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Projekt Bienenstrom: blühende Felder aus heimischen Wildpflanzen statt Mais-Monokultur. Foto: epd

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Ein Cent für die Bienen

Ökologie

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2018

Von Veronika Renkenberger | 13. Juli 2018

Ein neues Ökostrom-Projekt will Insekten mehr Lebensraum verschaffen: Mit der „Bienenstrom“-Förderung soll der Anbau von Fenchel und Malve, Steinklee und Lichtnelke gefördert werden

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Projekt Bienenstrom: blühende Felder aus heimischen Wildpflanzen statt Mais-Monokultur. Foto: epd

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Blühende Felder aus heimischen Wildpflanzen statt Mais-Monokultur: Damit es wieder mehr summt und brummt und Bienen sich wohl fühlen, haben das Biosphärengebiet Schwäbische Alb und die Stadtwerke Nürtingen in Baden-Württemberg das Projekt „Bienenstrom“ in Gang gebracht.

Die Idee: Landwirte bauen blühende Energiepflanzen statt Mais an. Im Herbst können sie diese – genau wie Mais und sogar mit denselben Maschinen – ernten und in der Biogasanlage verwerten, um Strom zu erzeugen. Aber die Blühpflanzen bringen weniger Ertrag als Mais. Dies wollen die Stadtwerke Nürtingen und das Biosphärengebiet nun ausgleichen. Der Preis ihres neuen „Bienenstroms“, der bundesweit angeboten wird, enthält einen „Blühhilfe-Beitrag“: Ein Cent pro Kilowattstunde ist für Bienen und Insekten gedacht. Dieses Geld fließt in einen Topf, aus dem die beteiligten Landwirte für die geringeren Erlöse entschädigt werden sollen.

Im Frühjahr wurde erstmals ausgesät. Rund 13 Hektar Anbaufläche sind es im ersten Jahr, verteilt auf zehn Standorte auf der Schwäbischen Alb, im und um das Biosphärengebiet. Sie könnten Strom für 300 Haushalte liefern. „Es gibt viel Interesse“, sagt Volkmar Klaußer, Geschäftsführer der Stadtwerke Nürtingen. „Die Bienenstrom-Webseite hatte rasch mehrere Tausend Aufrufe, und wir haben in den ersten Wochen Dutzende Verträge abgeschlossen.“

Jörg Kautt, Landwirt aus Immenhausen bei Tübingen, ist unter denen, die das Projekt mittragen. Als Einziger hat er schon Erfahrungen mit der Wildpflanzenmischung. Bei ihm blühen bereits seit vier Jahren Fenchel und Malve, Steinklee und Lichtnelken, Rainfarn und Königskerzen, Buchweizen und Beifuß, Wegwarte und Färberkamille – insgesamt 25 heimische Arten, ein- und mehrjährige. Mindestens fünf Jahre lang kann ein solches Blumenfeld stehen bleiben, braucht weder Kunstdünger noch Pestizide.

Es klingt aber hübscher als es ist. Weil die Saatmischung viel Masse in die Biogasanlage bringen soll, ragen Stauden zwei Meter und höher in die Luft. Nach der Blütezeit wird das ziemlich wüst, finden manche. „Mein Nachbar hat gelästert: Hast du dort Unkrautvermehrung betrieben?“, erzählt Kautt, der Vorsitzender des Kreisbauernverbands Tübingen ist. Er verfolgt begeistert, wie sich seine Blühfelder in Biotope verwandeln. Der Jäger habe ihm erzählt, dass Rehe ihre Kitze in der unberührten Fläche zwischen den Pflanzen verstecken.

Und die Imker? Die begrüßen das Projekt: Walter Haefeker ist Präsident des Europäischen Berufsimkerverbands und sucht seit 2012 in der Energiewirtschaft nach Partnern für ein bienen- und insektenfreundliches Stromprodukt. Auf der Schwäbischen Alb sieht er erstmals etwas, das den Namen Bienenstrom verdient. „Wir begleiten dieses Projekt aktiv“, sagt er. „Das würden wir nicht tun, wenn es um Greenwashing ginge“, also wenn sich jemand nur ein werbewirksames grünes Mäntelchen umhängen würde.

Er ist optimistisch, dass gerade Imker künftig diesen Strom nutzen. „Die meisten Honigschleudern haben ja Elektro-Antrieb. Das hat doch was: Honig aus eigener Imkerei – geschleudert mit Bienenstrom.“ Er selbst ist bereits Bienenstrom-Kunde.
Zum ersten Mal werde ein Projekt zur Artenvielfalt privatwirtschaftlich mitfinanziert, sagt Otto Körner vom Fachverband Biogas. „Gang und gäbe sind in der Landwirtschaft staatliche Unterstützungen, vom Land, Bund oder der Europäischen Union. Hier bewegen wir uns erstmals außerhalb der staatlichen Umweltprogramme.“
Hergestellt wird die Blühmischung für die Alb im fränkischen Eichenbühl nahe Aschaffenburg. Dort hat sich die Firma Saaten Zeller einen Namen gemacht mit Pionierarbeit rund um Blühpflanzen für Biogas, sie kooperiert dafür mit Universitäten. Die Wirtschaftlichkeit, sagt Stefan Zeller, werde stetig besser. „Aktuell sprechen wir von etwa 30 Prozent weniger Ertrag als beim Mais. Bei der Ernte 2017 haben erste Flächen ebenso viel gebracht wie Mais. Wir sind auf einem guten Weg.“

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Leser-Kommentare öffnen

Schallblech, 23. Juli 2018, 9:47 Uhr


Eine wunderschöne und sinnvolle Maßnahme! Um die Mindereinnahmen auszugleichen, sollte man auch Stroh und Öhmd (wertloses Heu aus dem zweiten Schnitt) verwenden, das oft genug in den unschönen Ballen auf den Feldern verrottet. Auch das bringt weniger Energie als als Mais, aber mit den Blumen zusammen könnte es das Defizit ausgleichen.
Wir waren gerade eine Woche in Süddeutschland unterwegs und haben uns an den vielen "Blühstreifen", 1 - 2 m Wildblumen längs den Feldern, gefreut. Das ist nicht nur Bienen- sondern auch Augenweide in den Kultursteppen und Maiswüsten.
Da ist noch etwas, was ich nicht verstehe: Vor einigen Jahren gab es einen regelrechten Boom der Phazelie, die auf Brachen gesät und zur Stickstoffanreicherung untergepflügt wurde. Auch das ist ein Bienen- und Wildinsektenparadies! Leider sieht man sie kaum noch.
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