden und Gottesdienste können Orte par excellence sein, an denen wechselseitig Barmherzigkeit erfahren und geübt werden kann. Dann würden wir nicht nur eine Kirche für die Armen, sondern eine Kirche mit den Armen sein. Amen.

Gebet: Du, unser Gott, erneuere uns durch deinen Geist, damit wir uns nicht dieser Welt gleichstellen. Hilf, dass wir uns an deinem Handeln orientieren, dass wir die Geringen und Armen achten, ihnen beistehen, sie würdigen und mit ihnen gemeinsam deine Kirche bilden. Amen.

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