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Dieser ganz besondere Moment mit diesem ganz besonderen Menschen – schien es nicht so, als wäre ein Engel ins Leben getreten? Manchmal erleben wir solche Begegnungen als heilige Augenblicke; so, als hätte Gott uns kurz angerührt, um es zum Guten zu wenden. Ähnlich geht es dem Apostel Petrus im Predigttext: Er meint zu träumen, als ein Engel ihn befreit. Ein Grund zum Staunen ist das: Wunder sind gar nicht so selten bei Gott. Man erkennt sie aber oft erst im Rückblick. Foto: NatasA

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Wunder(n) im Rückblick

Andacht

Von Holger Strutwolf | 15. September 2018

Andacht über den Predigttext zum 16. Sonntag nach Trinitatis: Apostelgeschichte 12, 1-11

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Dieser ganz besondere Moment mit diesem ganz besonderen Menschen – schien es nicht so, als wäre ein Engel ins Leben getreten? Manchmal erleben wir solche Begegnungen als heilige Augenblicke; so, als hätte Gott uns kurz angerührt, um es zum Guten zu wenden. Ähnlich geht es dem Apostel Petrus im Predigttext: Er meint zu träumen, als ein Engel ihn befreit. Ein Grund zum Staunen ist das: Wunder sind gar nicht so selten bei Gott. Man erkennt sie aber oft erst im Rückblick. Foto: NatasA
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Dr. Holger Strutwolf (58) ist Professor für Patristik und neutestamentliche Textforschung in Münster.

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Predigttext (in Auszügen)

1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. (...) 5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. 6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. 7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.

8 Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! 9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. 10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter, und alsbald verließ ihn der Engel. 11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

 

Ich glaub, ich träume!“, so sagen wir manchmal, wenn wir etwas, das uns geschieht, nicht wahrhaben wollen. Oder auch, wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein. Dann trauen wir unseren Augen und Ohren nicht und wollen uns selber in den Arm kneifen und erwarten, jeden Moment aufzuwachen.

So ergeht es auch dem Apostel Petrus. Er sitzt im Gefängnis, in aussichtsloser Lage, gut bewacht, ganz ohne Chance zu entkommen. In der Nacht, erscheint ein Engel, weckt den Gefangenen, lässt seine Ketten abfallen und führt ihn ins Freie.

Der glaubt natürlich nicht, was ihm da geschieht. Die am nächsten liegende Erklärung scheint ihm zu sein, was auch wir in solch einer Situation meinen würden: Nur ein Traum, mehr nicht!

Erst als er dann tatsächlich draußen in der Freiheit steht, ihm der kühle Morgenhauch der Realität in die Glieder fährt, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: „Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt hat!“ Er ist frei und die Freiheit ist ihm Beweis genug dafür, dass der Weg dorthin keine Illusion gewesen sein kann.

Und wir als Leserinnen und Leser dieser Geschichte reiben uns vielleicht auch gerade die Augen und können ebenfalls nicht glauben, was uns der Verfasser der Apostelgeschichte da auftischt. Und wir sind, wie wir gerade gesehen haben, mit unserem Zweifel nicht allein, sondern befinden uns damit ja mitten in der Geschichte: Auch der Apostel Petrus, der schon so viel Wunderbares gesehen und selbst mitbewirkt haben soll, rechnet ja zuerst nicht ernsthaft mit der Möglichkeit eines Wunders. Da ist er uns also ganz ähnlich. Aber vielleicht können wir auch ihm darin ähnlich werden, das geschehene Wunder am Ende doch noch zu akzeptieren?

Wie oft erleben wir Dinge, deren tieferer Sinn uns erst nachträglich aufgeht! Bei Situationen, die wir nicht begreifen, deren Sinn wir nicht verstehen, gegen die wir sogar aufbegehren und Gott ihretwegen nach dem „Warum?“ fragen, kann es passieren, dass wir im Nachhinein doch etwas Gutes und Hilfreiches darin erkennen und Gottes Hand im Spiel wissen. Es gibt auch in unserem Leben Wunder, die wir erst im Rückblick als solche erkennen. Da erscheint vielleicht kein Engel vom Himmel, der eiserne Fesseln von unseren Fußgelenken springen lässt, aber doch ein Mensch, der ein hilfreiches Wort, eine tröstende Geste für uns übrig hat, die uns die Situation in anderem Licht erscheinen lässt.

Aber nicht nur das: Mir haben Gemeindeglieder Erlebnisse geschildert, in denen es ihnen wie Petrus ergangen ist, dass sie wunderbare Bewahrung und Rettung erfahren haben, die sie im Rückblick nicht anders als ein Wunder Gottes verstehen konnten. Solche Erfahrungen gibt es zuhauf, aber die meisten Menschen, die sie gemacht haben, reden nicht groß darüber, nicht einmal ihrer Familie gegenüber. Man möchte ja nicht gerne belächelt und verspottet werden!

Angesichts der Lebenserfahrungen vieler Menschen ist jedenfalls meine Skepsis gegenüber Wundergeschichten im Laufe meines Lebens deutlich schwächer geworden. Und im Lichte solcher Erfahrungen mag es sein, dass uns das Wunder, das der Apostel erlebt haben soll, gar nicht mehr so unglaubwürdig vorkommt, sondern ein Beispiel dafür wird, was auch uns geschehen kann. Die wirklichen Wunder unseres Lebens erkennen wir aber meist erst im Nachhinein.

Gebet: Herr, unser Gott, wie weit reicht deine Hand, wie eng aber sind unsere Herzen und Sinne! Wir sehen deine Werke, doch zum Glauben führen sie uns nicht! Öffne du die Augen unserer Seele, lass uns deine Wunder schauen, damit sie uns zu deiner Wahrheit führen. Amen.

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