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Ehrgeiz und Forscherdrang haben die Menschheit nach vorne gebracht. Aber inzwischen nährt sich der Verdacht: Müssen wir die möglichen Folgen des Forschungsdrangs nicht noch stärker bedenken als bisher? Grafik: Studiostoks

Was soll werden?

Wissenschaft

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2018

Von Annemarie Heibrock | 19. Juli 2018

Forscherdrang hat Folgen, die mitzubedenken sind. Die Kirchen tun das. Und der Deutsche Ethikrat. Gefordert ist aber auch jeder Einzelne

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Ehrgeiz und Forscherdrang haben die Menschheit nach vorne gebracht. Aber inzwischen nährt sich der Verdacht: Müssen wir die möglichen Folgen des Forschungsdrangs nicht noch stärker bedenken als bisher? Grafik: Studiostoks

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Das Problem ist so alt wie die Menschheit: Irgendeiner erfindet etwas – zum Beispiel den Speer zum Jagen. Flugs greift sich ein anderer ebendiesen Speer und geht damit auf die Mitglieder der Nachbarsippe los. Nicht etwa, weil die ihn angegriffen hätten, sondern schlichtweg, weil ihm deren Nasen nicht passen. Ob der Erfinder des Speers das wohl im Blick gehabt hat?

Vermutlich nicht. Wahrscheinlich suchte er lediglich ein Instrument, das ihm und den Seinen den Alltag erleichtern sollte. Gedanken darüber, wo und wie es später eingesetzt wird, ob es der Menschheit mehr nutzt oder vielleicht doch mehr schadet? Fehlanzeige.

Im Kern hat sich an diesem Verhalten von Ingenieuren und anderen Erfindern bis heute nicht allzuviel geändert. Einmal infiziert vom Forscherdrang gucken nur wenige über den Tellerrand. Auch in den verschiedenen Studiengängen gibt es kaum Verpflichtendes in dieser Hinsicht. „Technikfolgenabschätzung“, Überlegungen zum Verhältnis von Moral und Machbarkeit sind zumeist bestenfalls Hobby-Veranstaltungen.

Dabei wiegen die Probleme heute viel schwerer als in der Frühgeschichte der Menschheit. Die Sache mit dem Speer mutet lächerlich an angesichts der aktuellen Fortschritte, die etwa im Bereich der künstlichen Intelligenz und der Gentechnik erzielt werden. Die Vision vom „Designer-baby“ mit einer freien Wahl von inneren und äußeren Eigenschaften ist nicht gänzlich vom Tisch. Roboter, die staubsaugen, Rasen mähen, Maschinen zusammenbauen oder Geige spielen, haben wir schon. Noch ist der Mensch ihr Boss. Was aber passiert, wenn selbstlernende Roboter eines Tages den Menschen beherrschen, nicht er sie? Oder wenn die Computer die Kontrolle über unser Leben übernehmen – zuhause, am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit? Horrorszenarien dieser Art halten Literatur und Filme in großer Zahl bereit.

Weil vieles davon eben nicht mehr zum Reich der Phantasie gehört, sondern technisch machbar ist oder werden wird, brauchen wir umso mehr Korrektive zur technisch-naturwissenschaftlichen Forschung. Heute mehr denn je. Hierzulande leistet das neben den beiden großen Kirchen der „Deutsche Ethikrat“, ein Sachverständigengremium, das Forschungen im Blick auf ihre Folgen für die Gesellschaft und den einzelnen Menschen kritisch begleitet.

Ja, es stimmt: Ehrgeiz und Forscherdrang haben die Menschheit nach vorne gebracht und tun dies auch weiterhin. Wieviel schwerer wäre unser Leben ohne die Leistungen zahlloser Ingenieure, Mediziner, Physiker?

Aber klar muss auch sein, welche Verantwortung mit dem wissenschaftlichen Fortschritt verbunden ist – für die, die daran mitwirken, ebenso wie für die, die ihn nutzen oder zu nutzen gedenken. Ihnen und uns allen sollten wir darum den Satz des Dichters Friedrich Schiller, mit dem der Ethikrat jetzt sein zehnjähriges Bestehen feierte, ins Stammbuch schreiben: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie!“

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