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„Besorgte Bürger“ gegen „Mitfühlsame“: Der Streit ist mittlerweile so heftig, dass für Zwischentöne kaum noch Platz bleibt. Das schadet allen. Foto: TSEW

Wem gehört das Land?

Zusammenleben

Aus der Printausgabe - UK 32 / 2018

Von Bernd Becker | 3. August 2018

Ein Foto und seine Folgen: Der Fall eines Fußball-Nationalspielers zeigt, wie unversöhnlich sich Teile der Gesellschaft gegenüberstehen – und wie die Spaltung zunimmt

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„Besorgte Bürger“ gegen „Mitfühlsame“: Der Streit ist mittlerweile so heftig, dass für Zwischentöne kaum noch Platz bleibt. Das schadet allen. Foto: TSEW

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Die Ereignisse um den Deutschen Fußballbund und seinen Spieler Mesut Özil sind hinreichend diskutiert. Özils Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten. Die Entrüstung darüber. Die Anfeindungen. Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Und die Rassismusvorwürfe.

Was hängen bleibt, ist ein riesiges Unbehagen. Darüber, dass sich die Gesellschaft immer weiter spaltet und radikalisiert. Und dass der politische Diskurs immer unbarmherziger wird.

Die Ursachen liegen unter anderem im Erstarken des Rechtspopulismus im Land. Spätestens seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 trauen sich immer mehr Menschen, sich ausländerfeindlich, rassistisch und antisemitisch zu äußern. Manche Parteien bauen darauf ihre gesamte politische Strategie auf.

Und da entsteht das Problem: Menschen, die für ein weltoffenes und menschliches Deutschland stehen, halten dagegen. „Wehret den Anfängen“, ist immer wieder zu hören. Menschen haben von der Hetze die Nase voll. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Geschichte Deutschlands sind viele Bürgerinnen und Bürger alarmiert. Und so herrscht auch von dieser Seite ein scharfer Ton.
Oftmals zu Recht. Doch für Zwischentöne ist dabei kaum noch Platz.

Natürlich kann man einen Fußballer kritisch sehen, auch wenn er türkische Vorfahren hat. Genauso wie den Nachbarn mit deutschen Großeltern. Und mit der Religionszugehörigkeit verhält es sich ebenso. Es gibt nette und verkniffene Muslime, freundliche und unfreundliche Juden, friedliche und aggressive Christen. So etwas zu äußern wird aber immer schwieriger, wenn das Klima insgesamt vergiftet ist. Wenn alles schwarz-weiß ist, haben Grautöne keine Chance.

Das ist frustrierend und gefährlich. An Mesut Özil allein lässt sich wohl kaum ablesen, wie es um die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland steht. Gleichzeitig ist die massive Kritik an ihm Wasser auf die Mühlen derjenigen, die am liebsten nur noch sogenannte Bio-Deutsche im Lande sähen.
Angesichts seines Fotos mit dem türkischen Präsidenten kann man fragen, wie Mesut Özil zu den Menschenrechten steht. Aber doch nicht, wo sein Vater geboren wurde. Vermutlich gab es immer einen latenten Rassismus im Land. Verortet wurde er zuletzt wohl vor allem bei den Neo-Nazis. Langsam wird er nun aber wieder lauter und fast gesellschaftsfähig. Und das darf nicht sein.

Dennoch gibt es neben den „besorgten Bürgern“ mit rechtem Gedankengut manchmal wirklich besorgte Bürger. Die schlicht nicht gut finden, wie sich jemand verhält oder äußert – egal, welcher Nationalität oder Religion er angehört.

Für all das ist kaum noch Platz. Ein platter und gefährlicher Nationalismus macht das kaputt. Und die wahren Probleme bleiben auf der Strecke. So verlieren alle. Die Umwelt, die sozial Schwachen, die von Krieg und Hunger Bedrohten. Und gerade sie bräuchten alle Aufmerksamkeit.

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