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Ein Lied – manchmal kann es ein Leben lang in Herz und Ohr festsitzen. Über ein Phänomen: Foto: TSEW

Liedgeweckte Emotionen

Lebensbegleiter 

Aus der Printausgabe - UK 25 / 2018

Von Uwe Herrmann | 18. Juni 2018

Im Nachklang wecken Lieder viele Erinnerungen. Manche Tonfolgen spiegeln dabei ein Grundlebensgefühl über Generationen und Kirchenlieder ein allumspannendes Grundglaubensgefühl

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Ein Lied – manchmal kann es ein Leben lang in Herz und Ohr festsitzen. Über ein Phänomen: Foto: TSEW

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„Wenn die bunten Fahnen wehen...“ – Volks-, Wander- und Fahrtenlieder waren in CVJM-Jung­scharen früher bei Jugendfreizeiten und Wanderungen eine feste Größe. Nicht fehlen durften auch „Kumbaya, my Lord“ oder „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ von Paul Gerhardt.

Es sind Melodien, die im Nachklang viele Erinnerungen wecken an die Jugendzeit. An Stockbrot am Lagerfeuer, Singen zur Gitarre, Hissen der CVJM-Fahne am Morgen im Ferienlager auf Borkum, roten Tee und gelben Saft. Unvergessen auch die Kluft: grünes Hemd, blaues Halstuch, festgehalten vom Halstuchring mit Ankerkreuz, kurze Hose.

Ein Abschnitt in der Biographie, grundtongeprägt wesentlich durch Liedgut aus der „Mundorgel“ der mittsechziger Jahre mit dem lila Papp­einband, wird in der Vorstellungswelt wieder lebendig. Bildertanz der Gefühle in altbekannten Rhythmen, wie ihn Menschen immer wieder erleben, wenn die Situation da ist.
Manche Tonfolge macht dabei gut gelaunt und fröhlich, tritt eher positiv-verklärt wieder ins Bewusstsein: der Sonnenuntergang am Meer, der Gipfelblick in die Ferne, die erlebte Gemeinschaft. Manche lassen nachdenklich, melancholisch, traurig werden. Wenn etwa bei „Morning has broken“ (Der Morgen ist angebrochen) von Cat Stevens tief im Unterbewusstein vergrabene Gefühle von Sehnsucht, Trennung, Schmerz, Abschied auf den Notenlinien mit nach oben gleiten.

So hat jede Lebensphase eines Menschen und ihre Momente, jede emotionale Regung auch ihre Lieder. Manche darunter wurden zur Begleitmusik eines ganzen Lebens, zum Soundtrack gar einer ganzen Generation. Das gilt für viele Hits der „Beatles“ – genannt sei hier nur „All you need is love“ (Alles was du brauchst, ist Liebe) – oder etwa der „Rolling Stones“.
Und mehr noch zeitüberdauernd und generationenübergreifend gilt das für John Lennons „All we are saying, let‘s give peace a chance“ (Alles, was wir sagen, ist, dem Frieden eine Chance zu geben). Eine Botschaft, in die viele Menschen, gleich ob Jung oder Alt, bis heute mit einstimmen können.

Für so manches Taizé-Lied gilt das ebenso. Das mehrstimmige „Laudate omnes gentes, laudate dominum“ (Lobsingt, ihr Völker alle, lobsingt und preist den Herrn) ist so ein, man möchte sagen Ohrwurm, der die Christenheit zeitlos und über alle Grenzen und Konfessionen hinweg verbindet. Auch im Evangelischen Gesangbuch (EG) ist das Lied aufgeführt, das nicht nur auf Kirchentagen immer wieder zu hören ist.

Bisweilen drücken Lieder ein Grundlebensgefühl generationenübergreifend aus. Ein Phänomen, das nicht nur bei Konzerten in die Jahre gekommener Rock- und Popgrößen zu beobachten ist, in die Alt-Fans zusammen mit ihrem Nachwuchs strömen. Auch Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten...“, Paul Gerhardts „Geh aus, mein Herz...“ haben solches Lebensliedpotenzial. Mehr noch drücken sie ein allumspannendes Grundglaubensgefühl aus, das die Christenheit seit Anbeginn und weltweit eint.

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