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Spendenurkunde in einer Spendenbox für die Sanierung des alten Turms der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 01.04.2014. Foto: epd

Vom Säen und Ernten

Fundraising

Von Katrin Nordwald | 22. Juni 2018

Haupteinnahmequelle der Kirchen bleibt auf absehbare Zeit die Kirchensteuer. Doch sie wird wegen sinkender Mitgliederzahlen zurückgehen. Spenden werden daher zunehmend wichtig. Mit Fundraising können Kirchengemeinden so manche Innovation stemmen.

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Spendenurkunde in einer Spendenbox für die Sanierung des alten Turms der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 01.04.2014. Foto: epd

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Solingen/Bielefeld (epd). Krimidinner, Luthermahl und der Verkauf von Papier-Engeln aus den Seiten alter Gesangbücher: Um Geld für eine Erweiterung der örtlichen Kirche zu sammeln, hat sich das Spendenteam der evangelischen Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath in Solingen einiges einfallen lassen, das über Briefaktionen und ein Spendenportal hinausgeht. Allein in den ersten sechs Monaten kamen so über 500.000 Euro für das Millionen-Bauvorhaben zusammen, das mehr Raum für das gewachsene Gemeindeleben schaffen soll. Das Projekt «rupelrath 3.0», das aus zweckgebundenen Rücklagen und Spenden finanziert wird, konnte beginnen.

Ein Jahr später ist der erste Bauabschnitt abgeschlossen: Am Sonntag (24. Juni) eröffnet die Gemeinde mit einem Gottesdienst einen lichtdurchfluteten Neubau, der als «Raum der Begegnung» die Kirche mit dem benachbarten Gemeindehaus verbindet. Bis Ende des Jahres werden nun Kirche und Gemeindehaus saniert und modernisiert.

«Das ist eine sehr lebendige Gemeinde», lobt Sieglinde Ruf, Referentin für Fundraising der Evangelischen Kirche im Rheinland, die der Gemeinde beratend zur Seite stand. Es gelinge, Generationen zu verbinden und Außenstehende einzuladen. Ruf entwickelte mit dem Spendenteam ein mehrstufiges Modell: Bedarfs- und Potenzialanalysen wurden erstellt, Spendenrundschreiben und Dankesbriefe aufgesetzt, neue Ideen gesammelt und umgesetzt.

Fundraising, das professionelle Sammeln von Geldspenden, hat in den vergangenen Jahren in der evangelischen Kirche an Bedeutung gewonnen. Hauptgrund ist der Rückgang der Kirchensteuereinnahmen durch sinkende Mitgliederzahlen. Mittlerweile sind in den 20 deutschen Landeskirchen flächendeckend Profis am Werk. Eine Ausbildung bietet die bundesweit erste Fundraising-Akademie in Frankfurt am Main an.

Spenden machten bislang lediglich rund sechs Prozent der kirchlichen Einnahmen aus, würden aber immer wichtiger, sagt Akademie-Geschäftsführer Thomas Kreuzer. «Großspenden, Vermächtnisse und Erbschaften sind dazu gekommen.» Kirchen aus Süddeutschland hätten etwa die Nachlass-Initiative «Was bleibt» mit Internetauftritt und Wanderausstellung auf den Weg gebracht, die den ersten Preis des Deutschen Fundraising Verbandes erhielt. Die hannoversche Landeskirche habe als erste Ehrenamtliche ins Fundraising eingebunden.

Nachholbedarf hat hier die katholische Kirche: Derzeit gibt es nur in neun der 26 Diözesen einen Fundraiser. Häufig werde die Stelle beim Ausscheiden des Amtsinhabers nicht automatisch wiederbesetzt, erklärt Udo Schnieders, vor 16 Jahren erster Fundraiser in der katholischen Kirche und mittlerweile Berater in der freien Wirtschaft. Ein Hemmschuh sei zudem die gute Wirtschaftsentwicklung: «Da ist die Lernbereitschaft leider gering, antizyklisch Vorsorge zu betreiben.»

Auch Ruf mahnt, das konjunkturbedingt höhere Kirchensteueraufkommen zu nutzen: «Wir haben jetzt die Chance, die Strukturen zu schaffen, um das Fundraising als selbstverständlichen Bestandteil des kirchlichen Lebens zu etablieren», sagt die Expertin.

Die rheinische Kirche bietet zusammen mit den Nachbarkirchen in Westfalen und Lippe jährlich einen Basiskurs mit Modulen für Pfarrer, Kirchenmitarbeiter und Ehrenamtliche an. «Die Gemeinden sollen lernen, die Instrumente zu nutzen, Kontakte zu pflegen und neue Geldquellen wie Stiftungen zu suchen», erläutert Ruf und betont: «Das ist kein Bittsteller-Dasein, sondern man lädt zum Engagement, zur Freude am Geben ein.»

Das Fundraising könne Ausfälle bei der Kirchensteuer zwar nicht auffangen, sagt Rufs Kollege Hansjörg Federmann von der westfälischen Kirche. Aber wenn eine kleine Gemeinde dadurch verlässlich mit zusätzlichen 20.000 bis 30.000 Euro rechnen könne, mache das eine Menge aus.

Ehrgeizige Projekte wie «rupelrath 3.0» könnten nicht allein aus den vorhandenen Töpfen finanzieren werden, sagt auch Ralf Puslat. Der Spendenteam-Leiter der Solinger Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath engagiert sich seit Jahren in einem Förderverein, über den beispielsweise eine Teilzeitstelle für eine Pastorin bezahlt wird. «Diese Erfahrung kam uns beim Bauprojekt zugute», erklärt der Ruheständler.

Die hohe Spendenbereitschaft über die Beiträge für den Förderverein hinaus überraschte ihn aber doch. Einen Großteil der Unterstützung machten viele kleine Daueraufträge aus, erläutert Puslat. Spenden für das Bau- und Sanierungsprojekt kamen auch von Leuten, die bislang nicht im Gemeindeleben präsent sind: «Diese Menschen hatten wir gar nicht auf dem Schirm, da schlummert ein gewaltiges Potenzial.» Mit ihnen will die Gemeinde im Gespräch bleiben.

Im Unterschied zu kurzfristigen Spendenaufrufen würden beim Fundraising Beziehungen aufgebaut, erklärt der westfälische Pfarrer Federmann. «Es geht nicht ums Jagen und Sammeln, sondern ums Säen und Ernten.» Menschen würden zusammengeführt, ein Projekt entstehe und wachse. «Das stärkt die Identifikation und zieht weitere Kreise.»

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