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Das Herz galt in Israel als das Beziehungsorgan schlechthin. Darum ist es im Predigttext auch das Herz, das von Gottes neuem Bund besonders betroffen ist. Dort, wo Gefühle wie Schmerz und Freude besonders spürbar werden – wenn uns das Herz weh tut, vor Freude hüpft oder auch vor Schreck stolpert –, dort berührt uns Gott. Und seine Berührung verändert uns und mit uns die Welt. Foto: Annette Shaff

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Herzbewegend

Andacht

Von Corinna Hirschberg | 13. Mai 2018

Über den Predigttext zum Sonntag Exaudi: Jeremia 31, 31-34

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Das Herz galt in Israel als das Beziehungsorgan schlechthin. Darum ist es im Predigttext auch das Herz, das von Gottes neuem Bund besonders betroffen ist. Dort, wo Gefühle wie Schmerz und Freude besonders spürbar werden – wenn uns das Herz weh tut, vor Freude hüpft oder auch vor Schreck stolpert –, dort berührt uns Gott. Und seine Berührung verändert uns und mit uns die Welt. Foto: Annette Shaff
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Corinna Hirschberg (47) ist Bundesstudierendenpfarrerin der Evangelischen Studierendengemeinden.

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Predigttext
31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Alles neu macht der Mai! In diesem Jahr erlebe ich das frische Grün im Mai besonders stark, wahrscheinlich weil der Winter so besonders kalt und lang war. Mit dem Wiedererwachen der Natur verbinden viele Menschen einen Neuanfang und hoffen, dass dieses Jahr vielleicht einiges anders und besser werden könnte, als im letzten. Studierenden begegnet dieses Phänomen meistens zu Beginn eines Semesters: Drei unbeschriebene Monate liegen vor ihnen, neue Möglichkeiten eröffnen sich. Alles ist neu, alles ist auf Anfang!

Gerade haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert. Im Kirchenjahr hat uns also Jesus Christus als Auferstandener 40 Tage auf der Erde begleitet, bevor er „aufgefahren ist in den Himmel“. Pfingsten liegt noch vor uns. Der Heilige Geist kam noch nicht herab, um uns mit seinem Brausen zu erfüllen. Ein Verstehen durch alle Sprachbarrieren hindurch scheint noch nicht möglich. Wir sind die Zurückgelassenen.

Gott wird gebeten zu hören

An diesem Sonntag „Exaudi“ steht das Hören im Mittelpunkt. Der Name dieses Sonntags leitet sich ab von dem Beginn des lateinischen Antiphons: „Exaudi, Domine, vocem meam“. Die Worte entstammen Psalm 27, Vers 7 und heißen übersetzt: „Höre, Herr, meine Stimme.“ Gott wird gebeten zu hören, und nicht – wie ich lange Zeit dachte – der Mensch. Der Beter, die Beterin bittet Gott, uns zu hören!

In unser Leben hinein – wie es auch gerade aussehen mag – erreichen uns die Worte vom Propheten Jeremia, aus seinem sogenannten „Trostbüchlein“. Gott verspricht in ihnen einen neuen Bund mit seinem Volk. Aufgrund des alten Bundes nahm er sein Volk bei der Hand und führte es aus Ägypten heraus. Der alte wurde gebrochen; von den Menschen. Zumindest deutet so der Prophet die erfahrenen Schrecknisse des belagerten und zerstörten Jerusalems: als von Gott initiierte Strafaktion für begangene Vergehen.

Der neue Bund scheint dagegen unverbrüchlich zu sein; denn der alte Bund war ja in Stein gemeißelt. Und diesmal ist das Herz beteiligt. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben“. In der Vorstellungswelt der Psalmen ist das Herz das Beziehungsorgan schlechthin. Es ist empfindsam, liegt viel tiefer als die Haut und ist auf ein Gegenüber ausgerichtet. Der neue Bund meint ein Herzensbündnis, ein Bund von Herz zu Herz, von Gott zu Mensch, von Mensch zu Gott. In ihrem Gedicht „Bitte“ schreibt Hilde Domin: „Wir werden eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen, wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut“. Und genau an dieser Stelle, der Herzhaut, will uns Gott berühren, begegnen und bewegen.

Aber wie kann das gehen? Wir müssen nichts dafür tun. Gott selber tut. Er kommt uns entgegen, gibt das Gesetz in unser Herz. Die Beziehung von Gott zu Mensch geht von Gott aus. Und es kann täglich geschehen, dass er uns entgegenkommt und uns berührt.
Neuer Bund! Zweiter Frühling? Vielleicht auch das. Auf jeden Fall ist es aber eine neue, unverbrüchliche Beziehung, die Gott uns anbietet.

Wann beginnt der neue Bund, die neue Zukunft? Für uns Christinnen und Christen hat sie sicherlich mit Tod und Auferstehung Jesu Christi begonnen. Wir leben in dem „Schon jetzt“ und dem „Noch nicht“: Mit Jesus Christus hat etwas Neues für uns begonnen, das aber noch nicht vollendet ist.

Alles neu macht der Mai? Ja. Und mit dem Band, das Gott zu uns durch Jesus Christus geknüpft hat, haben wir einen Halt, der auch im Herbst – und sogar im Herbst des Lebens – noch standhält.

Gebet: Lebendiger Gott, du gibst uns eine zweite Chance. Du hältst zu uns, auch wenn wir irren. Dafür danken wir dir. Wir bitten dich, erhöre unser Rufen. Wir bitten dich auch für jene, die nicht mehr die Kraft haben, sich an dich zu wenden. Komm ihnen entgegen und stärke sie mit deiner Kraft. Amen.

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