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Wer die eigene Biographie schreibt, blickt zurück auf sein Leben und fragt sich: Was war schön, was traurig? Was hat mich geprägt und was blieb achtlos liegen? Hätte ich manches anders machen sollen – und was? Für Christinnen und Christen ist die Lebensgeschichte auch immer eine Gottesgeschichte. Eine, bei der ich sicher sein kann: Was auch geschieht – ich bin gut aufgehoben. Und das letzte Wort schreibe ich nicht selbst. Das liegt in Gottes Hand. Foto: tina7si

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Lebenslauf in die Ewigkeit

Andacht

Von Barbara Werschkull | 22. September 2018

Andacht über den Predigttext zum 17. Sonntag nach Trinitatis: Jesaja 49, 1-6

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Wer die eigene Biographie schreibt, blickt zurück auf sein Leben und fragt sich: Was war schön, was traurig? Was hat mich geprägt und was blieb achtlos liegen? Hätte ich manches anders machen sollen – und was? Für Christinnen und Christen ist die Lebensgeschichte auch immer eine Gottesgeschichte. Eine, bei der ich sicher sein kann: Was auch geschieht – ich bin gut aufgehoben. Und das letzte Wort schreibe ich nicht selbst. Das liegt in Gottes Hand. Foto: tina7si
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Barbara Werschkull (56) ist Pfarrerin in der Kirchengemeinde Gemen im westlichen Münsterland.

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Predigttext

1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. 2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. 3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. 4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott.

5 Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –, 6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

 

Wer einen Lebenslauf erstellen muss, schreibt die Lebensdaten oft in einer Tabelle auf: Geburtsdatum, Familienstand, Ausbildung, bisherige berufliche Tätigkeiten. Das ist übersichtlich und vergleichbar. Die Personalabteilung dankt.

Wer eine Biographie oder gar eine Autobiographie über das eigene Leben schreibt, wird anders vorgehen. Hier werden interessanten Lebensabschnitte ausführlicher behandelt als andere, wichtige Begegnungen und Erlebnisse eher als der Alltag erzählt. Manches wird ganz verschwiegen. Die Leserin dankt.

Aber in beiden Fällen erfahren wir eine ganze Menge über einen Menschen. Wir können uns ein Bild machen oder sehen das Bild, das jemand für uns zeichnet.

Gerne würde ich mir auch ein Bild vom Knecht Gottes machen. Gerne wüsste ich mehr zu seinen Lebensdaten, seiner Geschichte. Aber so einfach macht er es mir nicht. In allem, was er von sich preisgibt, spüre ich: Seine Lebensgeschichte ist seine Gottesgeschichte. Was er ist, was er tut, welchen Weg er geht, die Aufgaben, die er zu erfüllen hat, nichts ist eigene Entscheidung.

Die Worte des Paulus fallen mir ein: „Nun lebe nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20) Kann der Gottesknecht nicht genau so sprechen: „Nun lebe und rede nicht ich, sondern Gott lebt und redet in mir“?

So komme ich dem Bild dieses Menschen zumindest näher. Und eine ganz alte Erinnerung wird wach, dass doch im Grunde jede Lebensgeschichte eine Gottesgeschichte ist. Verhüllt und oft verborgen. Manchmal ist es nicht mehr als die Ahnung: Ich bin gut aufgehoben, und es wartet eine unbedingte Verlässlichkeit auf mich.

Zurück zum Gottesknecht. Er lebt in seinen besonderen Aufgaben. Sind es prophetische, politische, geistige Beauftragungen? Er hat unmittelbar mit dem Schicksal des Volkes Israel zu tun, aber seine Arbeit reicht weiter. Obwohl er Scheitern und Vergeblichkeit nicht verschweigt, ist es seine Bestimmung, das Heil Gottes bis zu den Enden der Erde zu bringen. Grenzen zählen nicht. Mühelos überwindet er, was uns auf dieser Erde trennt, wie sich die Vogelschwärme schon sammeln für ihren Flug nach Süden und sich um politische Grenzen nicht kümmern, von Mauern nicht aufhalten lassen.

So selbstverständlich kommt mir der Anspruch des Gottesknechtes vor, Licht für die Völker und Gottes Heil bis an die Enden der Erde zu sein. Er ist eine Person, die sich unbedingt auf den Anspruch Gottes für sein Leben einlässt. Er ist ein Mensch, an den sich aber auch Gott unbedingt bindet im Scheitern und Gelingen, für sein erwähltes Israel und für alle Völker. In diesem Menschen zeigt Gott sein Gesicht.

Ob zu Jesajas Zeiten die Menschen den Gottesknecht in einer bestimmten Person wiedererkannten oder bald erwarteten, ist nicht sicher.

Die Frage bleibt: Wer bist du, Knecht Gottes? Ich weiß nur von einem, der sich so absolut dem Anspruch Gottes ergeben hat. Ich weiß nur von einem, an dem Gottes Gesicht so sichtbar wurde. Die Lebensgeschichte des Gottesknechtes spiegelt mir die Gottesgeschichte Jesu von Nazareth wieder.

Biblische Texte aus dem Neuen Testament lagern sich um die alten Prophetenworte, Bilder von mühelosen Grenzüberschreitungen: Jesus und die Kinder, der römische Hauptmann, die Frau am Jakobsbrunnen.

Ein Lebenslauf hat eine letzte Eintragung, und eine Biographie ist auch einmal zu Ende verfasst. Eine Lebensgeschichte aber, die eine Gottesgeschichte ist, ist ins Weite erzählt, bis an die Enden der Erde und bis an das Ende der Zeiten.

Gebet: Gott, du zeigst uns dein Gesicht im Menschen Jesus Christus. Mühelos überwindet er, was uns untereinander und von dir trennt. In unserer Welt werden immer mehr Grenzen aufgerichtet. Komm und setze deine Gerechtigkeit und deinen Frieden durch überall auf der Erde. Amen.

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