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„Manchmal, wenn ich über die Berge laufe, unter dem Himmel – da frage ich mich: Schaut er mir jetzt von oben zu?“ Elmar Sprink, zweites Herz in der Brust, Iron Man: Mann aus Eisen. Foto: www.photopositive.co.uk/David Newton

Es ist vollbracht

Zwischen Himmel und Hölle (VII)

Aus der Printausgabe - UK 14 / 2018

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 31. März 2018

Junger Mann, erfolgreich im Beruf, super Sportler: Elmar Sprink ist ein Iron Man, ein Mann aus Eisen. Dann bleibt sein Herz stehen. Aber er kämpft sich zurück: Auch mit Spenderherz läuft er wieder über Berge. „Der Glaube ist wichtig“

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„Manchmal, wenn ich über die Berge laufe, unter dem Himmel – da frage ich mich: Schaut er mir jetzt von oben zu?“ Elmar Sprink, zweites Herz in der Brust, Iron Man: Mann aus Eisen. Foto: www.photopositive.co.uk/David Newton

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Unsere siebenteilige Serie mit persönlichen Schicksalen zu den sieben letzten Worten Jesu schließt mit einer Geschichte zu „Es ist vollbracht“ (Johannes 19,30): die zweite Chance zu leben.

3,8 Kilometer schwimmen. 180 Kilometer Radfahren. 42 Kilometer Laufen. Alles am Stück: Elmar Sprink ist ein „Iron Man“, ein Mann aus Eisen. So lautet der Ehrentitel für jene, die den Triathlon absolviert haben – die Königsklasse im Ausdauersport. Elmar Sprinks Körper ist eine Hochleistungsmaschine. Ein Wunder aus Wille und Kraft.

Elmars größter Triumph: als er vor fünf Jahren zum ersten Mal wieder alleine aufs Klo konnte.

Salzkotten. Ein Ort im Paderborner Land. Hier wird Elmar Sprink vor 46 Jahren geboren. Der junge Mann macht Karriere, geht nach Düsseldorf, wird Marketing-Manager einer IT-Firma. Und er treibt Sport. Leidenschaftlich. Radfahren, Laufen. Alpenpässe hoch und runter. Schwimmen. Je länger, desto bester. Elmar Sprink stößt in Ausdauer-Regionen vor, von denen andere nicht mal zu träumen wagen.
Er sitzt daheim auf dem Sofa, als es passiert.

Elmar Sprink ist topfit. Austrainiert, gerade erst vom Belastungstest beim Arzt zurück. Alles okay. Umso unfassbarer, was dann geschieht: Der damals 38-Jährige erleidet einen Herzstillstand. Zuhause. Und niemand ist da, der ihm helfen könnte. „Meine Frau hatte eine Verabredung“, erzählt Sprink. „Überlebt habe ich nur, weil ihr Treffen ausfiel und sie vorzeitig zurückkam.“

Die Ehefrau alarmiert den Nachbarn. Der ist Arzt. Er reanimiert Elmar Sprink. Mit Blaulicht geht’s in die Klinik.
Die nächsten zwei Jahre: eine Zeit voll Zittern und Zagen. Krankenhausaufenthalte. Reha. Einbau von zwei Herzpumpen. Aber alle Anstrengungen der Ärzte reichen nicht. Elmar Sprink: „Mein Herz hat kaum noch geschlagen.“ Elmar braucht ein neues Herz. Theoretisch gut machbar. In Deutschland aber ein schwer zu lösendes Problem.

Denn hierzulande tun sich die Menschen schwer, ihre Organe für den Fall des Ablebens den Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Zwar können sich Umfragen zufolge  acht von zehn Deutschen durchaus  eine Organspende vorstellen. Aber sie füllen keinen Organspende-Ausweis aus. Und es gilt: Ohne schriftliche Erklärung keine Organ-Entnahme. So sterben jedes Jahr etwa 1000 Menschen in der Bundesrepublik, weil es zu wenig Spenderorgane gibt.

Elmar aber hat Glück: Er überlebt lange genug, es findet sich ein Herz für ihn. Im Herzzentrum Bad Oeynhausen tauschen Spezialisten die beiden Organe gegeneinander aus. Einen Monat später, nach 189 Tagen im Bett, kann Elmar Sprink entlassen werden.  „Das erste Mal alleine wieder zur Toilette, ohne fremde Hilfe – ich weiß nicht, ob ich mich jemals mehr gefreut habe“, erinnert sich Sprink. Zwar bleibt die nächste Zeit kritisch. Die entscheidende Frage ist, ob der Körper das neue Herz akzeptiert. Oder den ungewohnten Mitbewohner wieder abstößt. „Aber irgendwie“, erzählt Elmar Sprink, „hatte ich damals das Gefühl: Es ist vollbracht. Du kriegst die Chance auf ein neues Leben.“

Geschafft hat es Elmar Sprink auch deshalb, weil er einen Halt hatte. Das ist wichtig, sagen die Ärzte. „Ich bin nicht der Typ Gottesdienstgänger“, erklärt Elmar. Aber in der Klinik bekommt er Besuch: Franziskaner-Nonnen. Für deren Orden hatte Elmars Vater Krankenhäuser geleitet. „Ich bin quasi bei denen aufgewachsen“, so Elmar Sprink. Die Nonnen beten für ihn, mit ihm. „Rund um die Uhr“, sagt Elmar. „Ich hatte ganz stark das Gefühl: Da ist jemand, der über dich wacht. Der dir hilft.“
Elmar Sprink kämpft sich zurück ins Leben. Er beginnt wieder mit Sport. Erst ein bisschen. Dann mehr. Sein erklärtes Ziel: Auch mit dem neuen Herzen den Triathlon schaffen. Und das Herz macht mit. Es entwickelt eine ungeheure Energie.

Damit ich leben kann, muss ein anderer sterben: Für viele Transplantierte kann diese Erkenntnis traumatisch sein. Auch für Elmar? „Man weiß ja nicht, von wem das Herz stammt“, erklärt Sprink. „Aber manchmal, wenn ich über die Berge laufe, unter dem Himmel – da frage ich mich schon: Hat der auch Sport gemacht? Schaut er mir von oben zu?“ Und trotzdem: „Es ist jetzt mein Herz.“ Danke! – das ist Elmars Antwort auf die Organspende.

Die Geschichte des „neu geborenen Iron Man“ erregt Aufsehen. Die BILD-Zeitung klingelt an. Sponsoren sprechen vor. „Das hat natürlich geholfen“, erzählt Sprink. Denn der Job ist weg, die Versicherungen machen Probleme. Das Ehepaar Sprink lebt vom Einkommen der Frau, dazu kommt eine Abfindung des ehemaligen Arbeitgebers.

Elmar Sprink fängt an, Vorträge zu halten. Schreibt ein Buch*. Seine Botschaft: „Lebe. Jetzt!“, erklärt Sprink. „Schiebe deine Träume nicht auf, bis es zu spät ist.“
Immer mehr Medien berichten über Sprink. Die meisten machen aus seinem Leben eine „Strahle-Geschichte“, so Elmar Sprink. „Aber so leicht ist das nicht. Das ist nur die eine Seite.“ Manchmal habe er Phasen, da fühle er sich stark. Könnte Bäume ausreißen. Dann wieder: schlapp. Lethargisch. Einfach verkriechen. Ein ständiges Auf und Ab. „Als ob ein Schwert über dir schwebte“, so Sprink.

Die Medikamente, die Elmar gegen mögliche Abstoßungs-Reaktionen nehmen muss, schwächen das Immunsystem. „Viele Transplantierte sterben nach einer einfachen Erkältung an Lungenentzündung“, erklärt Elmar Sprink. Deshalb muss er Busse und Bahnen meiden. Flugzeugreisen zu internationalen Sport-Events sind hochriskant. Dazu kommt ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken. „Ob ich mal so alt werde, wie meine Eltern jetzt sind?“, sinniert Sprink. Das wäre ein Rekord. „Auf den Durchschnitt gesehen lebt man nach einer Herztransplantation 15 Jahre weiter“, so Elmar Sprink. Bei ihm könnten es mehr sein, weil er relativ jung war, als man ihn operierte.

Demnächst wird sich Elmar einen Traum erfüllen: Dann ist er beim Triathlon im österreichischen Klagenfurt dabei. Den hatte er damals wegen der Erkrankung nicht absolvieren können. „Das wird mir noch einmal ganz deutlich zeigen: Ich bin zurück“, erklärt Sprink. Und trotzdem: „Es ist immer nur für den Moment geschafft. Du hast nie die Garantie, wie lange es weitergeht“, so Sprink.

Aber das sei ja letztlich auch nicht anders als im normalen Leben: Heute. Morgen. Nächstes Jahr – „es kann jederzeit zu Ende sein“, sagt Elmar Sprink. Wichtig sei der Glaube. Die Hoffnung. Das Festhalten daran: Es geht weiter.

* Buchtipp: Elmar Sprink: Herzrasen 2.0. Mit Spenderherz zum Ironman, Verlag Delius Klasing, 22,90 Euro.

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