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Um die Welt steht es momentan wirklich nicht zum Besten. Und wir haben nichts Wichtigeres zu tun, als uns in einem Streit über Flüchtlinge aufzureiben? Foto: TSEW

Gott sei Dank für die Vernünftigen

Politik

Aus der Printausgabe - UK 27 / 2018

Von Anke von Legat | 3. Juli 2018

Faire Diskussionen, Suche nach gemeinsamen Lösungen, politische Kompromisse? Das war einmal, so will es scheinen. Zum Glück gibt es noch die, die Vernunft und Mitmenschlichkeit hochhalten

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Um die Welt steht es momentan wirklich nicht zum Besten. Und wir haben nichts Wichtigeres zu tun, als uns in einem Streit über Flüchtlinge aufzureiben? Foto: TSEW

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Ein ganzes Land starrt seit Wochen auf ein Wort: „Flüchtlinge“! Es wirkt so, als wären die Menschen, die in Deutschland Asyl suchen wollen, der Untergang des Abendlandes. Jede Nachricht wird daraufhin abgeklopft, ob sie Hinweise auf eine „Überfremdung“ Deutschlands enthält – und wenn das nicht der Fall ist, heißt es gleich: „Die verschweigen uns doch was.“ Fakten und Zahlen dagegen, die zeigen, dass es uns gut geht wie nie zuvor, werden schneller niedergebrüllt, als man „Fake-News“ sagen kann.

Gesunder Menschenverstand und rationale Argumente scheinen nichts mehr auszurichten in unserer Gesellschaft. Es geht nicht mehr darum, gemeinsame Lösungen zu finden oder gar Kompromisse einzugehen. Es geht um „wir“ und „die“. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, bringt eine bestimmte Gruppe von Politikern mit ihrer Machtgier und dem Blick auf Wählerstimmen am rechten Rand die Demokratie in Deutschland in eine gefährliche Schieflage.

Wo, um Himmels Willen, sind Nüchternheit und Vernunft geblieben – von Mitmenschlichkeit ganz zu schweigen? „Wir schaffen das“, hieß es einmal. Inzwischen scheint manch ein Politiker dem optimistischen Satz absichtlich ein „Nicht!“ anfügen zu wollen – und gießt damit Öl auf das Feuer der Populisten.
Dabei ist unser Land voller Probleme, eines drängender als das andere: Wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch unseres Pflegesystems. Unsere Straßen schaffen es nicht mehr, die ständig wachsende Flut an Autos zu fassen. Unsere Schulen haben zu wenig Lehrerinnen und Lehrer, zu wenig Computer, ja, sogar zu wenige Toiletten. Wir zerstören unsere Umwelt und unser Klima. In den USA regiert ein Präsident, der es offenbar darauf anlegt, das Friedensprojekt Europa zu zerschlagen. Und die Politik hierzulande hat nichts Besseres zu tun, als über ein paar 1000 Menschen zu streiten, die ein besseres Leben suchen?

Reißt euch zusammen!, möchte man rufen. Aber die vielen Appelle der Vernünftigen – unter ihnen auch die Kirchen – scheinen ungehört zu verhallen. „Gutmenschentum“, heißt es allenfalls spöttisch, und dass Kirche sich doch bitte nicht in Politik einmischen möge.

Dabei hat Kirche viel mehr anzubieten als nur Sonntagsreden. Ihr Auftrag ist nicht nur das Reden, sondern auch das Handeln; nicht nur die prophetische Kritik, sondern auch das konstruktive Umsetzen. Darum hilft sie nach Kräften mit, die Probleme unserer Gesellschaft in den Griff zu bekommen – unter anderem mit Tausenden von kirchlichen Ehrenamtlichen, die mitarbeiten an der Integration von Flüchtlingen.
Solche Menschen sind es, die zur Zeit Vernunft und Mitmenschlichkeit hochhalten und sich nicht beirren lassen vom Geschrei der Angstmacher und Machtgierigen. Hoffen wir, dass sie, dass wir stark genug sind, um die Zeit der populistischen Parolen zu überdauern.

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