hg
Bild vergrößern
Wenn Menschen miteinander über den richtigen Weg verhandeln, spielt die Frage nach dem besseren Argument eine wichtige Rolle. Aber das menschliche Gehirn hat da so seine Tücken. Foto: TSEW

Auf der falschen Spur

Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 20 / 2018

Von Anke von Legat | 12. Mai 2018

Das menschliche Hirn hat eine erstaunliche Angewohnheit: Es tut sich schwer damit, neue Informationen zu berücksichtigen – wenn die nicht zu den alten passen. Das hat Folgen

Bild vergrößern
Wenn Menschen miteinander über den richtigen Weg verhandeln, spielt die Frage nach dem besseren Argument eine wichtige Rolle. Aber das menschliche Gehirn hat da so seine Tücken. Foto: TSEW

Anzeige

Das menschliche Gehirn ist ein Wunder an Lernfähigkeit. Unglaublich, wie viele Fakten, Geschichten und Bilder darin gespeichert und miteinander verknüpft werden. Und immer passt noch etwas Neues hinein.

Leider hat dieses Wunderwerk auch Nachteile. Es funktioniert nach eigenen Mechanismen, die uns gar nicht bewusst sind – und selbst wenn sie uns bewusst sind, lassen sie sich kaum beeinflussen.

Das Gehirn speichert besonders gern das, was zu anderen Informationen passt, die schon hinterlegt sind. Wenn es dagegen mit Fakten konfrontiert wird, die nicht in sein Gesamtbild passen, lehnt es diese rundweg ab –  sogar dann, wenn eindeutig bewiesen wird, dass unsere zuvor gespeicherten Informationen falsch sind. Was wir einmal als „richtig“ eingestuft haben, bleibt hartnäckig hängen und wird immer wieder abgespult. Wie die Nadel in einer alten Schallplatte. Unserem Gehirn fällt es unglaublich schwer, aus der „Richtig“-Rille in die „Falsch“-Rille zu springen. Lieber sucht es nach tausend Erklärungen, warum die falschen Fakten eben doch die richtigen sind.

Ein Beispiel: Die meisten Menschen haben irgendwann gelernt, dass man einen Schnupfen bekommt, wenn man friert. Inzwischen hat die Medizin nachgewiesen, dass Kälte allenfalls ein nebensächlicher Faktor beim Entstehen einer Erkältung ist. Trotzdem geistert die Kälte-Theorie weiter durch die Welt. Und unzählige Menschen antworten auf die Erkenntnisse der Wissenschaft: Stimmt doch gar nicht! Wenn mir kalt ist, kriege ich garantiert Schnupfen.

Beim Thema Erkältung ist dieses Verhalten letztlich egal. Gefährlich aber wird es, wenn von dem Beharren auf der Wahrheit „alternativer Fakten“ andere Menschen betroffen sind. Wenn etwa viele Eltern glauben, dass Masern-Impfungen Autismus auslösen können, lassen sie ihre Kinder nicht impfen – was zu Masernausbrüchen führen kann, die dann auch besonders kleine oder immungeschwächte Kinder treffen. Oder wenn von Politikern und Internet-Trollen pauschal „Ausländer“ für Kriminalität verantwortlich gemacht werden – dann wächst eine feindliche Stimmung, die in Hass umschlagen kann.

Wer selbst schon einmal versucht hat, gegen solche „alternativen Fakten“ anzudiskutieren, weiß, wie schwer und frustrierend das ist. Unser Gehirn und unsere Psyche sind auf Vereinfachung und Beständigkeit angelegt und gehen dabei eine Verbindung ein, die kaum aufzubrechen ist.

Psychologen, die diese Verbindung untersucht haben, raten dazu, Fehlinformationen ausführlich zu begegnen. Statt nur „Stimmt nicht!“ zu rufen, sollte eine Geschichte erzählt oder eine alternative, möglichst positive Erklärung angeboten werden. Auf diese Weise, so die Hoffnung, wird  das Gerücht im Geist verdrängt.

Das klingt leichter, als es ist. Trotzdem ist es den Versuch wert. „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten“, heißt es im Epheserbrief. Gerade in Zeiten von Fake-News.

Per E-Mail empfehlen