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Hat kein Problem „mit einem engagierten Pastoren, der sich Sorgen um den Fortbestand der Schöpfung macht“. Politisches und Theologisches aber sollten seiner Meinung nach nicht „zusammengeworfen werden“: Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“. Foto: epd

„Ranzige Vorurteile“

Politik und Kirche

Aus der Printausgabe - UK 15 / 2018

5. April 2018

Mit scharfen Worten kritisiert „Welt“-Chef Ulf Poschardt Predigten mit politischen Botschaften. Die Kirche hat den Journalisten als regelmäßigen Besucher verloren

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Hat kein Problem „mit einem engagierten Pastoren, der sich Sorgen um den Fortbestand der Schöpfung macht“. Politisches und Theologisches aber sollten seiner Meinung nach nicht „zusammengeworfen werden“: Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“. Foto: epd

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Mit einem empörten Tweet über eine Predigt an Heiligabend hat „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt Ende 2017 eine Debatte über politische Botschaften in der Kirche ausgelöst (UK berichtete). Im Gespräch mit Corinna Buschow und Karsten Frerich erzählt der 51-Jährige jetzt, was ihn damals konkret störte, was ihm persönlich das Christsein bedeutet und warum ihn die Kirche trotzdem als regelmäßigen Gottesdienstbesucher verloren hat.

„Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ twitterten Sie an Heiligabend nach dem Kirchgang. Geben Sie der Kirche inzwischen wieder eine Chance?  
Der Kirche muss man eigentlich keine Chance geben. Das ist ja eine verkehrte Vorstellung, dass diejenigen, die einen Gottesdienst besuchen, einen Anspruch auf etwas Bestimmtes hätten. Jeder Mensch, der christlich geprägt aufgewachsen ist und das freudvoll erlebt hat, hat eine Sehnsucht, in gewissen Momenten in die Kirche zu gehen. Die Kirche hätte demnach alle Chancen verdient. Trotzdem muss ich klar sagen: Mich hat die Kirche als Kirchgänger verloren.

Welche Bedeutung haben Glaube und Kirche für Ihr Leben?
Ich komme aus einer Familie, in der man jeden Sonntag in die Kirche gegangen ist. Mein Vater hat selbst bei den Methodisten gepredigt. Ich bin also mit jemandem aufgewachsen, der mit der Bibel herumlief und sich darüber Gedanken machte. Er war ein hervorragender Prediger. Mich hat das beeindruckt und letztlich geprägt, meinen Vater auf der Kanzel zu sehen.
Dann kam mein Zivildienst bei den Methodisten in Hamburg. Der Pfarrer lebte damals gerade in Scheidung, und wir wurden dadurch zu einer Jungs-WG in einem sozialen Brennpunkt. Wenn der Pastor an seinen Predigten gearbeitet hat, haben wir oft darüber gesprochen. Ich hatte damals immer wieder Begegnungen mit Predigern und theologisch versierten Menschen, die mich inspiriert haben.
Später – obwohl Methodist und damit Ultra-Protestant – habe ich bei den Jesuiten studiert. Das war für mich theologisch die interessanteste Prägung, weil die hohe Intellektualität für mich einen Maßstab gesetzt hat, wie man Glaube, Vernunft und Verstand zusammenbekommt.

Wie kam es zur Entfremdung von der Kirche?
Seit meiner Studienzeit bin ich quasi nur noch bei meinen Eltern in die Kirche gegangen. Es wurde ein distanziertes Verhältnis. Bei jeder Taufe oder Hochzeit im bürgerlichen Milieu, die ich danach erlebt habe, dachte ich: Das kann nicht wahr sein, was dir da serviert wird – Klischees, ranzige Vorurteile, Dämonisierung von Macht und Erfolg, Verklärung des Opfers und Leids, Lustfeindlichkeit. Da wurde ich wütender und wütender. Es ist doch eine frohe Botschaft, die in der Bibel steht. Warum immer das schlechte Gewissen?

In Ihrem Tweet ging es vorrangig um die politische Haltung des Pfarrers. Es scheint aber noch etwas Anderes zu sein, dass Sie von der Kirche weggetrieben hat.
Wenn ich mich frage, warum ich nicht mehr gern in die Kirche gehe, sind es vor allem drei Dinge: die Haltung, das Niveau und das Wiederkäuen von parteipolitischen Positionen. Ich beschäftige mich als Chefredakteur der „Welt“ jeden Tag mit Politik. Wenn ich die gleichen Sachen, die ich von Grünen-Chef Robert Habeck vor zwei Wochen im Interview gelesen habe, später von der Kanzel höre, befremdet mich das.  
Steffen Reiche, der an Heiligabend in der besagten Christmette predigte, ist ein hervorragender Prediger. Weihnachten merkte ich den Politiker in ihm. Ich finde es problematisch, wenn die Evangelische Kirche in Deutschland und Rot-Grün zu einer unzertrennbaren Einheit fusionieren. Das finde ich für Kirche und Politik gleichermaßen fatal.

Sollten sich Pfarrer gar nicht politisch äußern?
Die Politik ist nicht das Problem. Die Bibel ist ein hochpolitisches Dokument. Die Weihnachtsgeschichte selbst ist eine politische Erzählung. Mir geht es darum: Nähere ich mich dem Text mit einer theologischen Sprache, oder benutze ich ihn nur, um all meine politischen Botschaften loszuwerden? Ich will am Heiligen Abend nicht den Presseclub serviert bekommen.  
In der Christmette saß ich als glücklicher Mann. Es war still, ich war dankbar für das Glück meiner Familie, dafür, in Frieden und Freiheit in die Kirche gehen zu können, wunderschöne Weihnachtslieder. Dann gab es die erste Provokation, bei der ein Mann sogar aufgestanden ist, und letztlich die Predigt. Es roch etwas danach, dass dieser Moment instrumentalisiert wird, um einen politischen Raum auszubreiten. Es geht darum, wie selbstverständlich manchmal das Politische und das Theologische zusammengeworfen werden.

Warum sind Sie nicht aufgestanden?
Das wäre unbürgerlich. Am Ende war ich trotzdem auch dankbar für die Christmette. Und dass ich nicht gegen das Politische per se anrede, sieht man auch daran, dass ich danach selbst politisch agiert habe. Dass der Tweet solche Reaktionen auslöst, konnte ich nicht ahnen. Es deutet aber darauf hin, dass es scheinbar vielen Menschen an Weihnachten 2017 ähnlich gegangen ist.

Bedient die Kirche einseitig ein politisches Lager?
Ja, ganz klar. Das an sich finde ich nicht einmal problematisch. Ich habe kein Problem mit einem engagierten Pastoren, der sich Sorgen um den Fortbestand der Schöpfung macht, leidet an der Zerstörung der Umwelt. Ich habe auch kein Problem damit, wenn er dann sagt, er sei überzeugter Grünen-Wähler. Er muss es aber auseinanderhalten.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Tweet – vor allem Empörung?
Es war bezeichnend, wer sich für die Pastoren ins Zeug gelegt hat – ein Abbild der parteipolitischen Präferenzen. Es gab aber auch die andere Reaktion. Es haben sich Pastoren gemeldet, die mir Recht gaben. Ich habe ein paar Dutzend Predigten zugesendet bekommen mit einem Dank für das, was ich da geäußert habe.

Muss sich die Spitze der EKD Gedanken über ihr Verhältnis zu den Parteien machen?
Ich will mich mit einem Tweet, der zwölf Sekunden in Anspruch nahm, nicht aufspielen. Ich dachte dabei auch nicht: Jetzt zeige ich es mal der EKD. Sie muss für sich beantworten, ob sie das problematisieren will.

Gäbe es eine Chance, Sie als Kirchgänger wiederzugewinnen?
Ich würde mir wünschen, wenn es so wäre. Ich freue mich jedenfalls, dass ich durch den Tweet jetzt wieder viel mit engagierten Christen zu tun habe, auch außerhalb der Gemeindekreise. Ich bin als außenstehender Sympathisierender dankbar für diese Debatte.

nn Mit Steffen Reiche, an dessen Predigt Sie an Heiligabend Anstoß genommen haben, haben Sie sich Anfang des Jahres zum Abendessen verabredet. Hat das Treffen stattgefunden?  
Noch nicht. Das scheitert aber ausschließlich an Terminfragen. Wir haben uns seitdem schon einmal kurz getroffen, und das war sehr nett. Am Ende sind wir uns ja ähnlich: Wir sind beides Hitzköpfe und Freunde von scharfen Polemiken. Ich freue mich auf das Treffen.

nn Sie sind Chefredakteur einer Zeitung, die im bürgerlichen Milieu verankert ist. Welche Rolle spielen die Kirchen noch für Ihre Leser?
Eine wichtige und – das freut mich – eine zunehmend wichtige. Wir haben einen jungen brillanten Kollegen – Lucas Wiegelmann –, der Glaubensthemen immer wieder in den Blick nimmt. Seine moderne Interpretation des Katholizismus inspiriert mich und unsere Leser. Auch die Reaktionen auf diesen Tweet haben mir vor Augen geführt, welch wichtiges Thema das ist. Ich denke gerade darüber nach, wie wir dem künftig noch stärker eine Form geben. Die Bindungskräfte der Kirche in die bürgerlich-konservative Welt sind schwächer geworden. Deshalb wollen wir uns mit Traditionen, die aus dem Christentum kommen, beschäftigen – schon allein, um aufzuklären, was hinter manchem steckt, was derzeit mit dem Slogan „christliches Abendland“ unterwegs ist.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 6. April 2018, 12:52 Uhr


Wenn ich das lese, drängt sich der Vergleich: Cinesen essen Hunde, Franzosen Frösche und der Wolf das Rotkäppchen. Wie Herr Poschardt scheinen viele Menschen vom Vorurteil beseelt, die "Kirche" sei verpflichtet, ihnen ihren Glauben zu beweisen.
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