hg
Bild vergrößern
Es gibt viel mehr gute Nachrichten als wir denken. Wir müssen sie nur wahrnehmen. Dann könnten wir auch entspannter auf die Ereignisse der Welt blicken. Wie Goethe, für den die Ruhe der Seele „ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst“ war. Foto: TSEW

Was Mut macht

Medien

Aus der Printausgabe - UK 36 / 2018

Von Annemarie Heibrock | 31. August 2018

Krisen, Katastrophen, Skandale – darüber werden oft die positiven Nachrichten und die guten Geschichten vergessen. Dabei gibt es sie. Wir müssen nur genauer hinsehen

Bild vergrößern
Es gibt viel mehr gute Nachrichten als wir denken. Wir müssen sie nur wahrnehmen. Dann könnten wir auch entspannter auf die Ereignisse der Welt blicken. Wie Goethe, für den die Ruhe der Seele „ein herrliches Ding und die Freude an sich selbst“ war. Foto: TSEW

Anzeige

Es gibt Tage, die sind irgendwie besser als andere. Wie dieser in der vorletzten Augustwoche. Dabei begann alles ganz normal. Mit Tee und dem Blick in die Lokalzeitung. Und siehe da: Ausnahmsweise herrschte – anders als sonst im „Sommerloch“ – keine gähnende Langeweile. Und Schreckensmeldungen gab es zum Glück auch nicht. Stattdessen: gute Nachrichten. Mehr als üblich. Mehr als wir –  Leserinnen und Leser, Zeitungsmacherinnen und Zeitungsmacher – gewohnt sind.
Zuerst die Geschichte von den jungen Leuten, die aus dem Bürgerkrieg in Syrien nach Deutschland geflohen waren: Einer von drei Brüdern ist jetzt Sparkassen-Azubi, der zweite hat eine Qualifikation für ein Lehramtsstudium erworben, der dritte eine Lehre als Solartechniker angetreten. Und die Ehefrau des ältesten Bruders, eine studierte Juristin, die erst seit 16 Monaten in Deutschland lebt, hat ein Stipendium für einen Deutsch-Kurs erhalten, der sie für ein Lehramtsstudium fit machen soll.

Wie die vier das geschafft haben? Mit Ehrgeiz offenbar – und nicht zuletzt mit der Hilfe einer Rentnerin, die sie unter ihre Fittiche genommen und ihnen mit finanzieller und menschlicher Zuwendung den Weg in die deutsche Gesellschaft geebnet hat.  
Und noch etwas Positives gab es an diesem Tag zu lesen: Der Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld hat sich – wie einige andere Kollegen in Nordrhein-Westfalen auch – bereit erklärt, Flüchtlinge von dem italienischen Küstenwacheschiff „Diciotti“ aufzunehmen. Erstens weil er Europas Umgang mit den Flüchtlingen „empörend“ und „inhuman“ findet, und zweitens, weil er weiß, dass in seiner Stadt viele Menschen leben, die seine Meinung teilen und sich deshalb – professionell oder ehrenamtlich – in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Schließlich gute Nachricht Nummer drei: Bei einem Inte-grationsprojekt in Bielefeld konnten in den letzten Jahren 140 junge Menschen in eine feste Anstellung gebracht werden. Auch hier engagiert sich ein Privatmann,  ein ortsansässiger Unternehmer, und zwar mit einer nicht unerheblichen Summe.

Drei Beispiele für humanitären Einsatz – auf politischer und privater Ebene. Drei Beispiele an nur einem Tag. Wieviel mehr gäbe es, wenn wir nur genauer hinsähen und uns nicht allzu leicht von den Negativschlagzeilen beeinflussen ließen?
Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, sagt eine (Pseudo)-Weisheit des Journalismus. Klar: Skandale, Krisen und Katastrophen verkaufen sich am Kiosk besser als Friede, Freude, Eierkuchen. Und klar auch: Es kommen wieder schlechte Nachrichten. Quasi jeden Tag. Selbst UK, die Zeitung, die sich den guten Nachrichten verschrieben hat, kann an ihnen nicht vorbeigehen. Wir leben schließlich nicht im Paradies. Die jüngsten Ereignisse in Chemnitz zum Beispiel machen das auf erschreckende Weise klar.

Aber auch die guten Geschichten wollen und müssen erzählt werden. Wie an diesem Tag im August. Weil sie zeigen: Es geht viel mehr, als wir oft denken.

Per E-Mail empfehlen