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Ein Smartphone mit „Marbles of Remembrance“ zeigt die früheren jüdischen Bewohner der Linienstraße 56, für die Stolpersteine in den Weg eigelassen sind. Foto: epd

Smartphone-Chat mit Zeitzeugen

Geschichte

Von Nadine Emmerich | 4. Juni 2018

Stadtführung per Handy: „Marbels of Remembrance“ führt Nutzer interaktiv zu Spuren jüdischen Lebens in Berlin. Ein jüdisches Mädchen navigiert, erzählt von Freunden und Deportationen

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Ein Smartphone mit „Marbles of Remembrance“ zeigt die früheren jüdischen Bewohner der Linienstraße 56, für die Stolpersteine in den Weg eigelassen sind. Foto: epd

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Mit dem Smartphone kann man sich in Berlin auf die Spuren jüdischer Kinder begeben. Wie das geht? Ein so genannter Chatbot geht den Spuren des früheren jüdischen Lebens im Scheunenviertel und am Kurfürstendamm in Berlin nach. Ein Chatbot (kurz: Bot) ist ein technisches Dialogsystem, mit dem per Texteingabe oder Sprache kommuniziert werden kann. Via Smartphone können Nutzer mit der Anwendung „Marbles of Remembrance“ (Murmeln der Erinnerung) kommunizieren und anhand von Kurznachrichten, Audiodateien, Fotos und Videos die Spuren jüdischer Kinder erkunden, die von 1933 bis 1945 in Berlin lebten. „Der Nutzer soll tief in die Geschichte eintauchen“, sagt Nina Hentschel, Teil des vierköpfigen Teams, das „Marbles“ entwickelte. „Um damit auch junge Menschen zu erreichen, muss man Geschichten erzählen.“

Durch die rund einstündige Tour von der August- bis zur Oranienburger Straße führt das jüdische Mädchen Majan Freier – Tochter von Recha Freier, die mit der „Kinder- und Jugend-Alijah“ Tausenden bei der Emigration aus Nazi-Deutschland half. Majan stellt in Bild und Ton etwa die Jüdische Mädchenschule und das jüdische Waisenhaus Ahawah vor, zeigt, wo Freunde wohnten und in welche Synagoge sie gingen. „Man lernt viele kleine Geschichten kennen“, sagt die Architektin und Weltkulturerbe-Expertin Hentschel. Viele sind traurig, denn oft handeln sie davon, wer wann wohin deportiert wurde. Der Bot weist auf Stolpersteine hin und schreibt dem Nutzer: „Ich kann dir auch etwas über Anne Frank sagen.“

Der Zugang zur interaktiven Stadtführung ist einfach: Man installiert den Messaging-Dienst Telegram auf dem Smartphone und fügt darin den Kontakt @MarblesBot hinzu. Die Anwendung bietet drei Funktionen: Unter „Take a tour!“ führen wahlweise Majan Freier oder Isaak Behar durch ihr Viertel. Durch Einschalten der Livestandortübertragung („Around me!“) erhalten Nutzer überall Informationen über Stolpersteine und früher dort lebende jüdische Kinder. Unter „Help!“ können dem Bot Fragen gestellt werden, die Antworten zieht dieser aus der Datenbank des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen, der die Schicksale von Verfolgten des NS-Regimes aufklärt.

Der ITS stellt die insgesamt 32 000 Karteikarten der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ online frei zur Verfügung. Dazu gehört auch die „Berliner Schülerkartei“ mit 11 000 Karten – die wichtigste Datenbasis des Chatbots. Zudem nutzte das „Marbles“-Team die komplette Stolpersteine-Berlin-Datei. Hentschel recherchierte außerdem auf tschechischen und niederländischen Webseiten, wühlte sich durch Daten des United States Holocaust Memorial Museum und der Internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem, um die Geschichten hinter den Namen zu erfahren. „Die jüdischen Kinder von damals sind Teil vergessener Geschichte, sie hatten noch keine Stimme oder haben nicht überlebt“, sagt sie.

Neben Hentschel gehören zum „Marbles“-Team der Informatiker Leonardo de Araújo, der die Plattform „Artfacts“ für die Umsetzung des Chatbots entwickelte, die IT-Wirtschaftsanalystin Adrienn Kovács sowie die IT-Auszubildende Nicole Mayorga. Da das Team international ist, gibt es bisher nur eine englischsprachige Betaversion der App, noch 2018 soll aber die Übersetzung folgen. Zielgruppe sind 15- bis 35-Jährige. Auch wenn es um Geschichten von Kindern gehe, sei das Thema für diese noch nicht geeignet, sagt Hentschel: „Wir lassen keine Gräueltaten weg und verschönern nichts.“

Künftig wollen de Araújo und Hentschel das Projekt in Zusammenarbeit mit internationalen Einrichtungen ausbauen und auch in anderen Städten anbieten. Außerdem planen die beiden die Gründung eines Unternehmens, um die Plattform „Artfacts“ zu vermarkten. Das Programm sei so aufgebaut, dass schnell und einfach Inhalte für einen Chatbot eingebaut werden könnten, sagt Hentschel. Viele Kultureinrichtungen hätten ihre Sammlungen inzwischen zwar digitalisiert, verfügten aber nicht über Anwendungen, um dieses digitale Wissen weiterzugeben. „Da liegt viel Potenzial brach. In diese Lücke wollen wir stoßen“, sagt Hentschel.

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