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Das Stadion in Nischni Nowgorod wurde eigens für die WM gebaut. Sechs Spiele werden in dieser Fußballarena stattfinden, die knapp 45 000 Zuschauern Platz bietet. Foto: Bestalex/wikipedia

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Schlechte Torschützen, gute Gastgeber

Fußball-Weltmeisterschaft

Aus der Printausgabe - UK 24 / 2018

Von Karsten Packeiser | 8. Juni 2018

Vom 14. Juni bis zum Endspiel am 15. Juli kämpfen Fußballer aus 32 Ländern um den Titel des Weltmeisters. Zu Gast sind sie in Russland, dem größten Land der Erde. Zum Gelingen des großen Festes wollen auch die Lutheraner ihren Teil beitragen

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Das Stadion in Nischni Nowgorod wurde eigens für die WM gebaut. Sechs Spiele werden in dieser Fußballarena stattfinden, die knapp 45 000 Zuschauern Platz bietet. Foto: Bestalex/wikipedia

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Wenn die Sbornaja, Russlands Nationalmannschaft, am 14. Juni im ausverkauften Moskauer Olympia-Stadion einläuft und auf das Team aus Saudi-Arabien trifft, beginnt eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Fußball-Weltmeisterschaft: Noch nie fand der Wettkampf der weltbesten Fußballnationen gleichzeitig auf zwei Kontinenten statt. Die Austragungsorte zwischen Kaliningrad an der Ostsee und Jekaterinburg im Ural liegen in vier verschiedenen Zeitzonen. Noch nie war eine WM so teuer. Und zumindest in Westeuropa sorgte vermutlich noch nie eine Fußball-WM vorab für so viele Kontroversen.

„Dank des neuen Nationaltrainers Wladimir Putin und seiner beiden Assistenten Erdöl und Erdgas kann die russische Nationalmannschaft endlich mal wieder an der Endrunde einer Weltmeisterschaft teilnehmen“, lautet ein im Netz verbreiteter Witz. Das größte Land der Welt glänzte tatsächlich noch nie als Fußball-Großmacht – obwohl auch hier die ersten Vereine schon zur Zarenzeit dem runden Leder hinterherjagten.

Russland glänzte nie als Fußball-Großmacht

„Im Unterschied zum Eishockey ist die Fußball-Sbornaja schlecht und hat nur Außenseiterchancen, überhaupt die Gruppenphase zu überstehen“, sagt der Schweizer Unternehmer Walter Denz, der seit vielen Jahren in Sankt Petersburg lebt und dort eine Sprachschule betreibt. „Das wissen eigentlich alle. Die Erwartungshaltung ist realistisch.“ Der guten Stimmung vor Ort werde das aber nicht schaden: Eine riesige Zahl englischsprechender „volunteers“ und die traditionelle russische Gastfreundschaft würden schon dafür sorgen, dass die WM zu einem unvergesslichen Erlebnis werde.

Einer aktuellen Umfrage zufolge begrüßen knapp 74 Prozent der Russen, dass ihr Land die WM ausrichtet. Lediglich zehn Prozent sind erklärte WM-Gegner.
Auch die Kirchen in Russland machen den Fußball-Rummel zu ihrem Anliegen: Das Moskauer Patriarchat hatte im Vorfeld der WM angekündigt, kirchliche Gruppen würden Freiwillige entsenden, um ausländischen Gästen in den WM-Städten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Und selbst die kleine evangelisch-lutherische Kirche scheint ein wenig im WM-Fieber zu sein. „Wir werden kirchliche Angebote für Gäste und die Fußballspieler machen: Orgelkonzerte, Andachten und Seelsorgegespräche“, kündigt die Moskauer Pröpstin Jelena Bondarenko an. Ganz Russland freue sich auf die Spiele. Während die WM in der deutschen Öffentlichkeit oft als Spektakel einer autokratischen Staatsführung und eines selbstherrlichen Fußball-Weltverbandes abgetan wird, sehen viele Russen sie als ihr eigenes Fest. „Man nimmt Politik und Sport, Politik und Fußball zurzeit als verschiedene Sphären wahr“, sagt die Pröpstin. Der Stolz, die Welt zu Gast zu haben, überwiegt selbst bei denen, die keine eingefleischten Fußball-Liebhaber sind oder die ihrer Regierung gewöhnlich distanziert gegenüberstehen.

Diese Grundstimmung wird auch dadurch nicht geschmälert, dass der Lebensstandard der gewöhnlichen Menschen im Land in den zurückliegenden Jahren wegen des Ölpreisverfalls und der Sanktionen spürbar gesunken ist. Für viele andere Projekte fehlten plötzlich die Mittel – was unfreiwillig niemand besser auf den Punkt brachte als Putins Premierminister Dmitri Medwedew. Der hatte wütenden Senioren auf der Krim die geforderte Rentenerhöhung mit dem lakonischen Spruch ausgeschlagen: „Wir haben kein Geld, aber halten Sie durch.“

Infrastruktur mancherorts auf Vordermann gebracht

Wie schon bei den Olympischen Spielen in Sotschi hängt die hohe Akzeptanz der WM zum Teil auch damit zusammen, dass die Austragungsorte von einem riesigen Investitionsprogramm profitierten. Staatsaufträge, die die oftmals noch marode Infrastruktur auf Vordermann bringen sollten, spülten trotz mancher Ungereimtheiten bei der Auftragsvergabe Milliarden in die Regionen. Rostow am Don etwa bekam einen modernen neuen Flughafen und Umgehungsstraßen, in der Innenstadt wurden ganze Straßenzüge saniert, die alte Brücke über den Don durch eine neue ersetzt.
Unmut gegen die WM-Planungen gab es lediglich punktuell. Am lautesten protestierten noch die Studenten. Sie begehrten vielerorts dagegen auf, dass Uni-Leitungen für die Dauer der Semesterferien kurzerhand die Wohnheime räumen ließen, damit die für die Spiele benötigten Sicherheitskräfte ein Dach über dem Kopf bekommen.

Dabei sind die großen Bauvorhaben und Stadtverschönerungs-Projekte weder überall gelungen, noch lief die Vorbereitung ohne Korruptionsskandale ab: Den für Baufragen zuständigen Vizegouverneur von St. Petersburg kostete die Affäre um das neue Petersburger Stadion sein Amt und inzwischen auch die Freiheit.
Kurz vor dem Start der WM präsentierte der populäre Blogger Ilja Warlamow seiner riesigen Internet-Fangemeinde schon unzählige groteske Fotos von vertrocknetem Rollrasen und von baufälligen alten Holzhäusern, die im Express-Verfahren mitsamt der Fensterscheiben gestrichen worden waren.

Dennoch bescheinigt selbst ein kritischer Geist wie Warlamow den Verantwortlichen in manchen Dingen eine glückliche Hand. In Nischni Nowgorod an der Wolga etwa, Russlands fünftgrößter Stadt, seien historische Häuserfassaden im Stadtzentrum auf Anordnung von oben von allen fürchterlichen Reklametafeln befreit worden. Außerdem gebe es aus Anlass der WM jetzt ein regionales Carsharing-System: „Wenn das so weitergeht, muss man sich vor Gästen nicht für diese Stadt schämen.“

Obwohl nicht nur die Staatsführung, sondern auch gewöhnliche Russen in den zurückliegenden Jahren spürbar auf Distanz zum Westen, seinen vermeintlich verlotterten Sitten und entscheidungsschwachen Politikern gegangen sind, ist es auch der Bevölkerung eben immer noch wichtig, wie im Ausland über ihr Land gedacht wird. Ob es den Gastgebern aber wie gewünscht gelingt, Russland als modernen Staat darzustellen, der die graue Tristesse der Sowjetzeit und das Elend der Umbruchjahre abgeworfen hat, bleibt abzuwarten.

Denn die Welt ist mittlerweile eine ganz andere als die, in der die Russen Ende 2010 überraschend den Zuschlag für die WM erhalten hatten: Seit der Ukraine-Krise sind die russischen Beziehungen zum Westen auf einen Tiefpunkt gesunken. Gegenseitige Vorwürfe, Sanktionen und Gegensanktionen haben in Europa alte Konflikte wieder aufbrechen lassen, in deren Strudel auch die WM geriet. In den sozialen Netzwerken rechnen noch immer viele Russen damit, dass es zu irgendeiner Form von Boykott der WM kommen wird.

„Russland soll ein Teil Europas bleiben“

Staatsnahe Medien befeuern diese Ängste. Allein bei der CIA arbeiteten 700 Mitarbeiter einzig daran, die Russland-WM zu diskreditieren, lautete einer der Vorwürfe, für den es aber keine Belege gab. Ganz offen versucht das amerikanische State Department, den eigenen Bürgern einen Besuch im WM-Gastgeberland zu verleiden: So wurde Russland auf einer Liste riskanter Reiseziele jüngst allen Ernstes in dieselbe Kategorie („Überdenken Sie Ihre Reise“) eingeordnet wie die Demokratische Republik Kongo oder Pakistan.

Immerhin hat die politische Eiszeit nicht zu einer Feindseligkeit gegenüber westlichen Besuchern geführt. „Der Sport könnte ein guter Anlass vor allem für Dialog sein, denn Konfrontation ist eine Sackgasse, hinter der die Abgründe des Kalten Krieges liegen“, findet der liberale Ökonom Woltschik aus Rostow. „Für Russland ist es sehr wichtig, ein Teil von Europa zu bleiben, und ich hoffe, dass man das in Europa auch so sieht.“

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