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Die Hände falten. Still werden. Das Herz öffnen und Gott lauschen.Das geht überall – auch im Gefängnis, wo der Autor unserer Andacht Pfarrer ist. Hier kommen Menschen zusammen, die aus völlig verschiedenen Kulturen und Religionen stammen. Die Sehnsucht nach Gott verbindet sie. Und so ist es möglich, Gott und den Glauben aus ganz neuer, ungewohnter Perspektive wahrzunehmen. Foto: win

Wo Gnade lebt

Andacht

27. Mai 2018

Über den Predigttext zum Sonntag Trinitatis: Epheser 1, 3-14

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Die Hände falten. Still werden. Das Herz öffnen und Gott lauschen.Das geht überall – auch im Gefängnis, wo der Autor unserer Andacht Pfarrer ist. Hier kommen Menschen zusammen, die aus völlig verschiedenen Kulturen und Religionen stammen. Die Sehnsucht nach Gott verbindet sie. Und so ist es möglich, Gott und den Glauben aus ganz neuer, ungewohnter Perspektive wahrzunehmen. Foto: win
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Dirk Harms (60) ist Pfarrer und Theaterpädagoge. Er arbeitet an den JVAen Schwerte und Hagen.

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Predigttext
3 Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns in den Himmeln gesegnet hat mit allem geistlichen Segen durch Christus. 4 Denn durch ihn hat er uns erwählt vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und makellos seien vor ihm, in Liebe. 5 Er hat uns schon seit langem dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus, nach seinem gnädigen Willen, 6 zum Lobpreis seiner herrlichen Gnade, mit der er uns beschenkt hat in seinem geliebten Sohn. 7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Verfehlungen. So reich ist seine Gnade, 8 mit der er uns überschüttet hat: Alle Weisheit und alle Einsicht ließ er uns zuteilwerden, 9 indem er uns das Geheimnis seines Willens kundgetan hat, das darin besteht, in ihm sein Wohlgefallen für alle sichtbar zu machen. 10 So wollte er die Fülle der Zeiten herbeiführen und in Christus alles zusammenfassen – alles im Himmel und alles auf Erden – in ihm. 11 In ihm sind wir auch sein Eigentum geworden, schon seit langem dazu bestimmt nach dem Vorsatz dessen, der alles ins Werk setzt nach der Festlegung seines Willens: 12 Dem Lob seiner Herrlichkeit sollten wir dienen, die wir schon lange unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben. (...) 14 Er ist ein erster Anteil unseres Erbes, er wirkt auf unsere Erlösung hin zum Lob seiner Herrlichkeit.(Zürcher Bibel)

Gefängnis – viele denken dabei sofort an innere und äußere Finsternis. Dort gibt es aber auch andere Erfahrungen. Kulturen treffen aufeinander, die im normalen Leben wenig Umgang haben, hier aber eng miteinander leben.
Wer bin ich hier? Was ist noch richtig? Was zählt?

Es ist Freitagmittag. Ich hocke mit 15 Muslimen auf dem Teppich in der Kirche. Als Ersatz für eine Ansprache leite ich das Gespräch vor dem Freitagsgebet. Wir befinden uns im Fastenmonat Ramadan. Die kommende Nacht trägt den Namen Lailat al-Qadr, die Nacht der Bestimmung, eines der höchsten Feste der Muslime.
„Kennt ihr die sieben Himmel?“, fragt Karim aus Tunesien
Niemand sagt etwas.

„Der innerste Himmel ist das Universum, wie wir es kennen,“ erzählt er, „doch er ist nur ein Tropfen im zweiten Himmel, dieser nur ein Tropfen im dritten Himmel und so weiter. Über dem siebten Himmel befindet sich der Thron Gottes. Er ist wunderbar, schön jenseits aller Vorstellungen. Vom Thron Gottes ist der Koran vor aller Zeit zum äußersten Himmel herabgesunken. Von dort ist er weiter und weiter gereicht worden bis zum ersten Himmel. Hier hat der Engel Gabriel die Worte empfangen und sie an Mohammed übermittelt. Das ist in Lailat al-Qadr geschehen.“

„Ich erinnere mich noch daran, wie wir diese Nacht in unserem kleinen Dorf in Bosnien gefeiert haben“, erzählt Jason, „ich war Kind. Nach dem Fastenbrechen sind wir um Mitternacht auf die Straße gegangen, Alte und Junge. In den Händen aller leuchteten Kerzen. Wir schwiegen, schauten in den Himmel, in die dunkle Leere, wo die Mondsichel wuchs. Wir hörten dem Tanz der Sterne zu. –
Das habe ich nie vergessen“, fügt er hinzu, „Gottes Thron steht im Herzen eines jeden Menschen.“

Jasons Gedanken kreisen von der unnennbaren Größe des Kosmos in das Innere unseres Herzens und von dort zurück zu Gottes Thron, sie tanzen. Was heißt das: „Gottes Thron in unserem Herzen“? Für was ist noch Raum neben der Schönheit, die alle Wörter sprengt?

Beim Lesen des Predigttextes fange ich an zu japsen. Der Verfasser will alles richtig machen und haut mir atemlos seine Wahrheiten um die Ohren. Erst im Gespräch mit den beiden Muslimen entdecke ich hinter den Worten den Tanz zwischen meiner Erwählung vor der „Grundlegung der Welt“ und der Gnade jetzt. Aber – was heißt „vor der Grundlegung der Welt“? Als es noch keine Form, keine Namen gab?
Montagsabends sitzen wir zusammen in der Stille. Muslime, Yeziden, Aleviten, Christen, Agnostiker, Männer, die eingebrochen, Männer, die Kinder missbraucht, Männer, die getötet haben. „Wer bin ich jetzt?“ Diese Frage bewegt unseren Atem – aus – ein – aus. Eine Antwort würde der Bewegung des Atems ein Ende setzen.
Wir hören auf die Stille in uns und um uns, die Stille, die den vergehenden Tag segnet, den Himmel segnend umfängt. Diese Stille kommt von dort, wo ich noch keinen Namen trage. Sie ist dort zu Hause, wo wir weder Kind noch Vater, weder Mörder noch Einbrecher, weder Christ noch Yezide sind, bar aller Zuschreibungen. In der Stille sind wir einfach da. Mehr nicht – aber auch nicht weniger.

Hier spüre ich die Gnade. In dieser Stille klingt ein Lob, das allem Lebendigen Raum lässt, auch Eschen, Libellen und Finken erfreut.

Gebet: Ach Gott, die Welt ist ein Rätsel, und ich bin es mir auch. Doch gib‘ mir niemals eine Lösung in die Hand.
Gib mir lieber eine brennende Kerze, um in den Nachthimmel zu schauen, damit ich dich immer als unwissendes Kind deiner Schönheit lobe. Amen.

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